Olympisches Radrennen:Abgekämpft am Absperrgitter

Tokio 2020 - Radsport

"Es war ein komisches Gefühl, den Wecker um 3:20 Uhr auf 4:50 zu stellen": Emanuel Buchmann beendet das olympische Straßenrennen nach einem Tag voller Ungewissheiten auf Platz 29.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Kurzer Nachtschlaf und stundenlange Ungewissheit beeinträchtigen die deutschen Rad-Profis: Maximilian Schachmann wird Zehnter - und Simon Geschke muss weiter isoliert im Corona-Hotel ausharren.

Von Claudio Catuogno, Oyama

Am Samstag lag der berühmte Mount Fuji in dichten Wolken. Aber drei Tage zuvor, nach der Landung in Japan, hat Simon Geschke ihn mal schön erwischt. Bei Facebook postete der Radfahrer ein Foto: Er, leicht verstrubbelt im Vordergrund, erschöpft "nach dem Alptraum einer 26-Stunden-Reise mit 8 Stunden am Flughafen Tokio", und im Hintergrund der Fuji, Japans berühmter, ikonischer Vulkan. "Ziemlich krass", schrieb Geschke, der Fuji.

Aber als sich nun am Samstag der bunte Pulk der Olympiaradler der Präfektur Shizuoka näherte, um unterhalb des Fuji, auf der Autorennstrecke Fuji Speedway, den Olympiasieger zu küren, war Simon Geschke, 35, nicht mit dabei. Er saß in Tokio im Quarantänehotel, und der Alptraum der Anreise war rückblickend nichts im Vergleich zu dem, was danach folgte. Geschke war jetzt nicht mehr nur ein Radprofi, der wenige Tage nach seiner neunten Tour de France seine zweiten und wohl letzten Olympischen Spiele bestreiten wollte - er war jetzt "der erste Corona-Fall im deutschen Olympia-Team".

Früher Nachmittag also am Fuße des Fuji, die Radler quälten sich nun über den Kagosaka-Pass, den zweiten von fünf heftigen Klettersteigen. Und in Tokio erschienen zur selben Zeit der deutsche Chef de Mission, Dirk Schimmelpfennig, und der leitende Olympiaarzt, Bernd Wolfarth, zu einer Pressekonferenz im Olympischen Dorf. Das Thema: Simon Geschke natürlich. Aber auch die nächtliche Odyssee der anderen deutschen Radprofis, Nikias Arndt, 29, Emanuel Buchmann, 28, und Maximilian Schachmann, 27, die da gerade tatsächlich im Sattel saßen, was lange nicht klar war nach einem Tag voller Ungewissheiten, PCR-Tests und Behördenabsprachen, und nach einer Nacht, die wenigstens für Buchmann mit dem Adjektiv "kurz" noch beschönigend umschrieben wäre.

"Es war ein komisches Gefühl, den Wecker um 3:20 Uhr auf 4:50 zu stellen", sagte Buchmann später, als er abgekämpft an einem violetten "Tokio-2020"-Absperrgitter lehnte. "Aber besser als gar nichts, oder? Ich finde, für die Umstände haben wir das Beste draus gemacht."

Der Ecuadorianer Richard Carapaz wird Olympiasieger, Tour-Dominator Tadej Pogacar holt Bronze

Aus der internationalen Perspektive war die Geschichte dieses olympischen Straßenrennens die Geschichte einiger altbekannter Tour-de-France-Dominierer, die nun bei Olympia einfach weiterdominierten: Der Ecuadorianer Richard Carapaz, 28, wurde als erster Radsportler seines Landes Olympiasieger - nach 6:05,26 Stunden und einer letzten, erfolgreichen Flucht. Und zwischen dem Tour-Dominator Tadej Pogacar, 22, aus Slowenien und dem Belgier Wout van Aert, 26, musste am Ende eines Sprints der Verfolgergruppe das Zielfoto entscheiden: Van Aert wurde Silber, Pogacar Bronze umgehängt.

Es war die Geschichte, wie manche Spitzenvertreter dieses Sports selbst nach drei Wochen Frankreich-Tortur einfach nicht müde zu kriegen sind, nicht mal vom fiesen Mikuni-Pass mit seinen im Schnitt 10,1 Prozent Steigung, in Teilstücken über 20 Prozent, den die Athleten nach etwa fünf Stunden bezwangen, ohne dass sich einer entscheidend absetzen konnte. Ehe das Carapaz dann doch noch gelang.

Der Tour-Dritte 2021 vor dem Gewinner dreier Tour-Etappen 2021 vor dem überlegenen Tour-Sieger 2021 - die Rad-Elite war bei Olympia mal wieder unter sich. Aber aus deutscher Sicht war es eine ganz andere Geschichte, die sich rund um das Radrennen am Fuße des Fuji entsponnen hatte.

Cycling - Road - Olympics: Day 1

Die internationale Rad-Elite unter sich: Der Ecuadorianer Richard Carapaz (Mitte) gewinnt das olympische Rennen vor dem Belgier Wout Van Aert (links) und Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar aus Slowenien.

(Foto: Tim de Waele/Getty)

Am Freitagmorgen hatte Simon Geschke von seinem positiven Antigen-Test erfahren, der bei den täglichen Routine-Screenings aufgefallen war. Von da an saßen er und sein Zimmerkollege Buchmann gemeinsam im Hotel und warteten. Mittags folgte ein Nasenabstrich für die PCR-Analyse - da war Geschke sich noch sicher, dass sich die Sache bald aufklären würde; "man kann hier schon mal durchs Zähneputzen positiv werden", sagte er später der Bild. Gegen 22 Uhr war dann aber auch der PCR-Test positiv, und Geschke - symptomfrei und geimpft - wurde von Shizuoka nach Tokio gefahren, in die sofortige Isolation.

