Livigno bei den WinterspielenEntnervte Dorfbewohner, aber der Vibe stimmt

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Zoi Sadowski-Synnott und Ben Barclay, die Fahnenträger Neuseelands, können in Livigno auf viele Fans zählen. Im Dorf ist man dagegen etwas skeptisch wegen Olympia.
Zoi Sadowski-Synnott und Ben Barclay, die Fahnenträger Neuseelands, können in Livigno auf viele Fans zählen. Im Dorf ist man dagegen etwas skeptisch wegen Olympia. Hannah Peters/Getty Images
  • In Livigno, einem der sechs Olympia-Orte, leiden die Geschäfte unter 80 bis 90 Prozent Umsatzeinbußen, weil Individualverkehr verboten ist und keine Touristen kommen.
  • Trotz der wirtschaftlichen Probleme entwickelt sich Livigno zu einem authentischen Olympia-Ort mit internationalen Fans und einer lebendigen Freestyle-Community aus aller Welt.
  • Die Freestyler nutzen soziale Medien intensiv und transportieren das Olympia-Flair digital in die Welt, was dem Ort neue internationale Aufmerksamkeit bringt.
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In Livigno, einem von sechs Olympia-Orten, gibt es Kritik an den Spielen, die Touristenläden sind leer. Aber junge Fans aus aller Welt haben ihren Spaß. Unterwegs mit Grantelnden und Feiernden.

Von Felix Haselsteiner, Livigno

An manchen Orten in Livigno kann man die Olympischen Spiele sogar riechen. 19 Parfümerien gibt es in dem Dorf mit knapp 7000 Einwohnern, man kommt kaum an einer Straßenecke vorbei, ohne einen Verweis auf Düfte, Cremes und Kosmetik aller Art. Als wäre man an einem internationalen Flughafen und nicht in einem norditalienischen Bergdorf. Eine bemerkenswerte Zahl ist das, sie lässt sich tatsächlich mit Flughäfen erklären und sogar mit Napoleon, dazu später. Erst einmal der Nase nach durch Livigno, auf der Suche nach dem profumo olimpico, dem olympischen Duft. Bis zur überraschenden Erkenntnis: Süßliches Parfüm ist nicht die Antwort. Das versprüht hier aktuell niemand.

Auffällig leer sind die Parfümerien derzeit. Hinter den meisten Eingangstüren findet man nur entnervtes Personal, volle Regale und Testfläschchen, die so lange nicht getestet wurden, dass es selbst in den Duftläden auf einmal nach ganz normaler Heizungsluft riecht. Und auch sonst schlägt der Geruchssinn nicht an, nicht mal da, wo man es sonst kaum aushält in Wintersportorten: Nicht einmal um 16.30 Uhr in einem der vielen Skiverleihe riecht es aktuell nach Schweiß.

Livigno hat den Zuschlag als ein Ausrichter der Olympischen Winterspiele gewonnen. Aber dafür nicht nur seine gewohnten Gerüche und Gefühle verloren, die mit den Feriengästen und den Tagestouristen kamen. Manche sagen, Livigno hat sogar noch mehr verloren: seine altbekannte Identität.

Um ein Stück davon zu finden, kann man bei „Lafranconi Sport“ vorbeischauen. Am Montagabend in der ersten Olympiawoche sitzt in einem der ältesten Sportgeschäfte des Ortes ein älterer Herr hinter der Kasse, der sich als Matteo vorstellt. Dann blickt er eilig auf sein Tablet und ist entrüstet: Das italienische Curling-Duo aus Stefania Constantini und Amos Mosaner ist gerade dabei, im Halbfinale gegen die USA zu verlieren. Auch das noch! Jetzt gewinnen sie nicht einmal, wenn er schon Zeit zum Fernsehen hat, die er gar nicht haben will.

