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Olympia:Sportverband gegen Zwillings-GmbH

Olympic Games 2016 Athletics, Track and Field

Die Hahner-Zwillinge im Ziel des Olympia-Marathons.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Die heftige Kritik des Deutschen Leichtathletik-Verbandes am olympischen Zieleinlauf der Hahner-Zwillinge hat eine Vorgeschichte. Es prallen zwei Interpretationen von Leistungssport aufeinander.

Von Martin Schneider

Lisa und Anna Hahner haben bei Facebook geschrieben, dass sie mit ihrer Leistung nicht zufrieden sind, und es war wichtig, das nochmal ausdrücklich zu schreiben, weil man es auf dem Foto, über das nun alle diskutieren, nicht sieht. Das Foto zeigt die Zwillinge beim Zieleinlauf des olympischen Marathons, sie halten sich an den Händen, sie lächeln - ein fröhlicher Zieleinlauf für die Plätze 81 und 82.

Es ist natürlich nicht verwerflich, 81. und 82. zu werden, aber dann kam da auch noch die Zeit dazu. Die Marathon-Zwillinge blieben klar über ihrer eigenen Bestleistung. Die dritte Deutsche, Anja Scherl aus Regensburg, die eine ähnliche Bestzeit wie die beiden Zwillinge hatte, lief acht Minuten schneller. Langsam und strahlend und händchenhaltend, dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) gefiel das nicht wirklich. Er reagierte heftig.

"Unter dem Gesichtspunkt eines sportlichen Wettkampfes ist es nur schwer zu verstehen, dass man händchenhaltend ins Ziel läuft. Das passt nicht zu meinem Bild von einem Wettkampf", sagte Clemens Prokop, DLV-Präsident. Sportdirektor Thomas Kurschligen drehte den Vorwurfs-Schalter noch weiter: "Hand in Hand geht man spazieren, aber nicht über eine olympische Marathon-Distanz." So ein Verhalten sei "ein Schlag ins Gesicht gegenüber allen anderen Athleten der deutschen Olympiamannschaft".

Mehr Kritik ist kaum möglich. Thomas Dold, der Manager der Hahner-Zwillinge, sagte, man lasse die Aussagen unkommentiert. Das Überqueren der Ziellinie sei dennoch einer der größten sportlichen Momente ihrer Karriere gewesen.

Die Vorgeschichte der Eskalation

Dieser Zwist auf der höchsten Eskalationsstufe zwischen dem DLV und den blonden Zwillingen aus Hessen hat eine Vorgeschichte und einen Hintergrund. Es prallen da zwei verschiedene Interpretationen von Leistungssport aufeinander. Auf der einen Seite der Verband mit seinen Vereinen, Regularien und Sportförderungen. Auf der anderen Seite zwei Läuferinnen, die sich selbst vermarkten, die einen Manager haben und mit ihrem Sport Geld verdienen wollen.

Anna und Lisa Hahner starteten früher für einen ganz normalen Verein, den PSV Grün-Weiß Kassel. Das Vereinsleben taugte ihnen aber nicht. Zu altbacken, zu viele Leute, die mitreden. Sie taten sich mit Thomas Dold zusammen, einem Treppenläufer, der mehrfach den Lauf auf das Empire State Building gewonnen hat und außerdem ein abgeschlossenes Wirtschaftsstudium besitzt. Das Ziel der Partnerschaft: Anna und Lisa Hahner bekannter und schneller zu machen. In dieser Reihenfolge. Über Bekanntheit kommen Sponsoren, über Sponsoren Geld, mit Geld kann man von seinem Sport leben. So ist die Formel. Es ist ein unternehmerischer Ansatz, der im deutschen Sport in dieser Form so ungewöhnlich ist, dass die Hahner-Zwillinge oder auch "Hahner-Twins" die ersten Läuferinnen in Deutschland waren, die ihn in der Form ausführen. Eine Zwillings-GmbH.

