Gold im Ringen:Der große Plan geht auf

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Gold? Ich? Ja! Aline Rotter-Focken kann es noch nicht glauben, während Bundestrainer Patrick Loës im Vordergrund schon die Faust ballt.

(Foto: Frank Hoermann/Sven Simon / Imago)

Freistilringerin Aline Rotter-Focken krönt ihre lange Karriere zum Abschluss mit Gold. Der Olympiasieg soll nicht nur der eigenen Genugtuung dienen, sondern der Entwicklung ihres Sports.

Von Volker Kreisl, Tokio

Dafür, dass sie das anfangs gar nicht wollte, ist Aline Rotter-Focken weit gekommen. Vier Jahre war sie alt, als ihr Vater sie mitnahm zum Ringertraining beim KSV Germania Krefeld. Reichlich überschüssige Energie hatte sie da schon, und die wollte sie abbauen. Es dauerte dann doch länger. Rotter-Focken hatte weiter reichlich Energie, die sie regelmäßig abbaute, all die Jahre bis zu diesem Montag, da hat sie sich ein letztes Mal ausgepowert und wurde Olympiasiegerin.

26 Jahre waren vergangen, und dann erreichte sie einen Höhepunkt zum Karriereende, wie man ihn nicht besser inszenieren könnte. Gleich mehrere Geschichten gipfelten in diesem Wettkampf, der spätabends nach neun Uhr in einer Messehalle in Tokio-Makuhari im letzten Duell des Tages stattfand. Geschichten von einer schon lange Zeit bestehenden Lücke im deutschen Sport, von der Geduld für eine anstrengende Karriere, und vom letzten Risiko für den großen Coup am Ende dieser Laufbahn.

Ringen ist zwar eine der ältesten Sportarten und Tradition auf allen Kontinenten, aber in den meisten Ländern sind Ringer reine Amateure. Die wenigsten von ihnen treten rechtzeitig ab, viele erst dann, wenn nur noch der örtliche Kraftsportverein Notiz davon nimmt. Dieses unbefriedigende Laufbahn-Ende hat die Freistilringerin Rotter-Focken verhindert. Sie hat mit dem stärksten Kampftag ihres Lebens im ersten Teil am Sonntag alle Gegnerinnen, sämtlich hochkarätig, aus dem Weg geräumt, womit sie im Finale stand und damit schon mal die Geschichte des deutschen Frauenringens umschrieb: Die Zeiten ohne Olympiamedaille waren beendet. Und am nächsten Tag betrat sie dann die Finalmatte, die ganz große Bühne.

Auf der Matte gönnen sich die Freundinnen nichts

Der erste Teil am Sonntag war harte körperliche Arbeit, der zweite erstmal Warten. Rotter-Focken und ihre Kontrahentin Adeline Gray, fünfmalige Weltmeisterin und zudem eine sehr gute Freundin, so gut, dass die Deutsche einst nur deshalb nicht zu Grays Hochzeit gereist war, weil sie am selben Tag bei Kollege Frank Stäblers Heirat zugesagt hatte. Aber das nur nebenbei - jetzt standen sie sich endlich kurz nach neun unter gleißendem Licht auf der runden Matte gegenüber. In den ersten zwei von sechs Minuten passierte wie so oft scheinbar nichts. Gray und Rotter-Focken suchten nach einem Griff, nach irgendeiner Unkonzentriertheit der anderen, einem Moment der Schwäche, um zu attackieren. Diese Goldmedaille wollten beide, und als Athletinnen gönnen sich auch Freundinnen, die seit der Juniorenzeit schon immer zusammengehangen waren, nichts.

Als Rotter-Focken merkte, dass Gray attackierte, änderte sie ihren Plan und verlegte sich aufs Verteidigen, was schon der Schlüssel zum Erfolg war. Gray versuchte einen Beinangriff, sie packte nach dem linken Oberschenkel, kassierte aber umgehend einen Konter. Statt nach hinten zu kippen, verlagerte die Deutsche ihr Gewicht, beide fielen um, mit dem Ergebnis: Rotter-Focken war oben, Gray unten.

