Thomas Bach:Reif für die Vereinten Nationen?

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Thomas Bach: Spekulationen, Thomas Bach könnte über 2025 hinaus Ringe-Chef bleiben, sind verstummt.

Spekulationen, Thomas Bach könnte über 2025 hinaus Ringe-Chef bleiben, sind verstummt.

(Foto: Salvatore Di Nolfi/dpa)

Dynastische Erbfolge im Olymp: Sobald Thomas Bach den IOC-Vorsitz weitergibt, könnte ein neues Amt auf ihn warten - nicht in der Heimat, aber vielleicht als hoher UN-Repräsentant.

Kommentar von Thomas Kistner

Die Karawane sattelt auf, nichts wie weg will das Gros der Teams und Athleten. In Peking, das nun weltexklusiv Sommer- und Winterspiele im Wappen trägt, bleibt aber mehr als der olympische Sondermüll aus Bau- und Umweltsünden zurück. Zwischen Skischanzen vor Fabrikschloten und einer milliardenteuren Rodelbahn, die kein Mensch braucht, wuchert ein neuer Götzenkult. Ein Museum, ein Denkmal - gewidmet keinem Sportler, sondern zwei Apparatschiks der olympischen Geldbewegung: ein ringförmiges Supermausoleum für den Alt-Olympier Juan Antonio Samaranch sowie eine bizarre, in Bronze gegossene Büste des Thomas Bach. Thomas wer?

Gut, in der Heimat dürfte ihm das kaum passieren. Dort kennt man Bach zu gut: Man weiß von delikaten Affären wie jene als Berater für Siemens, als der Konzern Olympiaaufträge für Peking 2008 erfüllte. Oder vom Vorsitz in einer umwitterten deutsch-arabischen Handelskammer. In der Heimat blieb dieser Satz, der Bach besser erklärt als Stasi- oder Firmenakten, er fiel 2006 und lautet: "Bei mir stand nie Planung dahinter." Keine Planung! Ernsthaft.

Es gibt im Weltsport wohl keine akribischer geplante Karriere als jene des deutschen Industrieberaters. Sein politischer Ziehvater Samaranch zog ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert, als Jüngsten seiner Zeit, hoch in den IOC-Vorstand. Geformt hatte ihn Horst Dassler, jener Mann, der Samaranch mit dicken Kuverts auf den IOC-Thron verhalf.

Persönliche Strategien hat Bach stets abgestritten. Aber seine Handschrift zeigt anderes

Dass auch Bachs Pfad an die IOC-Spitze vorgezeichnet war, sprach 2013 just der Mann in TV-Kameras, der den Deutschen mit Voten der Drittwelt-Funktionäre an die Spitze hievte: Ahmad al-Sabah. Der Scheich aus Kuwait sagte, Bachs Aufstieg sei schon 2001 beschlossen worden - und Bach müsse auch seinen Teil der Abmachung erfüllen.

Bach stritt auch diesen Plan ab. Aber seine Handschrift zeigt anderes. Samaranch dankte 2001 wegen einer Korruptionsaffäre ab, nach 21 Jahren auf dem IOC-Thron. Sein Sohn Juanito rückte zugleich ins IOC, und weil der Ringe-Clan nach dieser Skandal-Ära öffentliche Beruhigung brauchte, übernahm erst einmal der belgische Arzt Jacques Rogge die IOC-Führung.

Doch damals wurde auch ausgekartelt, das darf man dem Königsmacher Al-Sabah getrost abnehmen, dass Bach folgen solle. Und tatsächlich führt Samaranchs Ziehsohn seit 2013 das IOC zurück in alte Feudalstrukturen - und weiter: Größer denn je ist die Machtfülle des Ringe-Patrons. Über handverlesene Prüfstäbe kann er steuern, wer Sommer- oder Winterspiele erhält; sein serviler Vorstand kann missliebige Sportarten rauswerfen und neue Mitglieder reinholen. Bei alledem schaut das restliche IOC-Volk nur noch zu.

Zu einer dynastischen Erbfolge im Olymp gehört aber nun eben auch, dass Samaranch junior auf Bach folgt; wie das so läuft in ehrenwerten Familien. Und tatsächlich sind Spekulationen, dass sich Bach über das reguläre Verfallsdatum anno 2025 hinaus weitere vier Amtsjahre absegnen lassen würde, verstummt. Aber halt, was macht er dann?

Ein globales Netzwerk, das bis in Nobelpreis-Gefilde reicht, wäre das natürliche Habitat für Bach

Einer wie er züchtet niemals Rosen, das nächste politische Amt muss her. Aber nicht in Deutschland, hier dürfte die Ablehnung zu heftig sein: Eine freiheitliche Gesellschaft wird keinen Repräsentanten akzeptieren, dem Chinas Machthaber ein Denkmal setzen. Wofür auch immer.

Was bleibt also? Eine große, reale Befürchtung: Da ist ja noch dieser Bund, in dem mehr palavert als gehandelt wird, und wo sich allerlei Ehren und Würden abstauben lassen. Die Vereinten Nationen. Hier zählen Bachs größte Fürsprecher, China und Russland, sowie die Gastgeber der nächsten Sommerspiele, Frankreich und die USA, zu den Top Five. Auch scharen sich seit langem der verflossene wie der aktuelle UN-Generalsekretär auffallend eng um Bach, sie lassen die Integrität dieses Amtes aufs IOC abstrahlen. In Peking pries Antonio Guterres den Ringe-Clan wieder einmal als Motor künftiger Weltverbesserungen; mit Xi Jinping flankierte er Bach bei der Eröffnungsfeier. Sein Vorgänger Ban Ki-Moon ließ sich sogar den Vorsitz im (faktisch abhängigen) IOC-Ethikkomitee aufschwatzen; bei der IOC-Session trat er als Redner auf.

Ein globales Netzwerk, das bis in Nobelpreis-Gefilde reicht, wäre das endgültige Habitat für Bach. Bei den UN tritt er natürlich selbst gern in die Bütt, das olympische Gesangsbuch unterm Arm: Hier lässt sich trefflich Wohltäter der Menschheit spielen. In Peking, im Dopingdrama um die 15-jährige Kamila Walijewa, hat er jetzt sogar erstmals ein (Krokodils-)Tränchen zerdrückt, hat sogar russische Sportfunktionäre attackiert. Wird die Welt künftig staunend der Gefühlswerdung eines eiskalten Ringe-Herrschers beiwohnen?

All das läuft auf die Frage zu, ob sich in den UN zur rechten Zeit ein Plätzchen finden lässt. Es muss ja keines ganz unten sein. Wobei: Planung steht bei Bach ja nie dahinter. Es sieht nur immer so aus.

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