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Olympia:Zika ist kein Grund, sich derzeit vor Rio zu fürchten

Um die etwas angekratzten brasilianischen Befindlichkeiten zu verstehen, muss man sich vielleicht noch einmal an jenen Tag im Juni erinnern, als die Weltgesundheitsorganisation WHO ernsthaft darüber entscheiden sollte, ob die Spiele abgesagt werden müssen. Wegen Zika. Allen vernunftgesteuerten Einwänden zum Trotz - die Stechmücke Aedes aegypti hält um diese Jahreszeit in Brasilien Winterruhe, während sie etwa in Florida ihr Unwesen treibt - sagte die halbe Golfer-Elite ihre Teilnahme ab. Tapfere männliche Athleten, die dennoch nach Brasilien reisten, froren zur Sicherheit ihre Spermien ein. Die US-Torhüterin Hope Solo verbreitete ein Selbstportrait mit Moskito-Maske. Es gibt ein paar gute Gründe, sich derzeit vor Rio zu fürchten. Zika gehört nicht dazu. Die WHO teilt mit: Bislang wurde keine einzige Neuansteckung während der Spiele registriert.

Olympia "Ich kann das nicht fassen, ey!"
Olympia

"Ich kann das nicht fassen, ey!"

Im Tollhaus an der Copacabana gewinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst Gold im Beachvolleyball. Die Gegnerinnen aus Brasilien haben nicht den Hauch einer Chance.   Von Frieder Pfeiffer

Was ihre Fähigkeit zur Selbstironie angeht, liegen die Brasilianer fast auf einer Stufe mit den Briten. Ärger gibt es, wenn sich andere über sie lustig machen. Das hat Hope Solo bei jedem Abschlag zu spüren bekommen. "Ooooohh, Zikaaa!", schallte es da durch die Stadien. Aktueller Großaufreger in Brasilien ist eine Polemik aus der New York Times, in der Rios berühmte Keksspeise "Biscoito Globo" als langweilig und geschmacklos bezeichnet wird.

Es heißt, die Gastgeber würden mit ihrem Jahrhundertfest fremdeln, aber das stimmt nur auf den ersten Blick. Viele Ränge sind auch deshalb verwaist, weil olympische Großsponsoren Ticketkontingente geblockt haben, sie aber nicht nutzen. Der Verkauf der Eintrittskarten sagt ohnehin wenig über die tatsächliche Anteilnahme aus. Für die Leichtathletik-Veranstaltung am Freitagabend gibt es noch Resttickets ab 100 Euro. Die billigsten freien Sitzplätze für das Finale im Frauenfußball kosten 60 Euro, die für den Modernen Fünfkampf 45 Euro. Muss sich da einer wundern, dass nicht die Massen zur Abendkassen strömen, in einem Land, in dem der monatlichen Mindestlohn bei rund 250 Euro liegt? In Rio wurden Mitarbeiter im öffentlichen Dienst zuletzt monatelang gar nicht bezahlt, Rentner warteten ein Vierteljahr auf ihre Pensionen. In der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten haben die meisten Brasilianer andere Sorgen als ihr letztes Geld auszugeben, um Sportler zu sehen, die sie größtenteils nicht kennen.

Weltweites Fernsehpublikum: Brasilien guckt zu viel Fernsehen

Viele wollen trotzdem irgendwie an Olympia teilnehmen. Sie machen das, was sie sich leisten können. Vor den Gästehäusern der Nationen bilden sich absurd lange Schlagen, vor allem dort, wo kein Eintritt verlangt wird. Im Legoland der Dänen zum Beispiel oder am Gratis-Espressostand der Kolumbianer. Wer behauptet, in den Straßen herrsche keine Olympiastimmung, kann noch nie an der neuen Hafenpromenade rund um die Praça Mauá gewesen sein. Jeden Abend, jede Nacht tanzt dort das sogenannte einfache Volk zu hochkarätigen Konzerten wie dem der Sambakönigin Elza Soares. Die ehemalige Putzfrau wuchs genau wie Rafaela Silva, Brasiliens erste Gold-Gewinnerin dieser Spiele, in einer der rund 1000 Favelas von Rio auf. Soares ließ bei ihrem Auftritt die dunkelhäutige und lesbische Judoka mehrmals hochleben. Es war bewegender als jedes noch so dramatische Tennismatch.

Bei all der Kritik an den Auslastungszahlen der Stadien wird auch übersehen, dass Brasilien ein Fernsehland ist. Selbst bei Rios Fußballderby Flamengo gegen Fluminense bleiben stets Sitze frei, weil das ganze Land vor den Bildschirmen sitzt. Die Olympischen Spiele werden von 13 brasilianischen Sendern praktisch rund um die Uhr übertragen, darunter zwei evangelikale Kirchenkanäle sowie natürlich TV Globo, das größte Netzwerk Lateinamerikas. Die meisten Brasilianer verfolgen ihr Sportfest auf ihre Weise. Im Grunde ist es eine hübsche Pointe, dass ihnen nun ein weltweites Fernsehpublikum vorhält, sie würden zu viel Fernsehen gucken.

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