Pferdesport:22 000 Euro pro Flugticket pro Pferd

FEI European Championships In Rotterdam - Day Four

Medaillenkandidatinnen in Tokio: Isabell Werth auf Bella Rose.

(Foto: Dean Mouhtaropoulos/Getty Images for FEI)

First Class, kein Billigflieger: Die ersten Pferde landen in Tokio - die deutsche Reitsport-Auswahl muss sich bei Olympia auch auf umstrittene neue Wettkampfmodi einstellen.

Von Gabriele Pochhammer

Es gibt Momente, da wäre mancher womöglich lieber ein Pferd. Zum Beispiel die olympischen Athleten, wenn sie auf dem Flughafen Tokio-Haneda stundenlang ausharren müssen, bis sie den Hindernislauf von PCR-Test und anderen Einreiseformalitäten bewältigt haben und endlich im Bus sitzen, der sie zu ihrer Unterkunft bringt. Bis zu 13 Stunden kann das dauern. Die Vorhut der deutschen Dressurreitermannschaft, Bundestrainerin Monica Theodorescu und Dressurausschussvorsitzender Klaus Roeser, brauchte siebeneinhalb Stunden Geduld.

Die ersten Pferde, die am Donnerstag in Tokio landen, die Dressurpferde Bella Rose von Isabell Werth, Dalera von Jessica von Bredow-Werndl, Showtime von Dorothee Schneider und Reservepferd Annabelle von Helen Langehanenberg, haben es besser. Alle sind sozusagen erster Klasse geflogen, nämlich auf bequemen Paletten, auf denen nur zwei statt drei Pferde stehen, kein Billigflieger also: Das Flugticket beläuft sich auf 22 000 Euro - pro Pferd. Als Fluggepäck reisen für jeden vierbeinigen Passagier rund 300 Kilo mit. Am Flughafen geht die Reise unverzüglich weiter in klimatisierten Pferdetransportern, die die Pferde direkt zu den 19 Kilometer entfernten Stallungen des Equestrian Parks bringen, des Reitstadions, natürlich ebenfalls klimatisiert. Am Freitag treten die Vielseitigkeitspferde die Reise an, die Springpferde folgen am 25. Juli.

Nur eine Reiterin durfte mit den Dressurpferden fliegen, Isabell Werth, mit fast 30-jähriger Erfahrung in Sachen olympische Reisen ausgestattet, nebenbei mit sechs Gold- und zwei Silbermedaillen erfolgreichste Reiterin der Historie. Sie spricht von "großer Vorfreude", gemischt mit leisem Zweifel. "Wir wissen nicht, was uns dort erwartet, es wird eine Fahrt ins Ungewisse", sagt die 51-Jährige angesichts der Einschränkungen, die alle treffen, die an den Spielen mitwirken. Werth weiß, dass sich die Begeisterung der Gastgeber in Grenzen hält: Man hoffe, freundlich willkommen geheißen zu werden, "und dass wir uns nicht unwohl fühlen, weil wir das Rückflugticket schon gezeigt bekommen".

Die Reiter werden wie schon oft nicht im olympischen Dorf wohnen, sondern in einem näher am Reitstadion gelegenen Hotel. Dort kommt auch der Begleittross aus Funktionären, Partnern und Pferdebesitzern unter. Was ursprünglich eine gute Idee war, entpuppte sich zu Zeiten der Pandemie als weitere Herausforderung: Weil die Reiter wie alle Athleten weder öffentliche Verkehrsmittel noch Taxis benutzen dürfen und auch aus dem olympischen Transportsystem herausfallen, mussten Fahrzeuge samt Fahrer angemietet werden, die mit in die "Blase" einziehen, das heißt: im selben Hotel wohnen. "Vieles wird sich erst vor Ort regeln lassen", sagt der Missionschef Dennis Peiler, "zur Zeit fahren wir noch auf Sicht."

Michael Jung könnte seinen dritten Olympiasieg in Serie schaffen - der Kurs auf einer ehemaligen Müllhalde liegt ihm

Die Erwartungen an seine Reiter sind hoch, in allen drei Disziplinen sind vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Medaillen eingeplant. Für die Dressurreiter wäre alles andere als Mannschaftsgold und mindestens eine Einzelmedaille eine Enttäuschung. Michael Jung kann mit einem dritten Olympiasieg in Serie, nach London 2012 und Rio 2016, sogar olympische Geschichte schreiben. Dabei soll dem amtierenden deutschen Meister der 13-jährige Hannoveraner Chipmunk helfen. Er weiß, was beim hügeligen Cross auf der Halbinsel Sea Forest, einer ehemaligen Müllhalde, auf Reiter und Pferde zukommt: Jung hat dort vor zwei Jahren das Testevent gewonnen.

In allen drei Disziplinen dürfen nur noch drei Reiter starten, es gibt also kein Streichergebnis mehr. Der neue Modus, den der Weltverband FEI dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in vorauseilendem Gehorsam angeboten hat, soll die Spannung erhöhen und, unter dem Motto "Mehr Flaggen", mehr Nationen die Teilnahme ermöglichen, auch auf die Gefahr hin, dass nicht unbedingt die Allerbesten antreten. Immerhin: 50 Nationalflaggen werden am Reitstadion wehen.

Eng wird es bei den Springreitern werden, auch wenn sie den Weltranglistenersten, Daniel Deußer mit Killer Queen, in ihren Reihen haben. Sie müssen mit einer weiteren umstrittenen Neuerung leben: Das Einzelspringen wird vor dem Mannschaftswettkampf ausgetragen. Die drei Reiter, die dort pro Nation starten dürfen - außer Deußer die Olympia-Neulinge André Thieme und Christian Kuckuck - werden natürlich zunächst einer Einzelmedaille nachjagen. Nur was dann an Energie übrig bleibt, bleibt für die Teamprüfung, die doch als das Allerwichtigste gilt. Deswegen will Bundestrainer Otto Becker hier mit Maurice Tebbel ein frisches Paar einsetzen. Der muss sich damit trotz hervorragender Erfolge in den vergangenen Wochen von der Chance auf eine Einzelmedaille verabschieden.

Keine Restaurantbesuche, kein Sightseeing und vor allem keine Chance, auch mal die Wettkämpfe anderer Sportarten mitzuerleben: Die Bundestrainer müssen sich im Kampf gegen die Langeweile auch als Entertainer betätigen. Otto Becker denkt daran, der jungen Reiter-Generation Skat näher zu bringen ("Das können viele gar nicht mehr"), Vielseitigkeitstrainer Hans Melzer packt Karten für Rommé und Kniffel ein. Monica Theodorescu empfiehlt ihren Damen "ein zwei dicke Bücher einzupacken." Auch eine gute Idee!

© SZ/jkn/ebc
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