Caeleb Dressel:Bloß nicht der neue Phelps werden

Caeleb Dressel: "Ich muss dafür sorgen, dass der Druck nicht zu Stress wird": Caeleb Dressel, 24, Olympiasieger über 100 Meter Freistil.

"Ich muss dafür sorgen, dass der Druck nicht zu Stress wird": Caeleb Dressel, 24, Olympiasieger über 100 Meter Freistil.

(Foto: Oli Scarff/AFP)

Als 13-maliger Weltmeister ist Caeleb Dressel die ideale Projektionsfläche für das US-Schwimmen. Bei seinem Sieg über 100 Meter Freistil führt er vor, wie man sich vor den Erwartungen einer ganzen Nation schützt.

Von Claudio Catuogno, Tokio

Bei der Suche nach einem neuen Michael Phelps sind die Vereinigten Staaten von Amerika am Donnerstag einen entscheidenden Schritt vorangekommen. Caeleb Dressel hat geliefert. Gold über 100 Meter Freistil bei den Spielen in Tokio, die Königsdisziplin. In 47,02 Sekunden - olympischer Rekord! Es kann jetzt also losgehen, das uramerikanische making history, das die US-Schwimmer immer als ganz selbstverständlichen Anspruch formulieren. Die Amerikaner kommen zu Olympia, wollen vor allem "Spaß haben", alles "genießen", dann ein bisschen "Geschichte schreiben", ihr "Land stolz machen" - und reisen dann als erfolgreichste Schwimm-Nation wieder ab. Als wäre es so einfach. Aber einen Nachfolger für Michael Phelps, den 23-maligen Olympiasieger, den Über-Schwimmer schlechthin, haben sie noch nicht gefunden.

Also Caeleb Dressel? Die Voraussetzungen sind nicht schlecht, einerseits. Nachdem Dressel 2016 in Rio de Janeiro, damals 19 Jahre alt, bereits zwei Mal Staffelgold umgehängt bekam, raffte er 2017 in Budapest und 2019 in Gwangju 15 WM-Medaillen zusammen, 13 davon in Gold. Er hält inzwischen den Weltrekord über die 100 Meter Schmetterling. Aber Sommerspiele fanden umständehalber seit 2016 keine mehr statt, also war dieses Gold in Tokio Dressels erste olympische Einzelmedaille. Die amtliche Krönung des Kronprinzen, der längst regiert.

"Ich wusste, dass Gewicht auf meinen Schultern lag", sagte Caeleb Dressel hinterher. "Es ist etwas anderes" als das ewige Gewinnen mit den US-Staffeln. "Ich wollte es nicht zugeben, aber jetzt, wo ich es geschafft habe, kann ich es. Es bist nur du und das Wasser, es ist im Zweifel niemand da, der dich retten kann."

Kein Lechzen nach Likes und Herzchen, in Tokio lässt Dressel Instagram geschlossen: "Die Energie muss ich sparen."

Dressel sprach auch über den Druck, den er verspüre, weil das ganze Land so viel von ihm erwarte. Bisher sei "der Druck okay, ich muss nur dafür sorgen, dass aus Druck kein Stress wird", sagte er. Dass diese Gefahr besteht, weiß Dressel nur zu gut - beinahe hätte ihn das vor einigen Jahren die Karriere gekostet. Pünktlich zum Spiele-Beginn hatte er sich deshalb aus den sozialen Netzwerken verabschiedet, keine Posts mehr bei Instagram, kein Lechzen nach Likes und Herzchen. "Die Energie muss ich sparen", sagte er. Das alles klang deutlich anders als früher beim immer ein bisschen großspurig-ironischen Phelps, der, Stichwort Energie, am Abend vor seinen Rennen oft noch einen Berg Chicken-Nuggets in sich reinschaufelte.

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Womit man in dieser Geschichte beim großen Andererseits wäre: Caeleb Dressel, 24, aus Florida will gar nicht der neue Michael Phelps werden. Er hatte sogar einen Appell an die amerikanischen Sportmedien gerichtet: "Bitte jubelt mich nicht so hoch!"

