Olympia:Russlands Athleten sind dabei, immer und überall

Pyeongchang 2018 - Eröffnungsfeier

Die russischen Athleten 2018 bei der Eröffnungsfeier in Pyeongchang.

(Foto: dpa)

Russland wird weiter an Olympia und WM teilnehmen, die Transparenz-Offensive ist nur die finale Volte in einem Scheingefecht. Der Kreml und das IOC haben gewonnen.

Kommentar von Thomas Kistner

Wie groß ist die Verunsicherung? Die Welt-Anti-Doping-Agentur tut einen Schritt, der ungewöhnlich ist, wahrhaft wesensfremd im organisierten Sport: Sie will volle Transparenz. Daher hat sie den obersten Sportgerichtshof Cas gebeten, das Verfahren zum russischen Staatsdoping öffentlich zu führen.

Russland wehrt sich gegen die von der Wada verhängte Vierjahressperre wegen manipulierter Labordaten. Diese Nummer ist dem Kreml wohl so peinlich, dass ihm das ohnehin äußerst milde Urteil nicht genügt: Teams und Sportler dürfen, abgesehen von kleinen Ausnahmen, weiter an allen Großevents wie Olympia und WM teilnehmen; halt nur für vier Jahre unter dem Etikett "neutrale Athleten".

Trotzdem klagen Putins Leute beim Cas. Und das kann gefährlich werden für die Wada, mehr noch für deren diskrete Dachorganisation, das Internationale Olympische Komitee (IOC). Denn würde hinter den Schranken des ebenfalls vom IOC durchwirkten Sportgerichts in Lausanne ein noch besserer Deal für die Staatsdoper ausgekartelt werden, wäre das desaströs fürs olympische Saubermann-Image. Zumal so kurz vor den Sommerspielen in Tokio. Man stelle sich vor, wie dort eine russische Sport-Armada die übliche Menge an Medaillen abräumt, unter eigenen Hoheitszeichen, umbraust von der eigenen Hymne: Welches Reizklima das in Japan schaffen würde! Das wäre fürs Marketing ebenso ungünstig wie für das pompöse Weltverbesserungs-Theater, das der Ringe-Clan bei seinen Spielen ja traditionell zelebriert.

Womöglich gab es dezente Denkhilfe von oben

In der Not hat die Wada nun einen Faktor entdeckt, der in sportpolitischen Fragen bisher irrelevant war, womöglich gab es dezente Denkhilfe von oben: das öffentliche Interesse! Weltweit herrsche so große Neugier zum Thema, teilt die Wada mit, dass es den öffentlichen Prozess brauche: um sicherzustellen, dass ihn "jeder versteht und die Argumente aller Seiten hört". Im Kern ein guter Ansatz, er gehört zum Prinzip erhoben.

Im vorliegenden Fall allerdings soll die Transparenz etwas anderes sicherstellen: dass die Welt mitkriegt, wie sich trotz der knallharten Betrugsbekämpfung des Olymps die Russen durchs Regelwerk lavieren und dank abgebrühter Sportjuristen ihre Sanktionen weiter aufweichen. Oder wahlweise, falls die Einsprüche zurückgewiesen werden sollten: dass die Welt einem Triumph der knallharten Olympia-Funktionäre über die störrischen Russen beiwohnen kann.

So oder so, die Transparenz-Offensive ist nur die finale Volte in einem Scheingefecht, das der Kreml und das IOC unter dem Putin-nahen Patron Thomas Bach längst gemeinsam gewonnen haben: Russlands Athleten sind weiter dabei, immer und überall. Und der kleine Etikettenschwindel, den es womöglich bräuchte, um "unabhängige" Athleten auch optisch als Russen kenntlich zu machen, kriegt jeder Textildesigner im ersten Lehrjahr hin. Die Medien übrigens werden Russen sowieso weiter als Russen bezeichnen. Für sie gilt die olympische Sprachübung nicht, alles andere wäre lächerlich.

© SZ vom 05.02.2020/sonn
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