Skeleton ist eine Geheimwissenschaft. Das liegt zum einen daran, dass nur wenige Menschen jemals bäuchlings, Kopf voran und die Nase über dem Eis, mit Geschwindigkeiten um 125 km/h durch eine Röhre geschossen sind. Erfunden haben diesen Sport übrigens vor hundert Jahren die sich im Engadin langweilenden Engländer. Ein Geheimnis bleibt Skeleton aber auch deshalb, weil alle wissenschaftlichen Erkenntnisse streng gehütet und „intern behandelt werden“, wie der deutsche Cheftrainer Christian Baude sagt. Erst eine Woche vor Olympia wurden, wie er jetzt offenbarte, in Berlin die letzten Verkleidungen an den Rahmen fertiggestellt, in Altenberg in Sachsen getestet und in die Dolomiten transportiert. Und der Lohn für die deutschen Athleten in der Bob- und Rodelbahn von Cortina d’Ampezzo ist jetzt beträchtlich: Gleich sechs Medaillen gab es an den drei Renntagen, je drei silberne und drei bronzene.
Beinahe wäre zum Abschluss der Skeleton-Wettkämpfe am Sonntag sogar eine goldene herausgesprungen. Aber im erstmals ausgetragenen Team-Wettbewerb erwiesen sich die Briten Tabitha Stoecker und Matt Weston als etwas zu schnell: 17 Hundertstel lagen sie vor Susanne Kreher und Axel Jungk, noch eine Hundertstel dahinter kamen Jacqueline Pfeifer und Christopher Grotheer. „Dass es so knapp war, macht es ein bisschen ärgerlich, weil heute wäre wirklich alles drin gewesen“, sagte Pfeifer. „Saubitter“ nannte Peking-Olympiasieger Grotheer das Resultat.
Alle aus dem Quartett hatten zuvor schon eine Einzelmedaille gewonnen. Am Samstagabend war die ehemalige Weltmeisterin Kreher bei ihren ersten Winterspielen vor ihrer Kollegin Pfeifer auf Platz zwei gefahren, geschlagen nur von der Österreicherin Janine Flock. Und noch einen Tag zuvor waren bereits Jungk und Grotheer hinter dem überragenden Matt Weston zu Silber und Bronze gerast. Dass auch Hannah Neise (4.) und Felix Keisinger (6.) weit vorne landeten, rundeten das Gesamtbild noch ab.

Rodel-Olympiasieger Max Langenhan:Der Mann, der an Millisekunden schraubt
Olympiasieger Max Langenhan ist ein Perfektionist. In Cortina hat er viermal den Bahnrekord unterboten – aber es geht noch besser, sagt er. Über den Umgang eines Präzisionspiloten mit der Zeit.
Bundestrainer Baude lobte die vorzüglichen Fahrkünste seiner Skeletoni. Aber ein besonderer Dank ging an das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin, wo die Ingenieure bis zuletzt an der Aerodynamik der Gerätschaften gefeilt hatten. Fast täglich, sagte Baude, habe er in den vergangenen Monaten mit den Berliner Experten telefoniert, alles unter großer Verschwiegenheit.
Um Spionage im Eiskanal vorzubeugen, wird das Material unter Verschluss gehalten
Wie viel wissenschaftliche Akribie bis zuletzt in die Stahlrahmen, Fiberglaswannen und Kufen geflossen ist, war im Januar, wenige Wochen vor der Eröffnungsfeier in Cortina, in den Materialwerkstätten des FES am Ufer der Spree zu besichtigen. Aus grünem Kunststoff wurden in hochautomatisierten Prozessen noch Formen für die Wannen gefräst. Längst profitiert auch die Olympiamannschaft im Skeleton wie die Bobfahrer, Bahnradfahrer oder Kanuten vom Berliner Know-how. „Die Skeletons werden zu hundert Prozent vom FES gebaut“, sagte Ronny Hartnick, der stellvertretende Institutsleiter; das einzige Fremdmaterial sei der Kufenstahl, aber auch der wird in Berlin gefräst. Alle deutschen Athletinnen und Athleten erhielten individuell auf ihre Körpermaße abgestimmtes Material, manch einer in dieser Saison sogar mehrere Prototypen. Vierzig Kufen wurden entworfen, zehn nach Cortina mitgenommen.
Unter Verschluss hält Bundestrainer Baude das Material, um einer Spionage im Eiskanal vorzubeugen, wie er erläutert: „Wir wollen das Risiko vermeiden, dass Sachen kopiert werden können.“ Die schnittigen Olympiaschlitten mit sämtlichen optimierten Einzelteilen fuhr das deutsche Team tatsächlich erst, als es ernst wurde bei den Winterspielen – und vorher im Training in Altenberg. „Wenn alles funktioniert, werden wir bei Olympia komplett neu dastehen, von Kopf bis Fuß“, hatte Baude im Januar angekündigt. Die letzten Tüfteleien veränderten allerdings nicht das Fahrverhalten der Schlitten, sondern verbesserten die Windschnittigkeit. Kleinste Veränderungen können laut Baude zwei bis drei Zehntelsekunden ausmachen: „Bei vier Läufen ist das eine Sekunde“, sagt er: „Und eine Sekunde ist im Skeleton sehr viel.“
Durch schnelle Sprints in Schwung und auf Geschwindigkeit bringen müssen dann aber die Pilotinnen und Piloten des deutschen Bob- und Schlittenverbands das Material. Steuern müssen sie ebenfalls allein. Auch andere Länder, allen voran die Briten, bis heute die erfolgreichste olympische Skeletonnation, verfügen über Hightech-Unterlagen, wie Matt Weston in Cortina bewies. Der Weltmeister ist der überragende Skeletoni des Winters, im Weltcup hatte er fünf von sieben Rennen gewonnen. Und nun sicherte er mit vier souveränen Sausen durch die Dolomiten-Röhre im Einzel dem Team Britain die erste Goldmedaille dieser Spiele.
Weston wurde damit der erste männliche Winter-Olympiasieger auf der Insel seit dem Eiskunstläufer Robin Cousins vor 46 Jahren in Lake Placid – und er war dann auch am Sonntag im Teamwettbewerb entscheidend für den knappen Ausgang zugunsten der Briten. Seine Teamkollegin Stoecker war nämlich noch langsamer gewesen als ihre deutschen Konkurrentinnen. Mit 30 Hundertstel Rückstand musste Weston in die Bahn – und schon bei der ersten Zwischenzeit nach dem Start hatte er dies in einen Vorsprung gedreht, den er bis ins Ziel nicht mehr hergab.

