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Olympia:Bloß keine Protestgesten auf dem Podest!

Politische Proteste wie die von Tommie Smith (Mitte) und John Carlos (rechts) 1968 will das Internationale Olympische Kommitee (IOC) dieses Jahr in Tokio nicht sehen.

(Foto: AP)

Das IOC hat seinen Sportlern für die Tokio-Sommerspiele ein Protestverbot auferlegt. Mündige Athleten sind die größte Gefahr für den Ringe-Clan.

Könnte bitteschön endlich jemand das Wörtchen "unity" verbieten - und "hope" gleich mit, explizit für den Gebrauch im Sport?

Einheit! Hoffnung! Und Eierkuchen.

In einem knallharten Industriegewerbe, in dem sich alles ums Geld dreht, sind solche Begriffe deplatziert. Aber allmählich überschreitet der rituelle Singsang jede Schmerzgrenze, zumal jetzt, da das Internationale Olympische Komitee für seine Jugendspiele trommelt. Gerade wird eine Skiläuferin aus Pakistan als "Hoffnung" für Gender-Gerechtigkeit promotet. Nicht der Rede wert - würden sich die Ringe-Makler nicht zugleich als Zensurbehörde des Weltsports aufspielen.

In Zeiten drängender globalpolitischer Themen kommt es schlecht an, wenn Funktionäre aus Land- und Geldadel jungen Menschen in der Öffentlichkeit Maulkörbe umhängen. Was also tun in Hinblick auf die Tokio-Sommerspiele, wo mehr kritische Worte und Gesten denn je zu befürchten sind, womöglich Proteste?

Das IOC will keine neuen Rapinoes

Zum Glück für das IOC gibt es auch vernünftige Athleten. Die in Konsensgesellschaften aufwuchsen oder beste Drähte zu IOC-Gewaltigen haben, auf Funktionärsämter nach der Karriere hoffen und dafür den Weg gehen, den einst der große Vorsitzende ging, Thomas Bach: über die Athletenkommission. Dieses aalglatte Gebilde war jetzt so nett, einen Regelkatalog für all die anderen aufzusetzen, die sich gern politisch äußerten.

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Die IOC-Athletenkommission hat Verbote für ihre Kameraden verfasst, eingedenk vieler Sportlerproteste im Vorjahr, von den Panamerika-Spielen bis zur Schwimm-WM. Auch im Fußball ufert es ja gefährlich aus, Profis tragen politische Zeichen auf der Kapitänsbinde und ganze Teams, wie der französische Zweitligist Clermont-Ferrand, protestieren auf Knien gegen Rassismus. So wie es US-Weltmeisterin Megan Rapinoe tat, die übrigens das neue olympische Meinungsverbot scharf kritisiert.

Als Protest gilt, von der Medaillenzeremonie bis zum Olympiadorf, "das Zeigen politischer Botschaften, inklusive Schilder oder Armbänder"; Gesten wie "eine Handbewegung oder das Knien" und anderes. Denn, sorry: All das "zerstört" ja die Würde des Wettkampfs.

Auf die Aktivisten der Vergangenheit ist das IOC stolz

Wie unbedacht dieser IOC-Vorstoß ist, verrät ein Blick ins Olympische Museum. In Lausanne werden, in der Sektion "Veränderer", Sportler gewürdigt, die auf der Bühne des Sports gesellschaftliche Umwälzungen befeuerten: von Friedensprotestler Muhammad Ali über Gender-Ikone Billie Jean King bis zu den US-Aktivisten Tommie Smith und John Carlos, die 1968 bei den Mexiko-Spielen auf dem Siegerpodest die Fäuste gegen Rassismus reckten. "Ein historischer Moment", lobt der olympische Begleittext und überschreibt das Ganze so: "Wenn das Podest zur Bühne wird." Hoppla. Ist politischer Protest also doch zu begrüßen? Aber klar. Wenn er das Image des IOC veredeln hilft.

Dessen serviler Athleten-Fortsatz, zu dem auch Putins Lieblingssportlerin Jelena Issinbajewa zählt, könnte ja mal innehalten: Macht so ein Strafkatalog Sinn, wenn im eigenen Museum mit Aufrührern der Vergangenheit geworben wird?

Aber nachhaltiges Denken zählt nicht zu den olympischen Disziplinen. Wovor das IOC Angst hat, zeigt die Antwort der wirklich mündigen Sportler auf den Maulkorb. Hierzulande etwa pocht die Vereinigung Athleten Deutschland auf freie Meinungsäußerung, Einschränkungen wären "nur aus schwerwiegenden Gründen" zu akzeptieren. Für Verbote reiche "der Verweis des IOC auf die Wahrung der politischen Neutralität des Sports" nicht aus.

Mündige Athleten sind die größte Gefahr für die Welt des IOC. Eine erodierende Welt, in der Sportler, die ihre politischen und wirtschaftlichen Rechte im Auge haben, keinen Platz haben. Sie müssen von außerhalb agieren. Wie das gelingt, lässt sich ja gut im IOC-Museum lernen: Mit charismatischen, gesellschaftlich akzeptierten Athleten wird sich der Ringe-Clan niemals anlegen. Dazu reicht der olympische Geist nicht aus. Und es wäre verdammt schlecht fürs Geschäft.

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