Schießen bei OlympiaZu Bronze fehlen nur „die dicken Zehner“

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Sie schießt schnell, er schießt langsam, aber zusammen bilden sie ein gutes Team: Anna Janßen und Maximilian Ulbrich im Luftgewehr-Mixed.
Sie schießt schnell, er schießt langsam, aber zusammen bilden sie ein gutes Team: Anna Janßen und Maximilian Ulbrich im Luftgewehr-Mixed. Marcus Brandt/dpa

Wie Anna Janßen und Maximilian Ulbrich, zwei sehr verschiedene deutsche Sportschützen, auch ohne Medaille einen euphorisierenden Wettkampf erleben – und am nächsten Tag eine Enttäuschung.

Von Claudio Catuogno, Déols

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Am Samstagmorgen stehen zwei sehr verschiedene deutsche Sportschützen hintereinander in ihren Stabilisationshosen in einer Halle in Déols, stecken ein Diabolo-Geschoss in ihr Gewehr, richten die Waffe zu den Scheiben aus, schieben dann langsam, fast zärtlich, das Gesicht entlang der Schaftbacke in Position, bis das Auge den Diopter erreicht hat, verharren, bis der Puls sich stabilisiert, drücken ab.

Déols liegt ein paar Kilometer nordöstlich von Châteauroux, Châteauroux wiederum liegt etwa 300 Kilometer südlich von Paris. Der Glanz der Hauptstadt ist hier unendlich weit weg. Wer aus der Olympiastadt pünktlich zum Wettkampfstart hinaus will nach Déols, muss um 5.37 Uhr den ersten Zug ab der Gare d’Austerlitz nehmen. Und am Samstag wollen viele hinaus ins Centre National de Tir Sportif, Frankreichs nationales Schießzentrum, das hier auf einem riesigen ehemaligen Militärgelände untergebracht ist. Der Zug ist voll. Es geht um die allererste Medaille, die bei diesen Spielen 2024 vergeben wird. Luftgewehr Mixed; Gold geht am Ende an China.

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Die beiden sehr verschiedenen Deutschen sind Anna Janßen, 22, Studentin der Gartenbautechnik aus Kevelaer in Nordrhein-Westfalen, und Maximilian Ulbrich, 23, Polizeimeister aus Wilzhofen in Oberbayern. Sie werden das kleine Finale um Bronze verlieren und sich dennoch in den Armen liegen, aber am Samstagmorgen es ist noch ein weiter Weg dorthin. Und noch ahnen sie auch nicht, dass dieser euphorisierende Wettkampf für beide der Höhepunkt bleiben wird bei diesen Spielen in Paris.

„Ich kenne den Maxi gut genug, um zu wissen, dass da auf jeden Fall ein Schuss kommen wird“

Janßen steht hinter Ulbrich. Janßen ist relativ groß, Ulbrich ist relativ klein. Janßen gilt schon eine Weile als das hoffnungsvollste deutsche Luftgewehrtalent, Ulbrich hat sich in den vergangenen Jahren durchkämpfen müssen gegen Widerstände im Verband und in der Trainingsgruppe. Janßen schießt schnell, Ulbrich nimmt sich Zeit. Anfangs hat Janßen das manchmal noch nervös gemacht, aber inzwischen „kenne ich den Maxi gut genug, um zu wissen, dass da auf jeden Fall ein Schuss kommen wird“, sagt sie und lacht. In der Qualifikation am Samstag ist Janßen irgendwann fertig. Sie hat eine gute, eine sehr gute und eine sensationelle Zehnerserie geschossen.

Anna Janßen and Maximilian Ulbrich im Match um Bronze.
Anna Janßen and Maximilian Ulbrich im Match um Bronze. Alain Jocard/AFP

Also legt Anna Janßen jedes Mal, wenn Ulbrich sein Gewehr anlegt, auch ihr Gewehr noch mal an, und wenn er seines wieder ablegt, legt sie ihres ab. Das haben sie sich mit dem Bundestrainer Achim Veelmann so überlegt, auf diese Weise kann Ulbrich zu Ende schießen, ohne dass sich in seinem Rücken etwas verändert. Und das ist jetzt auch nötig. Zwei Schüsse fehlen ihm noch. Die Norweger, auch schon fertig, liegen auf Rang vier, die Deutschen liegen auf Rang fünf, der Abstand erscheint schon zu groß, um das Match um Bronze noch zu erreichen. Ulbrich müsste mindestens eine 10,8 und eine 10,9 schießen, also letztlich: zweimal genau in die Mitte.

Der innerste Bereich der Scheibe, die Ringe von 10,0 bis 10,9 – dieser Bereich ist nur einen halben Millimeter breit. Der 10,9-Ring misst nur einen zwanzigstel Millimeter. 10 Meter steht Maximilian Ulbrich von der Scheibe entfernt.

Ulbrich schiebt ein vorletztes Diabolo ins Gewehr, richtet den Schaft aus, dreht das Gesicht. Janßen tut es ihm gleich. Janßen schießt nicht, Ulbrich schießt: 10,9. Dann noch einmal dasselbe, Janßen schießt nicht, Ulbrich schießt: 10,8. Da bricht die deutsche Delegation auf den Rängen in Jubel aus.

„Das Glück war, dass ich nicht gewusst habe, dass es auf eine 10,9 und eine 10,8 ankommt“, sagt Maximilian Ulbrich später, „wenn ich’s gewusst hätte, wär’ es sich vermutlich nicht so ausgegangen. Aber dass ich einen Wettkampf hinten raus gut ausschießen kann, das habe ich schon öfter gezeigt.“

Trotzdem stolz: das deutsche Luftgewehr-Team in Châteauroux.
Trotzdem stolz: das deutsche Luftgewehr-Team in Châteauroux. Marcus Brandt/dpa

Das Finale um Bronze haben dann die Kasachen Alexandra Le und Islam Satpayev gewonnen. In den Finals werden so lange Duelle geschossen, bis ein Team 16 Punkte erreicht hat; die Kasachen gewannen 16:7. Die Lesart wäre jetzt, dass Anna Janßen und Maximilian Ulbrich Bronze verpasst haben, aber das Gegenteil stimmt, sie haben sich das Match um Bronze verdient. Am Ende, sagt Jansen, „haben uns im Finale einfach die dicken Zehner gefehlt, aber wir sind super dankbar, dass wir so weit gekommen sind“. Ulbricht sagt: „Ein Olympiafinale ist eins der schönsten Dinge, die man als Sportler erleben kann.“

Am nächsten Morgen, dem Sonntag, ist dann zunächst Anna Janßen und dann Maximilian Ulbrich im Einzel dran – und beide verpassen recht deutlich das Luftgewehrfinale. Was wiederum verschiedene Grade von Enttäuschung hinterlässt, denn während Ulbrich nicht zu den Mitfavoriten zählte, ist Janßen als Europameisterin und Weltranglistenerste angereist. „Schlecht reingekommen in den Wettkampf, einfach zu langsam gewesen im Kopf“, sagt sie, nach Erklärungen ringend, und am Ende, genau, „haben die dicken Zehner gefehlt“. Die Ringe von der 10,5 an aufwärts, die im Luftgewehrschießen nur wenige Zehntelmillimeter dick sind.

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