Winterspiele in Peking:Olympia rigoros

Olympia Peking 2022

Neubau in den Bergen: Im National Sliding Centre, der Bob- und Rodelbahn der Winterspiele 2022, durften die ersten deutschen Athleten schon Probe fahren.

(Foto: Kyodo/dpa)

100 Tage vor Beginn der Winterspiele wird in Peking der Marathon abgesagt - wegen Corona. Schon einige Fälle lösen in China Alarm aus. Für Olympische Sportler besteht wegen der strengen Quarantäneregeln eine faktische Impfpflicht.

Von Barbara Klimke und Lea Sahay, Peking

Die Zahlen sind gering, aber sie haben Großalarm in China ausgelöst. Am Montag meldeten die Behörden 39 neue Corona-Fälle, seit Entdeckung des neuen Ausbruchs in der vergangenen Woche wurden 180 Infektionen identifiziert. Als Reaktion sagten die Behörden erst den Marathon in Wuhan ab, jener Stadt, in der das Coronavirus im Dezember 2019 zuerst entdeckt worden war. Nun wird auch der Marathon in Peking gestrichen, 30 000 Läuferinnen und Läufer sollen zuhause bleiben. Es sind keine guten Nachrichten, die Peking nun in die Welt sendet, einhundert Tage vor Beginn der Olympischen Winterspiele. Auch wenn die chinesische Regierung alles daran setzt, die perfekte Großveranstaltung zu inszenieren.

Erst zu Wochenbeginn hat das Organisationskomitee in Peking die gemeinsam mit dem Internationalen Olympischen Komitee erarbeiteten strengen Corona-Richtlinien für alle Beteiligten der Winterspiele veröffentlicht. In detaillierten Handbüchern für Athleten, Trainer, Funktionäre, Medien und Helfer, "Playbooks" genannt, werden die logistischen Abläufe für ein Weltsportereignis skizziert, das wie schon in Tokio in einem hermetisch abgeschlossenen System stattfinden wird: in einer gigantischen, sich über Peking sowie die in den Bergen angesiedelten Wintersportzentren Yanqing und Zhangjiakou ziehenden Blase. Vorgeschrieben sind tägliche Tests, Maskenpflicht, weitgehende Kontaktbeschränkungen. "Grundlage aller Planungen", so ist im Handbuch zu lesen, sei es sicherzustellen, dass alle Olympiateilnehmer sowie die Bevölkerung Chinas während der Spiele "geschützt und gesund" sind. Nur eine vollständige Impfung, so besagt die verschärfte Regel, bewahrt Athletinnen und Athleten bei der Einreise vor einer Drei-Wochen-Quarantäne.

Die chinesische Regierung hält strikt an ihrer sogenannten Null-Covid-Strategie fest; vor diesem Hintergrund sind auch die jüngsten Maßnahmen in dem Milliardenland zu verstehen. In Peking werden nun auch wieder Wohnviertel abgeriegelt. Die Menschen sind aufgefordert, die Hauptstadt nur noch in dringenden Fällen zu verlassen, auch auf größere Ansammlungen sollen sie verzichten. Ausgelöst wurde der Ausbruch durch eine chinesische Reisegruppe, die in mehreren Provinzen unterwegs gewesen war.

Noch härter wirkt die Reaktion in der Vier-Millionen-Stadt Lanzhou in der nordwestlichen chinesischen Provinz Gansu: Nachdem dort sechs Infizierte entdeckt worden waren, sollen dort nun sämtliche Bewohner zuhause bleiben. Sie dürfen ihre Wohnungen nur noch in Notfällen und für Einkäufe verlassen. Wohnungseingänge sollen kontrolliert und die Bewegung der Bewohner überwacht werden.

Die Quarantäne-Vorschriften für Athletinnen und Athleten kommen de facto einer Impfpflicht gleich

Einige Dutzend Fälle pro Tag wären im Rest der Welt kaum ein Anlass zu großer Besorgnis. Peking hingegen reagiert selbst auf kleinere Ausbrüche rigoros. Wird eine Infektion entdeckt, schicken die Gesundheitsbehörden häufig Millionen Menschen zum Testen, verhängen Ausgangssperren oder Quarantäne. Zudem ist das Land seit März 2020 faktisch von der Außenwelt abgeschottet. Einreisegenehmigungen erteilt die Regierung nur in wenigen Fällen. Bei Ankunft müssen sich Fluggäste zwischen zwei und drei Wochen in strenge Hotelquarantäne begeben.

Für die Winterspiele im Februar 2022 und die anschließenden Paralympics wird dieses Prinzip nun außer Kraft gesetzt - allerdings nur bei einer vorliegenden Schutzimpfung. Wer diese nicht vorweisen kann oder will, muss sich nach Ankunft für 21 Tage in Isolation begeben. Nur in Einzelfällen, so heißt es, könne es Ausnahmen geben.

Dass dies de facto einer Impfpflicht für Sportler und Sportlerinnen gleichzukommen scheint, ist dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) bewusst. "Ein erfolgreicher Wettkampf nach drei Wochen Quarantäne ist keine realistische Perspektive", teilt der DOSB auf Anfrage mit: "Unsere Fachleute haben bereits vor Veröffentlichung des Playbooks grundsätzlich zu einem vollständigen Impfschutz geraten." Ähnlich sieht der Verein Athleten Deutschland die Situation: "Die Impfung ist das wirksamste Mittel zur Pandemiebekämpfung, und wir raten daher unseren Mitgliedern sich impfen zu lassen". Es sei richtig anzunehmen, "dass die dreiwöchige Quarantäne, die ungeimpfte Olympia-Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet, eine Impfung beinahe unumgänglich macht". Die Athletenvertretung setzt nun darauf, "dass das IOC seiner Ankündigung nachkommt und medizinisch begründete Ausnahmen zulässt".

Bereits nach China aufgebrochen sind die Bob- und Skeletonfahrer des deutschen Verbandes BSD. Sie gehören als Vorhut zum kleinen internationalen Erkundigungstrupp, der derzeit für drei Wochen in einer Mini-Blase die Anlagen in Yanqing testet. Die Sportler, so berichtet Verbandspräsident Thomas Schwab, der in Berchtesgaden geblieben ist, seien "mit der Bahn und den Bedingungen" zufrieden. Die Delegation hat sogar schon die Chinesische Mauer gesichtet, berichtet Schwab: "Sie sind im Auto hingefahren. Aussteigen durften sie nicht." Und kein Geheimnis macht der BSD um folgenden Fakt: Wer in China ist, ist auch geimpft.

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