Belarus bei den Olympischen Spielen:Alles läuft im Sinne des Systems - oder gar nicht

Lesezeit: 4 min

Belarus bei den Olympischen Spielen: Hanna Huskowa, Goldmedaillen-Gewinnerin 2018 in Pyeongchang, ist die einzige belarussische Sportlerin, die einen Protestbrief gegen Alexander Lukaschenko unterzeichnete und nun dennoch bei den Winterspielen in Peking startet.

Hanna Huskowa, Goldmedaillen-Gewinnerin 2018 in Pyeongchang, ist die einzige belarussische Sportlerin, die einen Protestbrief gegen Alexander Lukaschenko unterzeichnete und nun dennoch bei den Winterspielen in Peking startet.

(Foto: Lui Siu Wai/Xinhua/imago)

Gefängnis, Geldstrafe, Olympia-Ausschluss: Vor den Winterspielen in Peking zeigt sich erneut auf verstörende Art und Weise, wie Willkür und Repressionen den Sport in Belarus prägen.

Von Johannes Aumüller

Dieser Traum von Olympia, er war schon eine ganze Weile da. Mit zehn Jahren fing Swetlana Andrijuk mit dem Langlauf-Training an, mit 14 lief sie ihr erstes offizielles Rennen, schon bald zeigte sich ihr Talent. Sie schrieb sich zwar auch an der Universität ein, Fakultät Sport, aber erfolgreich Skilanglauf zu betreiben, das war immer ihr Ziel. Doch jetzt ist Andrijuk 22 Jahre alt und sagt am Telefon: "Mein Traum war es, mich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, dort zu laufen und die Atmosphäre zu spüren. Aber den haben sie mir genommen. Und ich weiß nicht, warum."

Die Belarussin Andrijuk versteht dieser Tage die Welt nicht mehr, genauso wie ihre Trainingskollegin Darja Dolidowitsch, die erst 17 Jahre alt ist und zu den größten Langlauf-Talenten des Landes gehört. Als die Saison begann, war die Qualifikation für Peking ihr Ziel gewesen, wobei sie wusste, wie schwer das werden würde, weil die nationale Spitze noch andere bilden und die belarussischen Langlauf-Frauen nur zwei Startplätze haben. Aber irgendwann ist es völlig unmöglich geworden, weil das System sie quasi rausgeworfen hat. Schon seit ein paar Monaten habe es schräge Vorgänge gegeben, berichtet Andrijuk, und auf einmal war ihr offizieller Status beim Ski-Weltverband Fis auf "nicht aktiv" gesetzt. Das heißt, dass sie ebenso wie Dolidowitsch zwar noch munter trainieren darf, aber keine Rennen mehr bestreiten kann.

Belarus bei den Olympischen Spielen: "Mein Traum war Olympia, aber den haben sie mir genommen": Langläuferin Swetlana Andrijuk.

"Mein Traum war Olympia, aber den haben sie mir genommen": Langläuferin Swetlana Andrijuk.

(Foto: Privat)

Eine offizielle Erklärung bekamen die Langläuferinnen nach eigenen Angaben nicht, die belarussische Föderation antwortet auf eine Anfrage nicht. Aber offenkundig lag es daran, dass sich ihr Trainer Sergej Dolidowitsch, Darjas Vater, der als siebenmaliger Olympia-Teilnehmer zu den berühmtesten Sportlern des Landes zählt, gegen das Regime von Diktator Alexander Lukaschenko positioniert.

Das prominenteste Beispiel ist die Leichtathletin Kristina Timanowskaja - dabei ging es bei ihr nicht mal um Politik

Es ist eines von zahllosen Beispielen, die illustrieren, wie Willkür, Angst und Repressionen den Sport in Belarus prägen. Athleten zählen nicht viel, alles muss im Sinne des Systems laufen. Im August 2020 hatten Sportler in großer Zahl den landesweiten Aufstand der Bevölkerung gegen Lukaschenko und die offenkundig gefälschte Präsidentschaftswahl unterstützt. Mehrere Hundert von ihnen unterzeichneten einen offenen Brief, in dem sie Neuwahlen forderten. Mit unfassbarer Gewalt schlug das Regime damals zurück und auch viele Athleten bekamen die Folgen zu spüren: Manche verloren ihre Jobs, andere saßen im Gefängnis oder mussten Geldstrafen bezahlen, viele flohen ins Ausland.

Das prominenteste Beispiel für den Umgang mit den eigenen Sportlern wurde die Leichtathletik-Sprinterin Kristina Timanowskaja, die im Sommer 2021 bei den Olympischen Spielen in Tokio von den eigenen Leuten zur Heimkehr gezwungen werden sollte - dabei ging es bei ihr nicht mal um Politik, sondern um Kritik an ihrem Trainer. Auf spektakuläre Weise und mithilfe der japanischen Polizei gelang ihr die Rettung, jetzt lebt sie in Polen im Exil. Aber nun will das System erst recht sicherstellen, dass alles nach seinem Willen glattgeht. Niemand mehr soll etwas gegen das Regime sagen können.

Belarus bei den Olympischen Spielen: Sollte im Sommer bei den Olympischen Spielen in Tokio von den eigenen Leuten zur Heimkehr gezwungen werden: Sprinterin Kristina Timanowskaja.