Buchmann wurde vom Teamhotel nahe der Radstrecke ebenfalls gut 120 Kilometer nach Tokio gefahren, zu einem weiteren Test - als Geschkes engster Kontakt. Erst um sieben Uhr am Samstagmorgen erhielt er Bescheid, dass er negativ ist. Um elf Uhr stieg er aufs Rad. Bis zur Hälfte des Mikuni-Passes ging es einigermaßen, dann "sind mir die Beine aufgegangen", sagte er hinterher. Sechs Stunden Radrennen, 4865 Höhenmeter, nach gerade mal zwei Stunden Schlaf? Na ja, sagte Buchmann: "Wenn ich schon mal da war, wäre es ja auch blöd gewesen, nicht zu starten." Am Ende wurde er 29., mit gut fünf Minuten Rückstand.

Maximilian Schachmann hatte extra die Tour ausgelassen für dieses Olympia-Rennen - und nun diese Aufregung

Die Beine waren auch bei Maximilian Schachmann das Thema, dem deutschen Kapitän, der seinen gesamten Fokus auf dieses olympische Rennen gelegt hatte: die Tour ausgelassen, extra früh angereist, um sich zu akklimatisieren. Aber dann durfte auch Schachmann am Freitag nicht mehr aus dem Zimmer, wie die gesamte deutsche Rad-Delegation, Männer und Frauen: "Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal den ganzen Tag im Bett lag", sagte Schachmann, als er am Samstagabend neben Buchmann an der "Tokio-2020"-Absperrung lehnte, "vor einem Rennen jedenfalls noch nie." Schachmann hatte auch nach dem Mikuni - es ging dann gleich weiter, zum zweiten Mal auf den Kogasaka-Pass - noch tapfer jede Lücke wieder zugefahren, irgendwann ging das aber auch bei ihm nicht mehr. Er wurde Zehnter.

Olympisches Radrennen: Den gesamten Fokus auf dieses olympische Rennen gelegt - und dann erstmal aufs Hotelzimmer verbannt gewesen: Maximilian Schachmann (Mitte) musste nach dem positiven Coronatest von Simon Geschke abwarten, bis er auf den Sattel durfte.

Den gesamten Fokus auf dieses olympische Rennen gelegt - und dann erstmal aufs Hotelzimmer verbannt gewesen: Maximilian Schachmann (Mitte) musste nach dem positiven Coronatest von Simon Geschke abwarten, bis er auf den Sattel durfte.

(Foto: Tim de Waele/AFP)

Mehr noch als um ein paar Plätze hoch oder runter dreht es sich nun aber um die Frage, was als nächstes kommt. Geschke ist im Corona-Hotel nahe des Olympischen Dorfs isoliert "und muss dort vermutlich für mindestens zehn Tage verbleiben", sagte Schimmelpfennig, der deutsche Delegationschef, auf der DOSB-Pressekonferenz. Buchmann musste nach der Zieldurchfahrt in Oyama auch wieder nach Tokio in die Isolation, weitere PCR-Tests machen. Am Sonntag ließen die Japaner ihn dann im Flugzeug ausreisen. Offen ist, ob alle anderen irgendwann zur Normalität zurückkehren können. Vorerst muss Schachmann, der am Mittwoch noch im Zeitfahren antreten will, sein Essen beispielsweise in seinem Zimmer einnehmen statt im Hotelrestaurant.

Wieso hat es nicht geholfen, dass Geschke zweimal geimpft ist?

Bernd Wolfarth, der Olympiaarzt, nannte all das am Samstag "bitter für die Athleten", es müsse aber "in der gegenwärtigen Corona-Situation akzeptiert werden". Auf andere Fragen hat Wolfarth aber auch keine klaren Antworten - weil es sie wohl nicht gibt. Wo hat Geschke sich das Virus eingefangen? Noch in Paris, wie er selbst vermutet, zum Beispiel am Flughafen Charles de Gaulle, wo "absolutes Chaos" geherrscht habe? Oder bei Feierlichkeiten am Ende der Tour de France? Und wieso hat es nicht geholfen, dass Geschke zweimal geimpft ist?

Nun, es hat wohl schon geholfen: Der CT-Wert seines PCR-Tests liegt laut seinen Angaben bei 32, in manchen Ländern würde das überhaupt nicht als positiv gewertet. Japan hingegen ist da gerade sehr streng. Die Gefahr, dass von Geschke ein Infektionsrisiko ausging oder ausgeht, hält aber auch der Arzt Wolfarth für gering, wegen der kaum nachweisbaren Viruslast. "Die Tour wäre ich weitergefahren" mit so einem Positivtest, behauptete Geschke sogar, aber in Tokio fährt er jetzt erst mal nirgendwo hin. Am Samstagabend postete er das nächste Foto bei Instagram, kein Fuji diesmal weit und breit. Ein Hotelzimmer, ein Fernseher, eine Pappschachtel mit einem Fertiggericht, dazu Sojasauce, ein grüner Apfel, Kaffee aus dem Plastikbecher. "Quarantäne Tag 1 von ?", schrieb er dazu.

Wenigstens schlafen kann Simon Geschke jetzt erst mal genug.

© SZ/and/tbr/lib
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