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Winterspiele 2022 in Peking:Die Debatte über einen Olympia-Boykott flammt auf

Der Austragungsort Yanqing liegt rund 90 Kilometer nördlich von Peking.

(Foto: AFP)

Ein Jahr vor den Winterspielen in Peking rückt in den USA das Thema Menschenrechte in China wieder in den Vordergrund - im Gespräch ist sogar ein Rechtsakt, der US-Bürgern eine Teilnahme verbieten würde.

Von Thomas Kistner

Zunehmend besorgt schauen Olympias Funktionäre auf die fragile Situation um die Sommerspiele 2020 in Tokio, die coronabedingt ins Jahr 2021 verschoben wurden. Neben der Pandemie-Frage steht ja auch die nach der Legitimation des Mega-Events, das auf enormen Widerstand in der Bevölkerung stößt. Der Ringe-Clan taumelt, zugleich erwächst hinter dem Tauziehen um Sinn und Unsinn der Tokio-Wettbewerbe die nächste Bedrohung: In den USA und anderswo setzt die Debatte über einen Olympiaboykott ein. Und dieses Problem zielt nicht auf Tokio; es zielt auf die Winterspiele 2022 in Peking.

Vor gut zwei Wochen, kurz vor dem Regierungswechsel in Washington, hatte Mike Pompeo der neuen Administration um Joe Biden ein letztes, scharfes Torpedo in die To-do-Liste geschoben: China, erklärte der scheidende US-Außenminister, verübe einen Genozid in der Westprovinz Xinjiang, durch systematische Verbrechen an der uigurischen Minderheit. Erstmals seit 2016 wandte ein amerikanischer Außenminister den Begriff "Völkermord" auf eine laufende Krise an, zuletzt hatte damit John Kerry den Terror des IS im Irak und in Syrien adressiert. Zwar löst das harsche China-Verdikt keine direkten Strafen aus, wohl aber enormen Druck auf jeden, der Geschäfte mit China macht. Das gilt auch für die rund 90 Länder, die ihre Sportler im kommenden Jahr zu den Winterspielen nach Peking entsenden wollen.

Das China-Thema ist, ein Jahr vor Spielebeginn am 4. Februar 2022, auf der Agenda des Weißen Hauses. Kürzlich berichtete die Wirtschaftswoche mit Verweis auf diplomatische Kreise, dass US-Präsident Biden bereits in Europa vorfühle, wer dort eine Boykott-Initiative gegen diese Winterspiele mittragen würde. Im Gespräch sei gar ein Rechtsakt, der US-Bürgern eine Teilnahme an den Winterspielen in Peking verbieten würde.

Aus Kreisen im US-Repräsentantenhaus wurden auf SZ-Anfrage solche Gedankenspiele bestätigt, das Thema, hieß es, befinde sich "in der konzeptionellen Phase". In Washington werde darüber "viel geredet, aber noch nicht gehandelt". Gefragt sei jetzt auch die Interparlamentarische Allianz zu China (IPAC), ein Zusammenschluss von Abgeordneten aus diversen Ländern. Braut sich da was zusammen?

Das US-Außenministerium äußerte sich "zutiefst beunruhigt" über neue Berichte aus Internierungslagern für Uiguren in China

Das Thema ist heikel. Aber auch für die USA, in Hinblick auf die Sommerspiele 2028: Die sollen in Los Angeles stattfinden. Also können nun auch die Ringe-Herrn ein bisschen drohen. Auf SZ-Anfrage zu den aktuell diskutierten Boykottszenarien will sich ein IOC-Mitglied zwar nicht konkret äußern, ermuntert aber zu "Spekulationen, dass die USA damit ja auch ihre eigenen Spiele 2028 gefährden" könnten.