Später, als sie schon die Goldmedaille um den Hals trug, sprach Rotter-Focken von ihrer großen Hoffnung. Dass solche Szenen dazu beitragen, den Sport auch für Mädchen attraktiv zu machen. Ringen, das gilt ja auch als Schwitzkastensport, in dem man sich Blumenkohl-Ohren holt, als Sport, der angeblich nichts für Frauen sei. Deshalb hatte sich Aline Rotter-Focken so auf Japan gefreut - weil dort Frauenringen auch ein großes Publikum hat, wo sie allen Frauen zeigen kann: "Du kannst das auch." Dazu hat sie sich auch auf diese speziellen Spiele gefreut, weil sie die ideale Zuspitzung ihrer Karriere ermöglichten. Kurz gesagt, sie verdankt dieses Gold unter anderem auch, ach was, hauptsächlich der Pandemie.

Rotter-Focken erlebt das Jahr 2020 im Wesentlichen alleine in der Trainingshalle

Schon immer hatte sie wie manch anderer Ringer damit zu kämpfen, dass sie bei Olympia Gewicht abschwitzen musste, um in die nächstgeringere Gewichtsklasse zu kommen. Als dann im Jahr 2019 die Bedingungen durch eine neue Regel noch schlechter wurden, ging die Weltmeisterin von 2014 aufs Ganze. Rotter-Focken wechselte nach oben, in die 76-Kilo-Kaste, wozu sie ihren Körper lange aufbauen musste, denn im Ringen braucht man Muskeln und kein Fett.

Nötig ist dafür auch Zeit, viel Zeit, denn der Körper muss ja mit der neuen Energie auch umgehen können, oder, wie der deutsche Ringer-Sportdirektor Jannis Zamanduridis sagt: "Da muss man hineinwachsen." Rotter-Focken erlebte das Jahr 2020 im Wesentlichen alleine in der Trainingshalle, okay, alleine mit ihrem Ehemann, der auch mal ein Ringer war und ihr bei dem Projekt entscheidend helfen konnte. Dann kam der Winter, sie feierte erste Fortschritte. Sie stärkte ihre Athletik und sammelte erste Erfolge in der Welt der Schweren bei der Europameisterschaft und bei den Poland Open, wo sie Gegnerinnen besiegte, gegen die sie zuvor scheiterte. Und dann gewann sie auch wieder, zumindest einen Weltcup.

Gold im Ringen: Am Ende muss Aline Rotter-Focken zittern und ihren Vorsprung gegen Adeline Gray verteidigen.

Am Ende muss Aline Rotter-Focken zittern und ihren Vorsprung gegen Adeline Gray verteidigen.

(Foto: Aaron Favila/AP)

Nun, ein dreiviertel Jahr später, saß und lehnte Rotter-Focken also auf Gray und versuchte, deren Schultern auf die Matte zu zwingen, womit sie sofort gewonnen hätte. Doch Gray konnte sich halten und es ging weiter. Den drei Punkten für Rotter-Fockens Konter folgten gleich vier weitere für einen gelungenen Hebel, und schon jetzt war klar: Der große Karriereabschluss, dieser Goldwunsch, könnte in Erfüllung gehen. Doch auch ein 7:0 nutzt einer Ringerin nichts, wenn sie nicht aufpasst und plötzlich geschultert wird. Es wurde aufreibend. Gray sammelte einen Punkt, zwei weitere kamen dazu, die Uhr wurde angehalten, wieder gestartet, wieder angehalten - und als Rotter-Focken endlich auch den letzten Angriff abgewehrt hatte, da sank sie zusammen und schloss die Augen.

Woran hat sie wohl gedacht, in diesem einmaligen Moment der Goldmedaille? Es hat natürlich keiner gefragt, man kann es nur vermuten. Vielleicht also, dass ihr die Werbung fürs Frauenringen gelang? Dass ihr Plan aufging? Dass sie jetzt gefragt ist? Oder vielleicht sind die Gedanken auch weit zurückgegangen an den Anfang, als sie sich nur austoben wollte und dabei Ringerin wurde.

© SZ/tbr/bkl
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