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Olympia:Platz da!

160528 EUGENE May 28 2016 Brittney Reese of the United States competes during the Women s; Reese eugene diamond

Olympiasiegerin 2012, starke Kontrahentin von Malaika Mihambo, gute Erinnerungen an Eugene: die US-Weitspringerin Brittney Reese.

(Foto: Xinhua/Imago)

Die Verlegung der Sommer-Spiele ins Sportjahr 2021 löst eine Kettenreaktion an Problemen für viele andere Großveranstaltungen aus.

Für alle, die sich für Fallstudien über die olympische Demokratie im 21. Jahrhundert begeistern, hielt der Wochenbeginn mal wieder ein Schmankerl parat. Am Montag telefonierten das Internationale Olympische Komitee (IOC) und sein deutscher Präsident Thomas Bach alle sogenannten Stakeholder ab, um das Datum für die ins Jahr 2021 verschobenen Sommerspiele zu fixieren. Erst waren die Gastgeber in Tokio an der Reihe, dann das IOC-Exekutivboard. Schließlich die Präsidenten der 33 olympischen Sommersportverbände, die sich unter dem Kürzel ASOIF verbrüdert haben.

"Wir waren die Letzten, die sich äußern durften", sagte ASOIF-Präsident Francesco Ricci Bitti später der Agentur AP über eine Schalte, bei der sich auch andere Zuhörer phasenweise überrumpelt fühlten. Und Ricci Bitti mochte seine Befremdung nicht verhüllen. Denn: "Es sind wir", fand der Italiener, "die mit den Folgen für die Wettkampfkalender leben müssen."

Zwei Minuten, nachdem die ASOIF-Vertreter den neuen Termin abgesegnet hatten und die Schalte beendet war, setzte das IOC dann eine längst präparierte Mitteilung in die Welt.

Letztlich, das gab aber auch Ricci Bitti zu, sei das neue Datum (23. Juli bis 8. August) die beste Lösung in prekären Corona-Zeiten. Wobei das eher für die TV-Sender gilt, die ihre Rechte im Hochsommer am besten vergolden können, als für die Athleten, die der Hitze in Japan ausgesetzt sind. Und die terminlichen Nachwehen sind dabei noch gar nicht eingerechnet. Wenn die Olympia-Verschiebung einem Puzzle mit Tausenden von Teilen gleicht, dann sind die Folgen für die Jahre danach wie ein Schneeball, der immer größer wird, je länger man ihn durch den Tiefschnee schiebt.

An der Leichtathletik, einer der olympischen Klassiker, kann man das gut studieren. Der Sport sollte 2022 eigentlich im Zeichen der regionalen Wettstreite stehen, erst die Commonwealth Games in Birmingham (27. Juni bis 7. August), kurz darauf die EM in München. Letztere sollten das Herzstück der European Championships bilden, jener Multi-EM, die 2018 in Glasgow/Berlin debütierte und die 2022 in der bayerischen Landeshauptstadt stattfinden soll: mit Radsport, Golfen, Turnen, Triathlon, Rudern und Leichtathletik, vom 11. bis zum 21. August. Das ist nur ziemlich genau jenes Schaufenster, in dem die Leichtathleten ihre WM ausstellen. Die muss nun, wegen Olympia 2021, aus dem August 2021 ins folgende Jahr weichen.

Der Leichtathletik-Weltverband antwortete schriftlich auf Anfrage, dass er mit allen Parteien diskutiere, "wie wir alle drei Events 2022 im Kalender platzieren können": Commonwealth Games, EM, WM. Das dürfte nur insofern interessant werden, als dass die Macher der Multi-EM in München nicht von ihrem Termin weichen möchten. Man wolle das Ereignis bewusst 50 Jahre nach den Olympischen Spielen im selben Olympiapark zelebrieren, teilt ein Sprecher mit, alle Stakeholder hätten sich auf den August-Slot verständigt. Tobias Kohler, Pressechef des Olympiaparks, bestätigte: Man gehe weiter davon aus, dass alle anderen Termine so gelegt werden, "dass unser Termin gehalten werden kann".