Sollte im Sommer bei den Olympischen Spielen in Tokio von den eigenen Leuten zur Heimkehr gezwungen werden: Sprinterin Kristina Timanowskaja.

(Foto: Martin Meissner/dpa)

In der vergangenen Woche wurde das Aufgebot für die Winterspiele bekannt. 28 Sportler entsendet Belarus nach Peking. Manch prominenter Name fehlt, insbesondere der von Ski-Freestyle-Athletin Alexandra Romanowskaja, Olympia-Teilnehmerin 2018 und Weltmeisterin 2019 - und bei den Protesten gegen Lukaschenko eine der stimmgewaltigsten Sportlerinnen. Sie verlor ihren Job, wurde kurzzeitig festgesetzt und bekam eine Geldstrafe. Im Herbst, so heißt es aus Belarus, habe es noch kurz so ausgesehen, als habe sie dennoch eine kleine Chance auf eine Olympia-Teilnahme. Aber dann sei das Nein von höheren Ebenen gekommen.

Freestylerin Hanna Huskowa ist die einzige Sportlerin, die den Anti-Lukaschenko-Brief unterzeichnete und in Peking startet

Nur bei Hanna Huskowa ist die Lage anders. Die 29-Jährige startet ebenfalls im Ski Freestyle, Disziplin Springen. Vor vier Jahren gewann sie bei Olympia in Pyeongchang eine von nur zwei Goldmedaillen für Belarus, und hinterher war sie eine Heldin der Nation und des Regimes. Es gab eine Sonderbriefmarke mit ihrem Antlitz, und sie wurde die Sportlerin des Jahres. Im August 2020 jedoch signierte auch sie den Protestbrief gegen Lukaschenko. Daraufhin war sie fürs Regime keine Heldin mehr, sondern eine Aufrührerin, deren Bild aus dem Büchlein "Belarus - unsere Heimat", das die Erstklässler jeden Herbst zum Schulstart geschenkt bekommen, getilgt wurde, wie die Zeitung Pressball nachzeichnete. In Peking ist sie nun trotzdem dabei - als einzige Sportlerin, die ihre Unterschrift unter den offenen Brief setzte.

Aber auch dahinter steckt offenkundig viel Druck und viel Kalkül des Regimes. Eine von nur zwei Goldmedaillengewinnerinnen der letzten Spiele - die andere ging an die Biathlon-Staffel der Frauen - zu ignorieren, sei selbst für das Regime schwierig gewesen, glauben Huskowas Unterstützer. Dann hätte es zu viele Fragen der Menschen in Belarus, aber auch der Weltöffentlichkeit gegeben. Auch sei Huskowa bei den Protesten nicht ganz so auffällig gewesen wie zum Beispiel Romanowskaja. Jetzt sei halt die Bedingung, dass sie schweigen müsse; und in der Tat gibt es von Huskowa in jüngster Vergangenheit keinerlei politische und generell nur noch wenige Äußerungen. Aber ihre Unterschrift unter den Anti-Lukaschenko-Brief, so wird betont, habe sie nicht zurückgezogen.

Doch wenn sie in Peking startet, wird auch das vom Regime entsprechend genutzt werden. Ist Huskowa trotz der Umstände erfolgreich, wird sich das Regime mit ihr schmücken. Gelingt ihr nichts, wird sich in Belarus rasch das Narrativ verbreiten, dass es besser sei, sich nicht gegen Lukaschenko zu stellen. "Wenn Sie als Touristen dorthin reisen und mit nichts zurückkehren, ist es besser, nicht ins Land zurückzukehren", hatte der Präsident den Athleten schon vor den Tokio-Spielen mit auf den Weg gegeben.

Lukaschenko war lange ein gern gesehener Gast der olympischen Familie

Die belarussischen Sportler hoffen auf Unterstützung von den internationalen Verbänden - aber die ist überschaubar. Lukaschenko war lange ein gern gesehener Gast der olympischen Familie und im Nebenjob Präsident des Nationalen Olympischen Komitees; er ist sogar mit einem olympischen Orden dekoriert. Erst unter größtem Druck entschied das Internationale Olympische Komitee (IOC), Lukaschenko auszuschließen - und die Wahl seines Sohnes Viktor zum Nachfolger an der NOK-Spitze nicht anzuerkennen. Aber der Einfluss des Staates auf den Sport ist in einer Diktatur wie Belarus so natürlich nicht gestoppt.

Im Fall der beiden Langläuferinnen Andrijuk und Dolidowitsch haben der Ski-Weltverband und das IOC eine Untersuchung angekündigt. So richtig viel Hoffnung haben die Beteiligten nicht, auch habe sich nicht viel getan, bis der Fall öffentlich wurde, heißt es. "Vor Olympischen Spielen gibt es viele Fragen, da ist unsere bestimmt nicht die wichtigste", sagt Trainer Sergej Dolidowitsch. Aber Swetlana Andrijuk will ihre Langlauf-Ambitionen noch nicht vollends aufgeben: "Ich will nicht aufhören, ich will weiter meine Chance haben. Aber in Belarus gibt man mir diese Chance nicht."

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