Das Erste, was Molly Seidel im Ziel sagte, war: "Hi Mum." Ein Kameramensch mit laufendem Gerät stand herum, da ergriff sie die Möglichkeit für diesen Gruß aus dem fernen Osten in die amerikanische Heimat nach einem überaus harten olympischen Marathon, den sie soeben als Dritte abgeschlossen hatte. Gold und Silber gingen nach Kenia, das hätte man sich gleich denken können. Peres Jepchirchir aus Kapsabet setzte sich in 2:27:20 Stunden durch gegen Brigid Kosgei (2:27:36), die Weltrekordlerin aus Eldoret. Aber nicht zu erwarten war, dass Molly Seidel aus Boston, für die das 42,195-Kilometer-Rennen der Tokio-Spiele erst der dritte Marathon ihres Lebens war, das Siegerpodest besteigen würde. 2:27:46 Stunden war ihre Zeit. Sie sagte: "Ich habe mich selbst überrascht."
Marathon ist eine große Sache im Land des Olympia-Gastgebers Japan. Das Fernsehen überträgt wichtige Rennen. Die nationale Konkurrenz ist stark. In den vergangenen Jahrzehnten hat es in der klassischen Disziplin einige japanische Olympiasiegerinnen gegeben. Aber die Nation hat ihre Marathon-Begeisterung bei den Heimspielen nicht wie erhofft ausleben können, und das hatte nicht nur mit der Pandemie zu tun. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verlegte 2019 die Rennen wegen Tokios berüchtigter Sommerschwüle von der Hauptstadt nach Sapporo auf die kühlere Nordinsel Hokkaido. Man hatte im IOC vorher die Fernsehbilder vom Hitzemarathon bei der WM in Doha gesehen und wollte ein ähnliches Festival der Aufgaben vermeiden.
Die Idee war gut, nur die Pointe der Geschichte passte nicht: Sapporo erlebt dieses Jahr eine seltene Hitzewelle. Die Veranstalter verlegten das Rennen kurzfristig um eine Stunde nach vorne, von sieben Uhr auf sechs Uhr morgens. Trotzdem herrschten 65 Prozent Luftfeuchtigkeit und am Ende 30 Grad auf der kurvigen Strecke in Sapporos Innenstadt. Das machte auch den japanischen Läuferinnen den Wettkampf schwer und trug vermutlich dazu bei, dass sich auch die Medaillenhoffnungen nicht erfüllten. Als beste Japanerin wurde Mao Ichiyama Achte.
Seidel hatte Olympiagold als Ziel angegeben - aber das war wohl nicht ganz ernst gemeint
Manche trotzten der Hitze mit Erfolg. Die Deutsche Melat Yisak Kejeta, 28, gebürtige Äthiopierin aus Baunatal, zum Beispiel, die in 2:29:16 Stunden starke Sechste wurde. "Mein Ziel war, eine Medaille zu bekommen für Deutschland", sagte Kejeta und entschuldigte sich, dass es nicht geklappt hat: "Es tut mir leid." Andere brachten das Rennen nicht zu Ende. Den dramatischsten Einbruch erlebte die 10 000-Meter-Europameisterin Lonah Chemtai Salpeter aus Israel, die, auf Platz drei laufend, vier Kilometer vor dem Ziel stehenbleiben musste. Sie rannte das Rennen tapfer zu Ende. Nach 2:48:31 Stunden kam sie als Sechsundsechzigste ins Ziel.
Salpeters Unglück war Seidels Glück. Mit ihrem amerikanischen Optimismus hatte sie Gold bei Olympia 2020 als Ziel angegeben, aber das war wohl nicht ganz ernst gemeint, denn sie ist tatsächlich noch recht neu auf der ganz langen Strecke. Molly Seidel, 27, hatte ihre ersten internationalen Einsätze als Crossläuferin, ansonsten überzeugte sie bei Studentenmeisterschaften und auf regionaler Ebene. Ihr erster Marathon waren die US-Trials im Februar 2020 in Atlanta, die amerikanische Olympia-Qualifikation.

Erst wenige Monate zuvor, hatte sie begonnen, nach den Trainingsplänen von Jon Green zu trainieren. Green ist genauso alt wie sie. Ursprünglich war er ein Freund und Kollege beim Bostoner Saucony Freedom Track Club. Als Seidel den Verein im Herbst 2019 verließ, bot Green seine Hilfe in Trainingsfragen an. Seidel mochte die Idee. Sie arbeitete damals als Barista in einem Coffeeshop und als Babysitter, um über die Runden zu kommen. Sie und Green hatten keine großen Pläne, aber dann gewann Seidel den Halbmarathon von San Antonio in 1:10 Stunde. Damit durfte sie bei den Marathon-Trials starten. "Wir dachten: Warum nicht?", hat Green im Lauf-Magazin The XC erzählt. Auf dem hügeligen Kurs von Atlanta wurde sie dann Zweite und war drin im Olympiateam der USA.
Aus diesem Land sind immer wieder starke Läufer mit Trainern gekommen, deren Methoden die Grenzen des Erlaubten streiften oder übertrafen. Bei Seidel ist man zunächst mal nur überrascht. Sie scheint zu den Läuferinnen gehören, die das lange langsame Training für den Marathon besser verkraften als die schnelleren Einheiten für kürzere Strecken. Sie selbst sagt: "Ich liebe das Gefühl des Marathons, dieses langsame Schleifen am Anfang, dieses Alles-aus-sich-Rauspressen am Schluss." Die Bedingungen in Sapporo fand sie hart, aber okay. "Ich trainiere in Arizona, deshalb habe ich viel Hitzetraining gemacht." Sie sah in Sapporos Schwüle sogar einen Vorteil: "Weil ich weiß, viele der Frauen im Feld laufen sehr schnell, wenn die Bedingungen gut sind." Sie selbst ist als Läuferin nicht extrem schnell. Eher extrem zäh.
Die Medaille dürfte ihr Leben verändern. Seidel ist jetzt wer in der internationalen Laufszene. Mehr Angebote für gutdotierte Starts dürften die Folge sein - und die Erwartung der Leute, dass sie beim nächsten Mal wieder so gut ist. Aber daran dachte Molly Seidel nach dem Rennen nicht. Sie wollte telefonieren. Mit den Leuten, die aus ihrer Sicht ihre wichtigste Inspiration sind: mit Mum und Dad.