Wenn nun aber auch der Commonwealth-Verbund auf seinem Juli-Termin beharrt, bietet nur der Spätherbst 2022 ein Plätzchen für die WM, die immerhin das Kronjuwel im Schmuckkasten des Weltverbandes ist. 2023 ist schon die nächste WM vergeben, ab Budapest. Und der Frühsommer ist traditionell für nationale Titelkämpfe und Meetings reserviert, bei denen sich die Athleten für die Höhepunkte im Spätsommer warmlaufen. Vielen dürfte 2022 dabei auch noch das Olympiajahr 2021 in den Knochen stecken, in dem auch die nacholympische EM von 2020 nachgeholt werden könnte. Seit 2012 lässt der europäische Verband seine Kontinentalmesse ja nicht mehr alle vier, sondern alle zwei Jahre ausrichten, um sie auch in den olympischen Jahren zu vermarkten. Es ist ein Problem, das die Tokio-Verschiebung gerade wie ein Kontrastmittel sichtbar macht: dass der Kalender längst für die Sportwirtschaft konzipiert ist, nicht für die Sportler.

Gut möglich, sagen kundige Beobachter, dass Sebastian Coe, der Präsident des Leichtathletik-Weltverbands, nun zumindest versucht, die Leichtathletik aus den European Championships 2022 in München herauszulösen und neu terminieren zu lassen - oder dem ganzen Multi-Event ein neues Datum vorschlägt. Wobei Coe zumindest erstgenanntes Ansinnen in einem Interview unter der Woche bestritt.

Ein weiteres Motiv, das Coe dem Vernehmen nach antreiben könnte: Die Ausrichter der WM 2021 in Eugene kämpfen noch immer mit Leerstellen in ihrem 80 Millionen US-Dollar starken Budget. Der Bundesstaat Oregon versprach zuletzt zwar weitere Steuerhilfen, die 2020 fließen sollten. Ob das im Lichte der Corona-Pandemie noch haltbar ist, die in den USA gerade mit jedem Tag stärker wütet, dürfte aber ungewisser denn je sein. Eine WM-Vertagung auf 2022, die sowohl Coe als auch die Gastgeber zuletzt erstaunlich rasch begrüßten, würde da mehr Spielraum schaffen. Für den Weltverband steht jedenfalls viel auf dem Spiel. Die USA sind in der Leichtathletik seit jeher unverschämt erfolgreich, der Sport verkommt in ihrer Heimat aber meist zur Randnotiz. Die erste Leichtathletik-WM überhaupt in den USA steht da unter großem Erfolgsdruck; Gastgeber Eugene nennt sich selbstbewusst "Track Town", der Stammsitz von Sportartikelgigant Nike liegt in Spuckweite. Nike ist wiederum eng verbandelt mit: Sebastian Coe. Der Konzern hat dem Briten auf seinem Campus sogar ein Gebäude gewidmet; der Bau würde auch ein passables Raumschiff in einem Sciene-Fiction-Streifen abgeben.

Als die Leichtathletik-WM vor fünf Jahren an Eugene vergeben wurde, regierte im Weltverband übrigens noch der skandalumtoste Lamine Diack. Der Senegalese hievte die Vergabe in einer Sitzung urplötzlich auf die Tagesordnung; Korruptionsvorwürfe machten später die Runde. Die Justiz in den USA und Frankreich ermittelte, wobei zumindest unklar ist, was aus dem US-Verfahren wurde. Sowohl Eugene als auch Coe, damals noch Weltverbands-Vize und Inhaber eines hübschen Nike-Beratervertrages, beteuerten stets ihre Unschuld. Noch so eine Fallstudie aus der sog. olympischen Familie.

© SZ vom 02.04.2020

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