Das Wichtigste zu Olympia 2016 in Rio

2013 trennte sich dann ihr Trainer Wolfgang Heinig von ihnen. "Ich war nicht einverstanden mit der Art und Weise der Vermarktung", sagte er. Bis heute ist er Langstreckenbundestrainer beim DLV. Vermutlich begann das Verhältnis zu diesem Zeitpunkt, sich auseinander zu entwickeln. Anna flog durch die Trennung von Heinig aus der Sportfördergruppe der Bundeswehr. 2014 wollte sie dann nicht bei der Europameisterschaft im Marathon starten: Der Grund: Es lohnte sich nicht. Eine Teilnahme am Berlin-Marathon brachte mehr Geld. Der DLV war empört.

Die Hahner-Zwillinge wurden ein Name in der deutschen Laufszene, sie wurden bekannter, sie verlangten höhere Antrittsgelder bei Marathons und Volksläufen, den einzigen echten Massenveranstaltungen der Leichtathletik. Sie halten Motivations-Vorträge, sie verkaufen Bücher. Der DLV führt sie offiziell im sogenannten B-Kader, eine Art Nationalmannschaft, die einem Athleten finanziell aber kaum etwas bringt. Mal wird ein Trainingslager finanziert, die Deutsche Sporthilfe überweist 200 Euro monatlich.

Olympia als Werbeplattform

Es könnten zwei Modelle sein, die nebeneinander funktionieren, ohne sich in die Quere zu kommen. Anna und Lisa Hahner sind nicht schnell genug, um in der erweiterten internationalen Spitze mitzulaufen. Aber dann kam in diesem Jahr die Geschichte mit der Marathon-Norm dazu. Die Hahners waren eigentlich zu langsam, um nach DLV-Maßstäben in Rio starten zu dürfen. Der deutsche Verband setzte aber die Norm höher, als er zwingend gemusst hätte.

Das hat er schon immer so gemacht, weil er auf eine sogenannte "Endkampf-Chance" des Athleten besteht und die geforderte Marathon-Zeit dann im Verhältnis etwa an die Zeiten im Hürdenlauf anpasst. In dieser Disziplin muss man sich bei den Spielen im Gegensatz zum Marathon über Vorläufe für das Finale, den Endkampf, qualifizieren. Andere Länder sind da nicht so streng. Das führte dann zum Beispiel zu der Situation, dass beim Berlin-Marathon der Regensburger Philipp Pflieger zeitgleich mit einem Belgier ins Ziel lief, der Belgier freute sich über die Rio-Qualifikation. Pflieger nicht. Er und Julian Flügel, der in der gleichen Situation war, drohten, dagegen zu klagen und am Ende wurde die Norm aus verschiedenen Gründen (große Empörung, neue Doping-Enthüllungen, angedrohte Klage) runtergesetzt. Der DLV musste Pflieger, Flügel, Scherl und eben die Hahners für Rio nominieren.

Und natürlich nutzten die Hahner-Zwillinge Olympia, um für sich zu werben. Auf ihrer Facebook-Seite, ihrem Hauptmitteilungskanal, inszenierten sie ihr Training für die olympischen Spiele, sie präsentierten ihre Sponsoren, auch zwei Tage vor dem Marathon hatten die Zwillinge noch einen großen PR-Termin mit Fotoshooting und Film-Aufnahmen. Dann liefen sie den Marathon zu langsam, trabten aber mit einem Zahnpasta-Lächeln über die Ziellinie - und dem DLV platzte der Kragen.

Bei Olympia dürfe "die PR-Strategie nicht über den Interessen" einer Nationalmannschaft stehen, sagte Kurschligen. Ihre Zeit von 2:45,32 Stunden begründeten sie unspezifisch. "Kleine Wehwehchen entwickeln sich über die Dauer zu Beschwerden und irgendwann gewöhnt man sich an die Schmerzen", stand im Eintrag auf ihrer Facebook-Seite. Indirekt schrieben sie zur Kritik von Funktionären und auch von anderen Sportlern wie ihrer Laufkollegin Sabrina Mockenhaupt, die ihnen vorwarf, nicht authentisch zu sein: "Wir wollen euch an unseren Lauferlebnissen teilhaben lassen. Alle, die kein Interesse daran haben, dürfen die Seite gerne disliken."

© Sz.de/fued/mane
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