„Schnella Italia“Lieber blechen als beichten

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Die T-Shirts nicht besonders hübsch, die Poster nicht besonders kreativ: Trotzdem reißen sich die Leute um alles im olympischen Megastore.
Die T-Shirts nicht besonders hübsch, die Poster nicht besonders kreativ: Trotzdem reißen sich die Leute um alles im olympischen Megastore. Peter Kneffel/dpa

Mailand bietet auch während der Winterspiele so viele Attraktionen – aber wer will schon zum Dom, wenn nebenan eine viel faszinierendere Kathedrale steht?

Kolumne von Holger Gertz

Der Mailänder Dom: überwältigend. Er nimmt einem den Atem, schon wenn man nur davorsteht. Man fühlt sich winzig vor dieser Kathedrale, und wenn man sogar reingehen will, sollte man besser morgens kommen, steht auf der Webseite – danach wird’s zu voll. Außer jetzt, bei Olympia: Da warten die Leute nicht in Schlangen vorm Dom, sondern gleich gegenüber, auf der Piazza del Duomo, vorm Megastore dieser Olympischen Spiele. Man muss locker eine Stunde einplanen, bis man reindarf. Vorm Dom steht das Publikum nicht annähernd so lange für die Beichtstunde an, vielleicht ist das nur bei Olympia so. Vielleicht ist es aber auch ein Zeichen der Zeit, dass die Leute nicht mehr Schlange stehen wollen, um zu beichten.

Im Mailänder Dom sind der Heilige Nagel, 3400 Statuen und die größte Orgel Italiens (mehr als 15 000 Pfeifen). Im Megastore von Mailand sind Olympia-T-Shirts, Olympia-Poster, Olympia-Pins. Es heißt immer, die Mailänder blickten eher distanziert auf Olympia, die Stadt hat so viele andere Attraktionen, zum Beispiel einen Dom. Aber der Megastore übt, als Konsum-Kathedrale, dennoch eine Faszination aus, auf viele Touristen, aber auch auf Bürger von Milano. Dabei sind die T-Shirts nicht besonders hübsch, die Poster nicht besonders kreativ, und trotzdem reißen sich die Leute um alles, sogar um die Pins, die heiligen Nadeln des kleinen Mannes. Es geht wohl darum, dass man etwas bewahren will vom großen Ereignis, irgendeine Reliquie. Etwas, das bleibt, auch wenn Olympia längst weitergezogen ist.

Im Megastore gab es vor ein paar Tagen noch gefühlt so viele Maskottchen wie Orgelpfeifen drüben im Dom: die Hermelin-Dame Tina aus Plüsch in mehreren Größen. Ein Tierchen mit erheblichem Niedlichkeitsfaktor. Tina ist schneeweiß, aber was heißt schon weiß? Weiß ist, wie alles im Leben, ausdeutbar. Der Philosoph Julius Bergmann hat 1879 geschrieben: „Wenn wir in Deutschland uns den Mailänder Dom als weiß vorstellen, so liegt dem nicht eigentlich die Anschauung des Mailänder Doms, sondern die Einbildungs-Anschauung eines vor uns stehenden Domes zugrunde, dem das Merkmal Weiß zukommt.“ Bezogen auf Tina hätte man das gern geprüft. Ist sie tatsächlich weiß? Oder ist sie eine im Einkaufskorb liegende Hermelin-Dame, der das Merkmal Weiß nur zukommt? Diese Begutachtung, eigentlicher Sinn des Besuchs im Megastore der Olympischen Spiele, musste allerdings leider entfallen. Denn Tina ist inzwischen restlos ausverkauft.

„Schnella Italia“ ist die Olympia-Kolumne der SZ-Sportredaktion. An dieser Stelle schreiben die Reporterinnen und Reporter der SZ über Kuriositäten und Beobachtungen am Rande der Winterspiele.

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