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Olympia:Mysteriöse Liste mit 27 Namen

Auch die Vergabe der Olympischen Winterspiele an Pyeongchang gerät unter Verdacht.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Das Ergebnis war an Deutlichkeit kaum zu überbieten. Annecy sieben Stimmen, München 25, Pyeongchang 63: So endete die Abstimmung, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor sieben Jahren in Durban die Olympischen Winterspiele 2018 vergab. Die Veranstaltung in Südkorea ist inzwischen vorbei, nun aber stellen sich neue Fragen dazu, wie sauber es damals zuging im Wettstreit der drei Kandidatenstädte. Laut dem südkoreanischen Sender SBS ist im Zuge von Untersuchungen gegen den ehemaligen Staatschef Lee Myung-bak eine Liste mit den Namen von 27 IOC-Mitgliedern aufgetaucht, die mit Vertretern der Pyeongchang-Werber über ihre Stimmen gedealt haben sollen - im Gegenzug für Marketing- oder andere Verträge mit dem südkoreanischen Elektronik-Riesen Samsung.

Seit gut zwei Jahren spüren Strafbehörden auf mehreren Kontinenten dem Verdacht nach, dass die Vergabepraktiken des IOC bis in jüngste Zeit denen im korruptionserschütterten Fußball-Weltverband Fifa nicht nachstanden. Um die Zuschläge für die Sommerspiele in Tokio 2020 und Rio de Janeiro 2016 laufen hochtourig Ermittlungen. Jetzt gibt es also einen Verdacht auf einen weiteren Sündenfall: Pyeongchang 2018. "Warum überrascht uns das nicht?", sagte ein führender europäischer Ermittler am Dienstag der SZ.

Zwei alte Bekannte tauchen dabei im Kontext der mysteriösen Liste als mutmaßliche Akteure im Korruptionssumpf auf: das frühere senegalesische IOC-Mitglied Lamine Diack, der zeitgleich jahrelang den Weltverband der Leichathleten (IAAF) führte. Und sein Sohn Papa Massata Diack. In der Schweiz und in Frankreich, aber auch in Brasilien und den USA werden dessen diskrete Agenturgeschäfte schon länger untersucht. Auch bei den beiden verdächtigen Vergaben der Spiele von 2016 und 2020 geht es um die Aktivitäten der Familie Diack. Der Sohn wird von Interpol per Haftbefehl gesucht, der Vater steht bereits seit mehr als zwei Jahren in Frankreich unter Hausarrest.

Zwei alte Bekannte stehen im Fokus: Lamine und Papa Diack

Der SBS-Bericht legt nun nahe, dass die Liste in einer Korrespondenz zwischen Papa Massata Diack und Samsung-Vertretern entstanden sei. Der Sender beruft sich auf insgesamt 137 vorliegende Mails aus dem Zeitraum zwischen Februar und Dezember 2010. Demnach waren zwölf der 27 ausgeguckten Wahlmänner aus Afrika. Diack junior soll den Samsung-Managern versprochen haben, jeden Einzelnen von einer Wahl Pyeongchangs zu überzeugen. Daneben soll Diack junior in einer anderen Mail auch Leistungen gefordert haben, die der von seinem Vater gelenkten IAAF zugute kommen sollten.

Der koreanische Weltkonzern Samsung zählt seit Dekaden zu den olympischen Topsponsoren und wäre schon deshalb zu strikter Neutralität verpflichtet. Der damalige Firmen-Chef Lee Kun-hee saß über viele Jahre selbst im IOC. Er war bereits 2008 in Südkorea wegen Bestechung verurteilt, im Jahr darauf aber begnadigt worden. Die Interessen hinter diesem Schritt verhehlte Südkoreas damalige Staatsspitze nicht. Er könne die Bitten seitens des Sports und der Wirtschaft nicht ignorieren, wonach das IOC-Mitglied Lee von entscheidender Bedeutung für die Bewerbung der Stadt Pyeongchang als Austragungsort sei, zitierten Medien damals Präsident Lee Myung-bak: "Deshalb habe ich mit Blick auf die nationalen Interessen entschieden, ihn zu begnadigen."

Die für ihre notorische Milde bekannte Ethikkommission des IOC hatte damals festgehalten, dass Lee zwar "den Ruf der olympischen Bewegung beschädigt" habe, ihm aber dennoch gestattet, inmitten von Pyeongchangs Spiele-Kampagne zurückzukehren. Die strukturschwache Region an der Ostküste Koreas, in der nahezu alle Sportstätten und viel Infrastruktur neu aufgebaut werden mussten, bekam die Veranstaltung dann per Erdrutschsieg zugesprochen. Lee blieb noch bis August 2017 Mitglied im IOC.

Samsung wies am Dienstag sämtliches Fehlverhalten in dieser Angelegenheit zurück. Die Firma habe sich nie an illegalen Lobby-Aktivitäten für einen Sieg Pyeongchangs beteiligt, hieß es. Das Unternehmen habe alles überprüft und das IOC legal gesponsort. Die Ringe-Organisation wiederum verwies darauf, dass alle Informationen rund um Diack Teil der laufenden Ethik-Ermittlungen werden würden. Doch es geht bei dem Verdacht offenkundig nicht nur um einzelne und bereits aus dem IOC ausgeschiedene Personen wie Diack.

Der Präsident der unterlegenen Münchner Bewerbung war damals übrigens Thomas Bach, Boss des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) - und ab 2013 dann Präsident des IOC. Tapfer hatte er wochenlang vor der Vergabe in Durban kundgetan, wie glänzend doch die deutschen Chancen stünden. Dabei erklärten viele andere IOC-Mitglieder damals, wie sicher der Sieg von Pyeongchang war. Die Niederlage und der Umgang mit der Bewerbung rissen in Deutschland Wunden auf, die - wie beim Bürger-Nein zur folgenden Münchner Bewerbung für 2022 und der angedachten Kandidatur Hamburgs für den Sommer 2024 - bis heute nicht verheilt sind.

Nun wäre der damalige, womöglich betrogene deutsche Kampagnenchef in seiner neuen Funktion in der Lage, massiv zur Aufklärung beizutragen. Bach tourte dieser Tage durch Nordkorea, wo es auch zu einem halbstündigen Treffen mit dem nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un kam - von Menschenrechtlern gab es dafür viel Kritik. Vielleicht wäre es ja angebrachter, würde Bach sich um die Vorgänge ein paar Kilometer weiter südlich kümmern.

© SZ vom 11.04.2018
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