Deutscher Rekord bei Olympia:Gold ist nicht alles

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Deutscher Rekord bei Olympia: Natalie Geisenberger (links) und Claudia Pechstein.

Natalie Geisenberger (links) und Claudia Pechstein.

(Foto: dpa, imago/dpa, imago)

Die Rodler Geisenberger, Wendl und Arlt lösen Claudia Pechstein an der Spitze der ewigen deutschen Medaillenrangliste bei Winterspielen ab. Die drei werden darum sicher weniger Aufhebens machen.

Kommentar von Claudio Catuogno

Ihr erstes Gold holte Claudia Pechstein drei Tage nach ihrem 22. Geburtstag, am 25. Februar 1994 bei den Spielen in Lillehammer - in Form eines bewaffneten Überfalls. Jedenfalls hat Gunda Niemann das damals so empfunden, die Grande Dame des Eisschnelllaufs, die den Olympiasieg über 5000 Meter bereits in ihrem Besitz gewähnt hatte. Doch dann gewann Pechstein - und weil die damals junge Berlinerin den Triumph mit dem Hinweis versah, Niemanns Zeit sei wohl abgelaufen, sagte diese später: Die Niederlage gegen Pechstein sei "ein Stich ins Herz" gewesen.

Wenn es stimmt, dass Reibung Energie erzeugt, dann ist es kein Wunder, dass Claudia Pechstein, 49, nun mehr als 15 Jahre lang stolz diesen inoffiziellen Titel trug: "Erfolgreichste deutsche Winter-Olympionikin aller Zeiten". So viel Reibung, wie Pechstein umgab, passt in kein normales Sportlerinnenleben. Nach Niemann war es Anni Friesinger, mit der sich Pechstein im legendären "Zickenkrieg" verschränkte, später waren es Rivalinnen wie Stephanie Beckert. Und als Pechstein 2009 wegen auffälliger Blutwerte gesperrt wurde, führte sie ihren Kampf eben gegen das Sport-Establishment, Sportgerichtshof, Schweizer Bundesgericht, Münchner Landgericht, Oberlandesgericht, Bundesgerichtshof, Bundesverfassungsgericht, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte. Letztlich war es dann eine Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes, die Pechstein rehabilitierte.

Nun ist "aller Zeiten" immer der falsche Zeithorizont, weil er die Zukunft einschließt - und die ist bekanntlich ungewiss. Doch in der deutschen Olympia-Historie ist die Zukunft am Donnerstag zur Gegenwart geworden. Die Rodlerin Natalie Geisenberger, 34, wird den Ehrentitel nun tragen, gemeinsam mit den Doppelsitzern Tobias Wendl, 34, und Tobias Arlt, 34. Man ahnt: Alle drei werden um ihre jeweils sechs Goldmedaillen weniger Aufhebens machen als Pechstein um ihre fünf.

Das Rodel-Trio steht für eine neue Sportlergeneration, die ihre Stimme nicht nur in eigener Sache erhebt

Sportler sind mehr als die Zahl ihrer Podestplätze, das würde auch Pechstein nicht bestreiten. Auch deshalb läuft sie ja weiter und weiter, seit 16 Jahren medaillenlos: Sie ist jetzt, anderthalb Wochen vor ihrem 50. Geburtstag, die einzige Frau weltweit, die an acht Winterspielen teilnahm. Toll! Blickt man auf ihre Sportart, sieht es allerdings traurig aus: Der deutsche Verband DESG wird inzwischen mit harter Hand von ihrem Lebensgefährten geführt, und außer Pechstein ist kaum eine Läuferin übrig in der Weltspitze, mit der man noch Zickenkriege führen könnte, von denen jenseits der Eishalle irgendwer Notiz nimmt.

Das deutsche Rodeln hingegen zelebriert auch in Peking wieder seine ewige Dominanz. Man sollte sechs Mal Rodel-Gold trotzdem nicht gegen fünf Mal Eisschnelllauf-Gold aufwiegen; die Unterschiede liegen woanders. Pechsteins Blick ging fast immer nach innen; selbst als sie bei der Eröffnungsfeier in Peking die deutsche Fahne trug, verschaffte ihr das vor allem persönliche Genugtuung. Das Rodel-Trio steht für eine neue Sportlergeneration, die ihre Stimme nicht nur in eigener Sache erhebt, etwa wenn sie kritisch auf den Spieleausrichter Peking blickt. Es sind nicht ihre Goldmedaillen, die Geisenberger, Wendl und Arlt zu würdigen Repräsentanten des deutschen Sportsystems machen - eher der Umstand, dass sie bei allen Erfolgen über den eigenen Kufenrand hinausblicken.

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