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SZ PlusVon Felix Haselsteiner

Normalerweise sei es draußen auf der Straße und bei ihm im Geschäft pieno pieno um diese Jahreszeit gerammelt voll. Und nun, zu den Olympischen Spielen, kommt niemand, der etwas einkauft. 20 bis 30 Prozent Einbußen hatten das Organisationskomitee und die örtliche Verwaltung den Geschäften prophezeit, aber 80 bis 90 Prozent weniger Umsatz würden sie aktuell machen, sagt Monica. Matteos Ehefrau hat gerade immerhin mal eine Skijacke verkauft, jetzt kann sie mitreden: In den anderen 257 Geschäften in Livigno übrigens „ist es ganz genauso“, sagt sie.

Sie weiß die Zahl auswendig, die Geschäfte sind ein Stolz der Stadt. In Livigno begreifen sie sich bis heute als commercianti, als Händler und Verkäufer, das hat hier große Tradition. Napoleon war es, der das strategisch wichtige Tal zwischen der Schweiz und Italien 1805 zu einer zollfreien Zone erklärte, damit sich hier ganzjährig Menschen ansiedeln. Das Privileg gestanden später auch das Kaisertum von Österreich-Ungarn und das Königreich Italien dem kleinen Ort zu. Nicht einmal die regelverliebte EU hatte dagegen etwas einzuwenden. Also trieben sie Handel in Livigno, verkauften Parfüm, Alkohol und andere Luxusartikel, vor allem an die benachbarten Schweizer, italienische Skifahrer und später zunehmend Touristen aus Osteuropa. Und mit dem Geld, das die Gemeinde verdiente, wurden das Skigebiet und der Wintersport im Tal ausgebaut, damit der Tourismus angelockt, und die Einheimischen lebten friedlich. Bis ihnen die Straße zugemacht wurde.

Der Individualverkehr muss draußen bleiben. Es ist fast so wenig los „wie zu Covid-Zeiten“

Die Spiele von Milano-Cortina 2026 sollten kein Chaos aus Individualverkehr auf engen Alpenpässen erzeugen, sondern ein nachhaltiges Vorzeigeprojekt sein. Also gab es strenge Auflagen, Anwohnerzonen, Durchfahrtsverbote, das ganze Tal rauf und runter. Nur: Wer fährt schon mit dem Bus zum Skifahren und Parfümkaufen nach Livigno? Niemand, es hieß ja Monate im Vorlauf schon, man solle im Februar die ganze Provinz Sondrio bitte großräumig umfahren. Also ist die Straße über den Foscagno- und den Eira-Pass so leer wie lange nicht mehr. „Wie zu Covid-Zeiten“ fühle sich der Verkehr im Valtellina derzeit an, sagen viele Einheimische. Aber lieber anonym, sie wollen ja nicht stänkern.

Matteo schon, ihm passt das alles nicht mit diesen Spielen. In seiner kleinen Albergo vermietet er ein paar Zimmer, chinesische Journalisten haben sich zu Olympia bei ihm eingemietet. „Aber die haben sogar ihr eigenes Essen mitgebracht“, sagt er mit derselben Entrüstung wie vorhin beim Curling. Der Sport sei schön, die zwei Söhne arbeiten drüben an der Big-Air-Schanze als Freiwillige, aber: „Wir haben Olympia hier gar nicht gebraucht.“

„Wir haben Olympia hier gar nicht gebraucht“: Blick auf die Big-Air-Schanze.
„Wir haben Olympia hier gar nicht gebraucht“: Blick auf die Big-Air-Schanze. David Ramos/Getty Images

Wie oft er damit in Norditalien Zuspruch bekommen würde. Wer braucht schon Winterspiele? Die Mailänder sicher nicht, die sind auch so schon eine der prosperierendsten Städte Europas, ihr latentes Desinteresse spricht Bände. In Bormio waren sie auch zufrieden mit ihrem Status als wichtiger Weltcup-Standort, im Val di Fiemme bräuchten sie dringend Schnee, eher noch als mehr Langlauf-Wettbewerbe. In Antholz würden sie Matteo vermutlich widersprechen und natürlich in Cortina d’Ampezzo. Dort lieben sie den Wintersport so sehr, dass sie die Spiele am liebsten alleine austragen würden alle vier Jahre. Nur geht das nicht mehr, also kam irgendwann auch Livigno zu der Ehre. Wo Schanzen gebaut wurden, die eine Chance sein sollten. Aber das größere Bild der Spiele sieht hier im Tal kaum jemand.

