Das Maskottchen der Olympischen Winterspiele in Peking 2022 war ein Panda, der in einer Haut aus Eis steckte und, laut offizieller Website, verstanden werden sollte als „Tribut an die Umarmung neuer Technologien für eine Zukunft mit unendlichen Möglichkeiten“. Einen Panda mit solchem Geschwafel zu überladen, grenzt an Tierquälerei. Da ist es ganz erfreulich, dass die Spiele 2026, jedenfalls maskottchentechnisch betrachtet, diesmal mehr down to earth sind, entschlackt und erschlankt.
Die Italiener sind nicht auf den Hund gekommen, sondern auf zwei Hermeline. Deren Namen sind von den Gastgeberstädten abgeleitet: Tina von Cortina d’Ampezzo, Milo von Milano. Hermeline als solche sind tatsächlich schlank – und ausgesprochen possierlich. Dass sie Raubtiere sind, sieht man ihnen nicht an. (Dem Dackel Waldi hat man allerdings auch nicht angesehen, dass er ein Jagdhund ist.) Hermeline leben in den Dolomiten, außerdem können sie rennen, klettern, springen, schwimmen – und auf Fotos sehen sie gern so aus, als wüssten sie, dass sie geknipst werden.
In alten Zeiten wurde das weiße Hermelinfell, als Sinnbild für Lauterkeit, gern in Königsornat eingearbeitet
Hermeline sind also polyvalente, herzeigbare Athleten – wie geschaffen für einen Maskottchenjob auf den Bühnen der Mediengesellschaft. Und wie Sportler, die zwischen Auswärts- und Heimtrikot hin- und herwechseln, wechseln auch Hermeline zwischen Auswärts- und Heimtrikot beziehungsweise Winterfell (weiß) und Sommerfell (oberseitig rotbraun). Was diesen Fellwechsel angeht, legt das Tier ein athletisches Tempo vor, vermutete jedenfalls der alte Tierflüsterer Brehm: „Nicht selten sieht man das Hermelin bis spät in den Winter hinein in seinem Sommerkleide herumlaufen. Wenn aber plötzlich Kälte eintritt, verändert es oft in wenigen Tagen seine Farbe.“ Bei diesen Spielen wird man Tina, tätig bei Olympia, ganz in Weiß im Winterkleide herumlaufen sehen. Milo trägt Sommerkleid, er ist für die Paralympics zuständig: Wenn die starten, ist es schon wärmer.
Grundsätzlich ist es ein gutes Zeichen für ein Hermelin, wenn es sein Kleid behalten darf – dann lebt es nämlich noch. In alten Zeiten wurde das weiße Hermelinfell, als Sinnbild für Lauterkeit, gern in Königsornat eingearbeitet. Und wenn man die kräftigen Majestäten der Vergangenheit sieht, kann man sich ausrechnen, wie viele schlanke Hermeline für einen Kragen oder ein Innenfutter draufgegangen sind.
Bittere Phasen hatte die Beziehung Mensch/Hermelin, aus Hermelinperspektive betrachtet. Dass jetzt die zwei Hermeline Tina und Milo die Maskottchen eines Menschensportfests sind, ist eine schöne Geschichte, auf alle Felle.
„Schnella Italia“ ist die Olympia-Kolumne der SZ-Sportredaktion. An dieser Stelle schreiben die Reporterinnen und Reporter der SZ über Kuriositäten und Beobachtungen am Rande der Winterspiele.

