Olympische Abschlussfeier:Kalt servierter Zynismus

Olympische Abschlussfeier: Eine Welt? Schön wär's. Die Symbolik bei der Schlussfeier im Nationalstadion von Peking deckt sich nicht mit der Realität politisch unterdrückter Menschen in China.

Eine Welt? Schön wär's. Die Symbolik bei der Schlussfeier im Nationalstadion von Peking deckt sich nicht mit der Realität politisch unterdrückter Menschen in China.

(Foto: David W. Cerny/Reuters)

Die finale Inszenierung der Winterspiele in Peking demonstriert, wie die olympischen Zeremonienmeister alle kritischen Fragen ausblenden.

Von Holger Gertz

Großes Wort vom alten Literaturpapst Karasek: "Im Spiel- und Kampfsport steckt das Rudiment der Weigerung, erwachsen zu werden." Das war natürlich auch eine der Fragen, die sich gestellt hat vor den Winterspielen in Peking: Würden diese Kräfte wirken können, vor dieser speziellen Kulisse? Nach vierzehn Tagen, mit Blick auf die Schlussfeier im Vogelnest-Stadion von Peking, kann und muss man bilanzieren: Medaillenzählerei und Sieggebrüll nach x-fach Gold im Eiskanal, das sind infantile Elemente des Olympiazaubers. Es gibt ja immer noch welche, die daheim eine Strichliste auf dem Tisch liegen haben bei Olympia, für Gold und Silber und Bronze. Die Liste war, aus deutscher Sicht, gut gefüllt. Platz zwei im Medaillenspiegel, nach dem Team aus Norwegen.

Aus chinesischer Sicht natürlich auch: Platz drei, und das ist nur die sportliche Bilanz. Kein Corona-Ausbruch, der die Veranstaltung gefährdet hätte. Keine politischen Botschaften von Sportlern, die die Inszenierung gestört hätten. Bei der Schlussfeier kamen alle im Stadioninneren zusammen, filmten sich mit dem Smartphone - zu "Freude, schöner Götterfunken" in Dauerschleife. Und weil das alles länger dauerte als erwartet, schien die Kontrolle, unter der die Spiele permanent standen, zum Ende hin ein wenig abgeschwächt worden zu sein. Und ist man wirklich ein garstiger Mensch, wenn man sogar diesen Eindruck von Anarchie für geplant hält?

Bei der Siegerehrung für den Langlauf-Massenstart winkten die Medaillengewinnerinnen mit Mundschutz in die Kamera, und der ARD-Live-Kommentator Jens-Jörg Rieck blickte in die Zukunft: "Wenn man in vielen Jahren in den Olympiaalben blättert, werden Kinder die Bilder mit der Maske sehen und sagen: War das früher echt so, und war das wirklich so lange so?"

IOC-Chef Thomas Bach predigt in seiner Ansprache von Solidarität

Die Olympier sind Großmeister der Bildersprache, aber die schönen Bilder haben am Ende, jedenfalls in Deutschland, nicht dazu beigetragen, dass diese Spiele von einem Luftkissen der Euphorie getragen wurden und zu fliegen begannen, trotz der vielen Medaillen. Zu beschwerend die Debatten um Menschenrechtsverletzungen, zu bleiern das Schweigen des IOC zu diesen Themen. Und als IOC-Chef Thomas Bach in seiner Schlussansprache von Solidarität predigte und sagte, man müsse Seite an Seite stehen - da klang das mal wieder wie der altbekannte kalt servierte Zynismus, mit Blick auf diejenigen, die vom Regime in China drangsaliert und traktiert und unterdrückt werden.

Die Winterspiele ziehen nun weiter nach Mailand und Cortina d'Ampezzo, in den freien Teil der Welt, die italienische Hymne wurde in Peking vorgetragen von der Sängerin Malika Ayane und dem Violinisten Giovanni Andrea Zanon, der eine Guarneri-Geige von 1739 spielte. Sommerspiele in Paris, Winterspiele in Italien, für die olympischen Zeremonienmeister hängt ab morgen die Zukunft voller Guarneri-Geigen. Aber so einfach sollte man sie nicht davonkommen lassen, vor der Zukunft kommt die Gegenwart. Und Peking 2022 war ein Tiefpunkt der olympischen Geschichte.

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