Entgegen allen Versprechen wurde in Livigno groß investiert, in eine Halfpipe und eine Buckelpiste und einen 80 Meter hohen Big-Air-Turm. Der ganze Hang wurde umgegraben, unten im Ort findet man eine detaillierte Protestausstellung, die alle Arbeiten dokumentiert. Im Schaufenster sitzt eine aus Holz geschnitzte Figur, die den Kopf in den Händen vergräbt.

Jeden Abend Party mit Menschen aus aller Welt. Livigno fühlt sich wie ein wahrhaftiger Olympia-Ort an

Aber ist das denn wirklich alles so schlimm? Oder hat da nicht auch ein Alpendorf sehr viel Freude daran, wegzusehen und zu ignorieren, was vor den eigenen Augen passiert – während der Rest der Welt hinschaut? In Livigno nämlich gastieren vielleicht keine einkaufsfreudigen Touristen, aber dafür die Zukunft des olympischen Wintersports.

Eileen Gu feiert mit Fans aus aller Welt ihre Silbermedaille in Livigno.
Eileen Gu feiert mit Fans aus aller Welt ihre Silbermedaille in Livigno. Patrick Smith/Getty Images

Was für eine Party, jeden Abend unter Flutlicht! Nicht nur im Snowpark und drüben bei Miky’s Disco Club, wo die größten Après-Ski-Hits der vergangenen Jahrzehnte gespielt werden und man mit einem Bier in der Hand einen ziemlich guten Blick auf die Big-Air-Bewerbe hat, ohne Eintritt zu bezahlen. Auch sonst fühlt sich Livigno nach einem wahrhaftigen Olympia-Ort an, an dem die ganze Welt zusammenkommt. Nicht nur die Alpenländer zu einem internen Wettkampf, der sich als globales Ereignis tarnt.

Natürlich sind Österreicher, Schweizer, Franzosen, Deutsche und Italiener da, aber auch so viele mehr. Japaner, Südkoreaner und Chinesen ziehen durch den Ort und begegnen dort Briten, Amerikanern, Kanadiern, Tschechen und Bulgaren, die ihre Medaillengewinner bejubeln. Nur in Livigno wurde bei diesen Spielen bereits ein Haka aufgeführt, ein Kriegstanz der Maori, zu Ehren der neuseeländischen Snowboarderin Zoi Sadowski-Synnott, die Silber auf der Big-Air-Schanze gewann. Und nur hier kann man in eine Menge aus wildfremden Menschen „Aussie, Aussie, Aussie!“ rufen und „Oi, oi, oi!“ als Antwort bekommen.

Australier? Bei Winterspielen? Die Fans feiern die erfolgreichste Mannschaft der Geschichte des Landes.
Australier? Bei Winterspielen? Die Fans feiern die erfolgreichste Mannschaft der Geschichte des Landes. Patrick Smith/Getty Images

Die Australier, sie sind vielleicht das beste Beispiel für den Wandel, den Livigno in diesen Wochen erlebt, von commercianti zu mates und bros, so heißt hier auf einmal jeder. Bei Miky’s etwa gibt es eine Rutsche, die in den Partykeller führt, seit dem mittleren Wochenende der Spiele weiß davon auch ganz Australien: Das Fernsehen war hier zu Gast, weil unten die erfolgreichste Olympia-Mannschaft feierte, die Australien je zu Winterspielen geschickt hat. Dreimal Gold und einmal Silber haben die Freestyler in verschiedenen Disziplinen gewonnen.

Natürlich garantiert das nicht, dass die Menschen aus Perth und Brisbane bald das Valetellina hinaufpilgern werden, um Parfüm zu kaufen. Aber andererseits: Kann die ganze Aufmerksamkeit wirklich schaden?