Was die olympischen Kennzahlen betrifft, so wird sich Dressel Phelps nun Stück für Stück annähern - erreichen wird ihn vermutlich niemand in diesem Jahrtausend. Mit der 4x100-Meter-Freistil-Staffel hat Dressel schon Gold geholt, über die 100 Meter Freistil auch, und bis zum Sonntag ist er noch in zwei weiteren Einzelrennen (50 Freistil, 100 Schmetterling) der Favorit. Außerdem mit der 4x100-Meter-Lagenstaffel und der 4x100-Meter-Mixed-Lagenstaffel. Am Ende der Spiele könnten für ihn sechs Olympiasiege stehen.

Aber hinter der Aura des Medaillensammlers steckt ja immer auch ein Mensch, und wenn man weiß, wie unglücklich der Mensch Michael Phelps in seiner Karriere oft war, dann ist es auch eine Frage des Selbstschutzes, nicht der neue Phelps werden zu wollen. Sein Talent, sein Ehrgeiz und wer weiß was noch alles hatten Phelps früh in eine komplizierte Welt geworfen, der er nur im Becken gewachsen war, selten daneben. Erst heute, Vater dreier Kinder inzwischen, hat er seine psychischen Leiden offen angesprochen.

Swimming - Olympics: Day 2

Da schwammen sie noch gemeinsam in der Staffel: Michael Phelps (vorne) und Caeleb Dressel 2016 in Rio.

(Foto: Clive Rose/Getty)

Dressel hat diese Erfahrung, im kleineren Maßstab, schon früh gemacht. Vielleicht lag das auch an seiner perfektionistischen, fast besessenen Veranlagung. Sein Jugendtrainer Jason Calanog hat mal der New York Times von dem Trainingstagebuch erzählt, das seine Schüler führen sollen - Dressels enthielt bald schon detaillierte Beschreibungen, wie sich sein Körper bei der Interaktion mit dem Wasser anfühlte, "er schrieb Seite um Seite", sagte Calanog, oft habe Dressel eigens das Training unterbrochen, um seine ganz frischen Eindrücke zu notieren.

Zwischen 15 und 18 brach Dressel die ersten Altersklassenrekorde, die davor von Phelps gehalten wurden. Aber dann hat er ein halbes Jahr kein Schwimmbad mehr betreten. "Als 17-jähriges Kind stellen dich die Leute auf dieses Podium", sagte er der New York Times, "und du hast das Gefühl, dass du für ihre Unterhaltung zuständig bist. Ich hatte das Gefühl, nur noch für andere Leute zu schwimmen, und die sind nie zufrieden."

Er machte dann doch weiter. Aber man versteht schon, warum er am liebsten einfach nur schwimmt, ohne ein Held sein zu müssen.

Auf Youtube analysiert er sein Weltrekordrennen: "Wende schlecht", "nie atmen beim ersten Armzug"

Und wenn Dressel dann mal draußen ist aus der Have-fun-make-history-Welt des US-Schwimmens, kann er sehr unterhaltsam sein. Im Pandemie-Sommer 2020 hat er einen Youtube-Kanal gestartet, auf dem er seine wichtigsten Rennen analysiert, Folge eins: das Weltrekordrennen über 100 Meter Schmetterling 2019 in Gwangju. 49,50 Sekunden Schwimmen, eine unterhaltsame Viertelstunde Analyse ("Wende war schlecht", "muss wohl an meiner Armlänge arbeiten", "Nie atmen beim ersten Armzug nach dem Auftauchen!"). Und es gibt auch jenen Film, in dem er für das Magazin GQ Schwimmszenen aus Hollywoodfilmen und Netflix-Serien aus der Sicht des Schwimm-Nerds analysiert. Er tut auch das mit einer Detailbesessenheit, die man sich ewig anschauen kann.

Anhören konnte man Caeleb Dressel am Donnerstag in Tokio allerdings nur kurz. Er hatte gerade über die Herausforderung von sechs Olympiastarts mit dem Rhythmus von Vorlauf, Halbfinale und Finale zu sprechen begonnen, da fegte die schrille Pressechefin des Verbandes USA Swimming durch die Tür, nein, Dressel dürfe nicht noch diesen einen Gedanken zu Ende führen, "der Coach will alle im Bus haben, die heute Abend wieder schwimmen - jetzt!". Und wenn die Pressesprecherin ruft, dann hat auch der König nichts mehr zu sagen.

© SZ/klef/and
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