Olympia:Erst Ruder-Medaille, dann Radsport-Karriere

Olympia: Jonathan Rommelmann and Jason Osborne (vorne) nach der Zieldurchfahrt.

Jonathan Rommelmann and Jason Osborne (vorne) nach der Zieldurchfahrt.

(Foto: Luis Acosta/AFP)

Jason Osborne gewinnt zusammen mit Jonathan Rommelmann Silber im Leichtgewichts-Doppelzweier - und will sich nach Olympia auf dem Fahrrad versuchen. Auch dort kann er schon Erfolge vorweisen.

Von Saskia Aleythe, Tokio

Vielleicht war es das jetzt, das letzte Mal bei Olympia im Ruderboot. So genau weiß Jason Osborne das selber noch nicht, aber vorsorglich musste er sich jetzt schon mal alles abspeichern, was er in Tokio erlebt. Das Leben im Dorf, das Training, die Kulisse: Alle paar Minuten passieren Flugzeuge die Ruderstrecke, im Landeanflug. In der Ferne ragt die riesige Brücke hervor, sie ist futuristisch angehaucht, ihre Stahlträger sehen wie Flügel eines Greifvogels aus. Wenn er sich später nochmal seine Siegerehrung anschaut, wird er sie darauf wiederentdecken.

Sein ganzes Sportlerleben war Osborne Ruderer. Doch er hatte schon länger einen neuen Plan geschmiedet. Weil das Internationale Olympische Komitee (IOC) den leichten Doppelzweier aus dem Olympia-Programm nehmen wollte, begeistere sich Osborne immer mehr fürs Radfahren, nahm sogar an Deutschen Meisterschaften im Straßenrennen teil, schlug bei einer sogenannten "eCycling-WM" im vergangenen Dezember auf einem virtuellen Hometrainer gar Radsportgrößen wie Rigoberto Uran.

Nun strich das IOC den Zweier doch nicht, auch in Paris wird es noch Medaillen zu gewinnen geben. "Ich schließe nicht aus, dass wir in Paris auch noch am Start sein werden", sagte Osborne am Donnerstag, "für mich gibt es jetzt erstmal eine andere Challenge mit dem Radfahren. Ich würde es gerne mal versuchen und gucken, was da so geht." Eine komplizierte Gefühlslage also.

Osborne ließ sich erschöpft nach hinten kippen im Boot, als er mit Jonathan Rommelmann das Finale bestritten hatte, es war ein hartes Rennen. So muss es wohl auch sein bei Olympischen Spielen. Rommelmann reckte hinter ihm die Fäuste in den Himmel, Osborne atmete schwer. Ob sie nochmal zusammen rudern werden bei Olympia, ist unklar, aber jetzt hatten sie erstmal Silber gewonnen, hinter Irland und vor Italien. Sehr gut - oder nicht?

So richtig sicher waren sich beide nicht, manchmal kann der Blick in die Zukunft ja schon den Moment prägen. Und der sah so aus, dass sie in Tokio vielleicht die letzte Chance auf Gold hatten. "Wir hatten das Ziel, die Iren zu schlagen", sagte Osborne, es war ein ehrgeiziges Vorhaben: Die Konkurrenten Paul O'Donovan und Fintan McCarthy sind schließlich Welt- und Europameister.

Osborne und Rommelmann gingen das Rennen mutig an und führten zur Halbzeit nach einem Kilometer mit kleinem Vorsprung. "Die dritten 500 Meter waren für uns entscheidend. Wir wussten, dass sie ordentlich Tempo machen, weil sie da immer kommen", sagte Osborne, man kennt sich ja: Erst im April hatten die Deutschen EM-Silber gewonnen, hinter diesen Iren.

"Es war immer unser Ziel, bei 1500 Metern mit den Iren auf einer Höhe anzukommen", sagte Osborne, das hatten sie diesmal geschafft - aber im Endspurt wurden sie dann doch noch abgehängt, "das Ziel kam halt leider etwas zu spät für uns". Die Deutschen hätten jeden Grund gehabt, sich selbst ausgelassen zu feiern an diesem Donnerstagmorgen in Tokio - nicht nur, weil sie dem Deutschen Ruder-Verband die erste Medaille bei diesen Spielen bescheren konnten. Auch der Wind hatte wieder für schwierige Bedingungen gesorgt, "wenn man einmal nicht aufmerksam ist, kann es einen umhauen", sagte Rommelmann.

Problem seien vor allem die Böen gewesen. Doch die beiden Deutschen blieben konzentriert. "Es ist wichtig, dass man die Angst ausschaltet und sich aufs Rudern konzentriert. Mehr kann man eh nicht machen", sagte Osborne. Seit der Olympia-Premiere 1996 war es bei den Männern noch keinem deutschen Leichtgewichts-Doppelzweier gelungen, die Medaillenränge zu erreichen. Bei den Frauen hatte es 2000 und 2004 Silber gegeben.

Leichtgewicht-Ruderer gelten als die technisch versierteren, weil sie weniger Muskelmasse zum Antrieb nutzen können, kommt es vor allem auf die Arbeit mit dem Ruder an. 140 Kilo dürfen beide Athleten zusammen nur auf die Waage bringen, vor dem Wettkampf muss noch "abgeschwitzt" werden. Eingepackt in dicken Klamotten geht es aufs Rad, damit die Waage am Ende nicht zu viel anzeigt. "Da ist man erstmal etwas dehydriert", sagte Rommelmann nach der Fahrt zu Silber. Er musste anschließend zur Dopingkontrolle, was sich dann einige Zeit hinzog. "Es dauert, bis das Wasser unten ankommt."

Er will nun sein Medizinstudium voranbringen, während sich Osborne im Radsport ausprobiert. "Im Hintergrund habe ich da sehr gute Leute, die für mich gute Arbeit geleistet haben. Ich bin zuversichtlich, dass man einen guten Rennstall findet", sagte er.

Doch am Donnerstag im Tokio, da wollten sie die Zukunft erst nochmal weit von sich wegschieben. "Heute wollen wir erstmal den Tag genießen", sagte Rommelmann, "wir werden hoffentlich eine kleine Party auf dem Zimmer machen können."

© SZ/lfr/jkn
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