Ein etwas kurioses Bild bot sich den Zuschauern in Bormio am Montagnachmittag: Im Zielschuss der berühmten Stelvio wurde auf einmal nicht mehr gerast; es war fast, als hätte dort jemand eine verkehrsberuhigte Zone errichtet. Die Abfahrtsstrecke im Valtellina gilt als eine der anspruchsvollsten der Welt, aber nun schlich auf einmal ein Athlet nach dem anderen gerade so über die Ziellinie nach einem Ritt durch einen Stangenwald im flachen Gelände. Er war „sick easy“, krank einfach, dieser Slalom, der zweite Teil des Teamwettbewerbs der Männer. So zumindest lautete die Formulierung am Funkgerät des norwegischen Teams, die in der Fernsehübertragung eingeblendet wurde.
Somit ergab sich eine etwas ulkige Dualität bei diesem Rennen: Die Abfahrer hatten am Vormittag die vielleicht herausforderndste Strecke zu bezwingen, die jemals bei Olympischen Spielen gefahren wurde. Die Slalomfahrer dann am Nachmittag die vielleicht einfachste. Zur Einordnung: „Es war anspruchsvoller, ein bisschen klassischer, als es sich normalerweise in Bormio anfühlt. Ich mag das, wenn es einem die Ski um die Ohren haut“, sagte Abfahrer Simon Jocher. „Das war der leichteste Slalomhang, den ich jemals auf diesem Niveau gefahren bin“, sagte Slalomfahrer Linus Straßer.

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Das deutsche Duo genoss es, miteinander anzutreten, und lobte die erstmalige Austragung dieses Formats bei Olympia, auch wenn es am Ende nur ein zehnter Platz für sie wurde. „Es hat auf jeden Fall Potenzial, dass das weitergeführt wird“, sagte Jocher. „Ich fand, dass das schon letztes Jahr in Saalbach sehr gelungen und das Feedback von den Athleten und vom Publikum sehr positiv war. Das hat es heute auch wieder gezeigt“, sagte Straßer. Bei der Skiweltmeisterschaft im vergangenen Jahr hatte der Wettbewerb seine Premiere gegeben. Und schon damals hatte das Podium ein eindeutiges Farbschema gehabt: Rot und Weiß dominierte, wie auch am Montag in Bormio.
Es sind bislang die Spiele von Franjo von Allmen, dem Schweizer Spezialisten für Großereignisse. Wie schon bei der WM gewann er nicht nur den Abfahrtstitel, sondern auch die Goldmedaille im Team, diesmal an der Seite des Slalomspezialisten Tanguy Nef, dem ein beeindruckender Lauf gelang. Vor einer beachtlich großen Schweizer Delegation im Publikum – in Bormio waren diesmal sogar vereinzelt Kuhglocken zu hören – fuhren auch Marco Odermatt und Loïc Meillard auf das Podium, zu einer geteilten Silbermedaille.
Der Skiweltverband Fis sieht im Teamwettbewerb eine Zukunft
Zeitgleich mit dem zweiten Schweizer Duo nämlich kamen zwei Österreicher ins Ziel, mit denen kaum noch jemand gerechnet hatte. Der Abfahrtslauf von Vincent Kriechmayr, er war nach eigener Aussage äußerst „bescheiden“ gewesen, weshalb auch Manuel Feller nur noch eine Devise kannte: „Keinen Druck“ habe er oben im Starthaus verspürt, und weil Feller ein Spezialist für schnelle Schwünge auf flachen Hängen ist, gelang ihm auf der Stelvio noch eine Aufholjagd, die in seiner zweiten Olympiamedaille endete. 2018 hatte er mit der österreichischen Mannschaft schon einmal Silber gewonnen, damals noch im alten Format. Diesmal eben als Duo mit einer kreativen Vorgabe.
„Old but gold war das Motto, Old but silver ist es geworden. Das nehmen wir gerne“, sagte Feller später. 33 und 34 Jahre alt sind Feller und Kriechmayr, insbesondere für Letzteren haben die Spiele von Bormio damit schon jetzt etwas Versöhnliches: Kriechmayr, hochdekorierter Abfahrer aus dem österreichischen Team, gewann bei seinen finalen Spielen die erste Olympiamedaille seiner Karriere. Dank der Stärke eines anderen, wohlgemerkt: „Da habe ich Glück gehabt, danke Manu, echt super gefahren.“
Gewöhnen muss sich der alpine Skisport noch an die Situation, dass Athleten auf einmal in einem Duo antreten und nicht mehr nur die eigene Leistung zählt. Er sollte es tun: Der Skiweltverband Fis sieht im Teamwettbewerb eine Zukunft, gemessen an den Reaktionen des Publikums in Bormio ist das gerechtfertigt. Wenngleich die Stelvio als Austragungsort nur für eines der beiden Rennen geeignet ist, für die Abfahrt. Der Slalom am kommenden Montag, er dürfte für die Spezialisten zu einer Herausforderung werden: „Das kann jeder hier“, sagte etwa Straßer: „Man muss sich am Limit bewegen und keine Fehler machen. Aber das werden wir annehmen.“