Das Thema ist so klar auf dem Tisch, dass es eine Sprecherin Bidens am Dienstag im Weißen Haus wieder einzufangen versuchte: "Wir diskutieren derzeit nicht, in Bezug auf die Olympischen Spiele in Peking unsere Haltung oder unsere Pläne zu ändern." Offiziell also ein schwächelndes "derzeit nicht" - und schon tags darauf rückte das Thema Menschenrechte in China erneut in den Fokus. Das US-Außenministerium äußerte sich "zutiefst beunruhigt" ob neuer Berichte über systematische Vergewaltigungen und Missbrauch in Internierungslagern für Uiguren in Chinas Westen. Und sieben republikanische Senatoren in Washington riefen erneut dazu auf, Peking die Spiele zu entziehen. Es müsse, berichtet die Agentur Reuters, "ernsthafte Konsequenzen für die Gräueltaten geben". China bestreitet die Vorwürfe: Die in der Region errichteten Komplexe dienten der Berufsausbildung, um islamistischen Extremismus auszumerzen.

Ein Wetterleuchten gab es schon im Vorjahr. Politiker in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien erwogen öffentlich, keine Athleten nach Peking zu schicken. Im März hatte ein Dutzend US-Senatoren per überparteilicher Resolution das Internationale Olympische Komitee (IOC) aufgerufen, der Volksrepublik die Spiele zu entziehen. Im Herbst forderten mehr als 160 Menschenrechtsgruppen aus aller Welt, das IOC solle die Vergabe revidieren. Am Mittwoch legten rund 180 Menschenrechtsgruppen einen neuerlichen Appell vor - bei einer Pressekonferenz in Tokio, am nächsten Spieleort. Zugleich trug die Leiterin des International Tibet Network beim US-Sender CNN eine softere Alternativlösung vor: Den diplomatischen Boykott der Spiele - Teams sollen dabei sein, aber die Weltführer fernbleiben.

Auch solche globalen Signale wären ein heftiger Schlag für den deutschen IOC-Chef Thomas Bach. Seiner Bewegung geht es ohnehin nicht gut. Die Athleten hatten schon Bachs Krisenmanagement im Frühjahr 2020, als die Tokio-Spiele erst nach einer enervierend langen Hängepartie abgesagt wurden, heftig attackiert. Die Verlegung reißt tiefe Löcher in Olympias Kassen - eine Absage, die ja ebenfalls noch droht, wäre katastrophal. Klar ist, dass es die von der Werbebranche begehrten Jubelbilder entrückter Fans, all die transnationalen Helden- und Verbrüderungsszenen kaum geben kann. Und sechs Monate später folgt in Peking das nächste eher blutleere Event. Zwei in ihrer Blase abgespulte Spiele-Ausgaben, nach denen nicht mehr viel übrig bleibt von der medialen Avenger-Show, die einst den halben Erdball in Bann zog.

Das IOC selbst berührt das politische Thema Peking eher ungern. Es erklärt nur, dass China die Olympische Charta respektieren wolle, und dass man mit der Spiele-Vergabe nicht automatisch Politik, sozialen Umständen oder Menschenrechtstandards im Veranstalterland zustimme.

Das ist wohlfeil. Autoritäre Regime haben kein Problem, über die nur zweiwöchige Spieledauer für Ruhe im Karton zu sorgen. Indes bietet die Veranstaltung dem Land die globale gesellschaftspolitische Bühne. Und dass ein Sportfest keine Missstände beheben kann, tritt nirgendwo deutlicher zutage als in Peking, der einzigen Stadt, die Sommer- und Winterspiele erhielt. Die blumigen Büttenreden rund um das stark kritisierte Sommer-Event 2008 dürfen heute neu aufbereitet werden.

Am Donnerstag, dem Jahrestag vor der Eröffnungsfeier, hat das IOC ganz routiniert seinen Teil beigesteuert. "In einem Jahr werden Topsportler aus aller Welt, befeuert von großen Träumen und getragen von unerbittlicher Leidenschaft, in Peking ihr Engagement und ihre harte Arbeit krönen." Sonst noch was?

© SZ/kb/ska
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