Die Expedition ins unbekannte Terrain begann mit spitzen Nägeln unter den Füßen. Eiskanäle sind zum Rutschen da, nicht zum Gehen, und diese Bahn hat durchschnittlich acht Prozent Gefälle. Für die erste Besichtigung, die ungefähr eine Stunde dauerte, nutzte Francesco Friedrich deshalb Gerätschaften, die an Steigeisen erinnern. Nach ungefähr einem Drittel, nach Abschnitten mit ladinischen Namen wie Stries und Labirinti, ist eine Stelle erreicht, die sinnigerweise Belvedere heißt. Als ob Bobfahrer, die mit bis zu 140 km/h durch die Röhre schießen, Zeit hätten, den Kopf aus dem Gefährt zu heben und das Dolomitenpanorama zu bestaunen. Dass er durch prächtige Landschaft brettert, ist Francesco Friedrich natürlich trotzdem nicht entgangen: „Schön hier!“, sagte er lächelnd. Er ist zum ersten Mal in Cortina d’Ampezzo.
Sightseeing gehört nicht zum Programm von Profisportlern auf Weltcuptour. Aber dass Friedrich, 35, viermaliger Olympiasieger aus Pirna, 16-maliger Weltmeister im Zweier- und Viererbob auf Bahnen von Peking bis St. Moritz, von Whistler bis Königssee, die Pista olimpica Eugenio Monti nie gesehen hatte, ist trotzdem bemerkenswert. Zumal er jenen Eugenio Monti als Rekordsieger bei Weltmeisterschaften abgelöst hat. Aber das Bauwerk, spätestens seit James Bonds Verfolgungsjagd „In tödlicher Mission“ 1981 weltberühmt, war noch vor Kurzem eine Ruine.

Bobbahn in Cortina:Die umstrittenste Baustelle Olympias
Ein Jahr vor Olympia sind viele Sportstätten noch im Bauzustand. Der besondere Problemfall Italiens ist die Bobbahn von Cortina. Zu Besuch an einem Fleck, der einen stolzen Wintersportort um seinen guten Ruf fürchten lässt.
Erst 2023 wurde sie abgerissen. Vorausgegangen war ein erbitterter Streit auf allen Ebenen, politisch, wirtschaftlich, ökologisch. In Cortina gab es eine starke Lobby für eine neue Bobbahn in der Olympiastadt von 1956 und 2026, aber auch Widerstand. Viele Bürger sahen die Prioritäten eher im Ausbau der Radwege oder im öffentlichen Schwimmbad als in einer hochsubventionierten Pista für Profis. Sogar das Internationale Olympische Komitee sprach sich dafür aus, die Wettbewerbe an eine bereits existierende Bahn ins Ausland zu verlegen.
Es war dann eine Order aus Rom, ein „Basta!“ von Infrastrukturminister Matteo Salvini, dem starken Mann der italienischen Regierung Meloni, die Anfang 2024 die Bagger anrollen ließ – nur zwei Jahre vor Spielebeginn. Viel zu spät, warnten damals Experten wie Thomas Schwab, Mitglied der Bahnbaukommission des Weltverbands IBSF. Erschwerend kam hinzu, dass es sich um eine Winterbaustelle im Hochgebirge handelte.
Die schwierigsten Kurven kommen gleich nach dem Start
Doch die befürchtete Blamage ist abgewendet. Bereits 20 Monate später rast die Elite der Bobfahrer nun zum Weltcupauftakt des Olympiawinters durch die eisigen Kurven. Auch Schwab ist „tief beeindruckt“, wie er sagt: „Eine solche Schnelligkeit haben wir in der Baukommission noch nie gesehen, und ich war bei allen Bauprojekten seit Sotschi dabei.“ Normalerweise dauere es drei Jahre bis zur Fertigstellung. Wobei auf der Baustelle selbst von „Belvedere“ – schöner Aussicht – noch nicht die Rede sein kann.
Das gesamte Gelände ist weiträumig mit rotem Bauzaun abgesperrt, der Zutritt für Außenstehende nur ausnahmsweise und in gesicherten Bereichen gestattet. Am Start in 1321 Meter Höhe türmen sich Gestänge, Rohre, Eisengitter. Berge von leeren Kabelrollen lagern in Sichtweite der Bahn aus Sichtbeton. Johannes Lochner, 35, Friedrichs ärgster Rivale aus Berchtesgaden, Olympiazweiter von Peking und fünfmaliger Weltmeister, ist trotzdem „positiv überrascht, wie viel schon fertig ist“. Um die Bahn herum gebe es noch einiges zu tun, sagt er: „Aber wir sind zum Bobfahren da, und das funktioniert auf einem hohen Niveau. Das ist alles, was zählt.“

