Olympia-Sperre für Russland:Bachs "Null-Toleranz" ist eine Farce

Olympia-Sperre für Russland: IOC-Präsident Thomas Bach (links) und Wladimir Putin.

IOC-Präsident Thomas Bach (links) und Wladimir Putin.

(Foto: AP)

Am Ende einer Scheindebatte wird das IOC wohl dennoch viele Sportler Putins in Rio starten lassen. Dabei dürfte in Brasilien eigentlich keine einzige russische Fahne wehen.

Kommentar von Thomas Kistner

Es gibt eine Welt, die Hollywood nur abzufilmen bräuchte, um große Gagen zu sparen und doch absurdere Stoffe zu erhalten, als sie der beste Mafia-Plot zustande bringt. Reale Storys. Diese Welt ist der Sport, Kern der globalen Unterhaltungsindustrie: Milliarden Fans, Millionen Beschäftigte, Tausende Körperhelden, Firmen und Agenturen. Aber es sind nur ein paar Handvoll Funktionäre, die dieses Geschäft regeln. Auf filmreife Art: Bruderküsse, Deals, Gefälligkeiten.

Anders als Sepp Blatters Fußballfamilie, der das FBI nachspürt, galt die olympische Familie stets als seriöser. Verdrängt ist die Affäre um Salt Lake City, Winter-Ausrichter 2002, die offenbarte, wie Spiele gekauft wurden. Dass das Milieu dasselbe blieb, zeigt nicht nur Sotschis mysteriöser Start-Ziel-Sieg im Ringen um den Winter 2014. Heute ermitteln Strafbehörden in Frankreich und Japan, wie die Sommerspiele 2020 an Tokio gingen.

Die olympische Welt gibt sich kultivierter als der Bolzsport Fußball

Die olympische Welt gibt sich kultivierter als der Bolzsport Fußball - das ist alles. Auch im Olymp werden Karrieren über Dekaden aufgebaut, im Sog zwielichtiger Figuren. Den Aufstieg des deutschen Advokaten Thomas Bach prognostizierten Beobachter vor mehr als einem Jahrzehnt. Und dass ihm ein stiller Pakt zugrunde liegen soll, der 2001 eingefädelt worden sei - das hat 2013 Scheich Ahmed Al-Sabah aus Kuwait ausgeplaudert, Bachs wichtigster Wahlhelfer.

In dieser Schattenwelt spielt die Russland-Problematik, und naiv ist, wer glaubt, dass sie ernsthaft über Regelfragen gelöst werden soll. Im Olymp gibt es weit wichtigere Fragen als die, ob Putins Russen die Integrität des Sports beschädigten, als sie mit geheimdienstlicher Infamie ihre Nationalhelden produzierten. Und dafür anderen den Lorbeer stahlen.

Putins Russen, Vasallen und Verbündete regieren weite Teile des Sports. Wie hat es der Kreml-Chef geschafft, so flott seine Pläne umzusetzen? Sotschi, die Fußball-WM 2018 - mit Bubencharme, Kinngrübchen und strahlenden Augen? Im Kalten Krieg, dessen Revival dem Sport nun droht, reichten die Tentakel der UdSSR überallhin. Dass sich im Reich des Ex-KGB-Agenten Putin daran wenig geändert hat, ist jetzt im Blick auf die kriminelle Energie zu vermuten, die in das 50 Milliarden Dollar teure, patriotische Prestigeprojekt Sotschi 2014 gesteckt wurde.

Bachs IOC wird Freund Putins Athleten nicht kollektiv sperren. Das hätte es längst tun können. Der Sportgerichtshof Cas hat diese Maßnahme abgesegnet für Russlands Leichtathleten. Und das IOC selbst verhängt gerne Bannsprüche "wegen politischer Einmischung": gegen kleine Länder, auch für dubiose Funktionäre.

Am Ende einer Scheindebatte - Bachs "Null-Toleranz" in Dopingfragen - dürfte das IOC viele Sportler Putins unter russischer Fahne starten lassen. Darum geht es ja. Hätte es die Integrität des Sports im Blick, müsste es dafür sorgen, dass keine russische Fahne in Rio weht. Das würde auch das Problem mildern, das Bach angeblich umtreibt: dass eventuell saubere Athleten unter einen Kollektivbann fallen. Man könnte ungeklärte Fälle starten lassen - aber nur unter neutraler Flagge.

Russen, die für ein neutrales Olympia siegen, für ein buntes Ringe-Logo, siegen für ein Nichts. Wie kämen ihre Bilder dort an, wo der staatlich organisierte Dopingbetrug wirken sollte: beim Volk? Keine Fahne, keine Hymne - so ein Verdikt träfe die Richtigen. Und Athleten, deren Patriotismus größer ist als der olympische Traum, dürfen gerne zu Hause bleiben.

Aber mit Putin spielt man nicht. Bach weiß das sehr gut. Und deshalb dürfte der olympische Geist bald sehr genau zu lokalisieren sein: in einem Fläschchen Pipi, in einem Loch in der Wand. Durch ein solches Loch wurde im Dopinglabor von Sotschi der Betrug organisiert. So etwas hätte sich nicht mal Hollywood ausgedacht.

© SZ vom 23.07.2016/jage
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