Es ist außerdem nicht so, dass die Sportler und ihre Anhängerschaft durch den Ort ziehen und eine Spur der Verwüstung hinterlassen wie die Rowdys bei Fußballturnieren. Man findet ihre Spuren vielmehr im Schnee: Das Skigebiet mag zwar leer sein, aber der örtliche Snowpark ist es nicht. „Zoi und ich waren mal Boarden drüben im Skigebiet“, erzählte Snowboarderin Anna Gasser vor einigen Tagen: „Die sind auch ein Teil von unserer Community.“ Die Gemeinschaft der Freestyler hebt auf Schanzen ab, sonst ist sie bemerkenswert bodenständig und nahbar. Stellvertretend dafür steht auf einem Schild neben dem Eingang zum Neuseeland-Haus, das eigentlich das Hotel Krone mitten im Ort ist, „Haere Mai!“ – „Komm rein!“, auf Te Reo Maori.

Bei den Freestylern ist diese Kultur Pflicht, hier pflegt man die bemerkenswerte Begeisterung füreinander mehr denn je. Irgendwie geht es nicht nur ums Gewinnen im Freestyle, es geht um den sogenannten „vibe“, wie Zoi Sadowski-Synnott es formulierte, womit sie unfreiwillig das Olympia-Motto „It’s a vibe“ zitierte. Das wurde von einer Marketing-Abteilung erdacht und in Livigno zur Realität.

Die sozialen Medien transportieren das Olympia-Flair nach Asien, Amerika und Australien

Und natürlich bringen die ganzen Freistil-Sportler auch ihre Handys mit und ihre Accounts und damit die ganze Welt. Amerikanische Snowboarderinnen machen Vlogs aus dem Pool im olympischen Dorf. Eileen Gu grüßt ihre 2,3 Millionen Follower bei Instagram mit einem Reiskocher aus ihrem Hotel. Der Halfpipe-Artist Scotty James hängte einem kleinen Jungen namens Felix seine Silbermedaille um den Hals und sagte, er solle bitte eines Tages auch eine für sich selbst gewinnen. Das alles wird digital dokumentiert und erreicht Menschen, die diese Geschichten gut finden. Auch wenn sie vielleicht mit Wintersport nicht viel am Hut haben.

Man kann das nun als Eingriff in die Identität eines Orts abtun, wie Matteo und viele andere Kritiker, die sich schon sorgen, dass das alles 2028 erneut so ablaufen wird, wenn die Olympischen Jugendspiele nach Livigno kommen. Ein Kompromiss wäre ja möglich, wären nicht beide Seiten so stur. Man müsste nicht gleich die ganze Region zur Fahrverbotszone erklären, aber auch nicht die Chinesen mit ihrem eigenen Essen als unerwünschte Gäste abtun. Warum nicht die einen Parfüm kaufen und die anderen Medaillen gewinnen lassen?

Apropos: Der profumo olimpico, man findet doch noch Spuren davon. Am Donnerstagabend, an der Halfpipe: Snoop Dogg ist da, der bekennende Marihuana-Liebhaber, aber auch das ist ein Geruch, der in Livigno nirgendwo in der Luft liegt, Doping-Gesetze müssen auch die Freigeister einhalten. Stattdessen fällt hier unter Flutlicht Schnee, in der kalten, winterlichen Alpenluft auf etwas mehr 2000 Metern.

Eigentlich kann man gefrorenes Wasser nicht riechen. Aber an diesem Ort, an dem sich die Spiele manchmal fast schon kindlich naiv nach einem Fest anfühlen, liegt ein klarer, frischer Geruch in der Luft. Man wird auch deswegen ein Gefühl nicht los, bei all dem echten Schnee, den freudigen Sportlern und den Zuschauern aus aller Welt: Ungefähr so wie in Livigno sollten Olympische Winterspiele sich eigentlich anfühlen.

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Von Felix Haselsteiner

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