Und wie ist sie nun, die neue Pista olimpica Eugenio Monti? Mit ihren 1445 Metern Wettkampflänge, 107 Metern Höhenunterschied und 16 Kurven? „Im oberen Teil relativ schwierig“, sagte Lochner während des Abschlusstrainings. Eine Erkenntnis, die Friedrich bestätigt: „Man hat erwartet, dass die ersten Kurven komplex sind. Man muss sie trotzdem gut erwischen und die Startgeschwindigkeit in den unteren Teil mitnehmen.“ Ein unerhört neues Fahrgefühl blieb für die Routiniers deshalb aus, weil der Kanal von Cortina den Olympiabahnen ähnelt, die 2018 in Pyeongchang und 2022 in Peking in die Landschaft gesetzt wurden, „und die kommen ja alle mehr oder weniger aus einem Architekturbüro“, sagt Lochner: „Der Rhythmus und Charakter ist ähnlich wie in China, da war es auch so, dass man oben scharfe Kurven hatte – nicht gefährlich, sondern schön zu fahren.“
Mehr als 30 Trainingsfahrten haben Friedrich und seine Kollegen abgespeichert, seit sie zu Beginn vor zwei Wochen erstmals durch die Eisrinne stapften, um ihre Ideallinie zu erarbeiten. Auf 40 müssen sie kommen vor den Winterspielen, so sehen es die Regeln vor, sagt Friedrich. Aber Eispiloten sind Tüftler. Und dass ihnen der Olympiawinter zum Auftakt gleich eine Entdeckungsreise im Weltcup bot, hat die Vorfreude verstärkt.

Winterspiele in Mailand:Olympia 2026: Wettkämpfe und Entscheidungen im Zeitplan
Am 6. Februar wurden die Olympischen Winterspiele 2026 im Mailänder San Siro-Stadion eröffnet. In unserer Übersicht finden Sie, wann welche Medaillenentscheidung stattfindet.
Bis zu den Spielen soll das Eis der Bahn noch dünner und schneller werden
Den Auftakt machten beim Weltcup in Cortina am Freitag übrigens die Skeletonfahrer, die sich kopfüber in die Rinne stürzten. Am schnellsten unten war bei den Männern der Brite Matt Weston. Juniorenweltmeister Lukas Nydegger aus Filderstadt kam auf Platz vier, Christopher Grotheer, der Olympiasieger von Peking 2022, auf Platz 15. Besser lief es für Jacqueline Pfeifer, die vor Teamkollegin und Peking-Olympiasiegerin Hannah Neise gewann. Am Samstagmorgen starten noch die Frauen im Monobob, um 13 Uhr die Männer im Zweier.
„Scharf fahren“, nennt es Lochner, wenn die Experimentierfahrten enden und nur noch die Sekunden zählen. Sein Kollege Friedrich spricht vom „ersten Schlagabtausch“, danach wisse man: „Wo stehen wir in der Welt? Wo stehen wir auf dieser Bahn?“ Andererseits, sagt er, sei diese Eisrinne von Cortina, durch die er im November rast, „nicht die finale Bahn“. Bis zu den Winterspielen im Februar rechnet er damit, dass weiter am Eis gearbeitet wird, dass die Schichten dünner und schneller werden.
Dann soll auch die Baustelle verschwunden sein. Wobei die Fortschritte frappant sind. Als Ende Oktober die Rodler zum Testen kamen, fehlte es an Umkleidemöglichkeiten. Am nächsten Tag stand ein Zelt mit Wärmepilz da. Die Bobfahrer durften jetzt schon die Räume unter dem Starthaus beziehen.

