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Leichtathletik bei Olympia:Thiam und Warner gewinnen die Mehrkämpfe

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Die Belgierin und der Kanadier krönen sich im Sieben- und im Zehnkampf. Steven Gardiner von den Bahamas holt über die Stadionrunde Gold. Im Stabhochsprung setzt sich überraschend Katie Nageotte aus den USA durch. Die Leichtathletik-Meldungen aus Tokio.

Mehrkampf: Damian Warner ist der neue König der Athleten. Nach dem verletzungsbedingten Aus von Weltmeister Niklas Kaul (Mainz) gewann der 31 Jahre alte Kanadier mit herausragenden 9018 Punkten Olympia-Gold im Zehnkampf, Silber ging an Weltrekordler Kevin Mayer (8726/Frankreich). Bronze sicherte sich der Australier Ashley Moloney (8649). Kaul hatte zum Abschluss des ersten Wettkampftages über 400 m wegen einer Fußverletzung aufgeben müssen. "Das Ziel der Olympia-Medaille muss ich mir dann wohl noch für Paris aufsparen", sagte der 23-Jährige mit Blick auf die Spiele 2024 in Frankreich. Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) belegte Rang 14 (8126).

Wie Kaul hatte auch Carolin Schäfer im Siebenkampf lange auf eine Medaille gehofft, zu Beginn des zweiten Tages nach schwachen 5,78 Metern im Weitsprung platzte allerdings der Traum der ehemaligen Vizeweltmeisterin. Am Ende wurde die Frankfurterin mit 6419 Punkten Siebte. Gold ging wie in Rio vor fünf Jahren an Nafissatou Thiam (6791 Punkte/Belgien) vor den beiden Niederländerinnen Anouk Vetter (6689) und Emma Oosterwegel (6590).

Zehnkämpfer Warner verbesserte den bisherigen olympischen Rekord von Roman Sebrle und Ashton Eaton um 125 Punkte. Er ist nach Mayer, Eaton und Sebrle zudem der erst vierte Zehnkämpfer der Geschichte, der die magische 9000-Punkte-Marke geknackt hat.

400 Meter: Weltmeister Steven Gardiner (Bahamas) ist nun auch Olympiasieger über 400 m. Der 25-Jährige setzte sich im Finale von Tokio in 43,85 Sekunden wie bei der WM 2019 in Doha vor dem Kolumbianer Anthony Jose Zambrano (44,08) durch. Kirani James (Grenada) holte neun Jahre nach seinem Olympiasieg von London im klassischen Rennen über die Stadionrunde Bronze (44,19).

Der Südafrikaner Wayde van Niekerk, der 2016 in Rio in der Weltrekordzeit von 43,03 Sekunden Gold gewonnen hatte, war in Tokio im Halbfinale ausgeschieden. Der deutsche Starter Marvin Schlegel (Chemnitz) hatte sich im Vorlauf verabschiedet.

Stabhochsprung: Die amerikanische Stabhochspringerin Katie Nageotte hat bei den Olympischen Spielen in Tokio Gold gewonnen. Die 30-Jährige setzte sich überraschend mit 4,90 m vor Weltmeisterin Anschelika Sidorowa (ROC/4,85) durch. Bronze ging an die Britin Holly Bradshaw (4,85). London-Olympiasiegerin Katerina Stefanidi (Griechenland/4,80) kam nur auf Platz vier. Die frühere Vize-Europameisterin Lisa Ryzih (Ludwigshafen) hatte ihren Start in Tokio kurzfristig wegen Rückenproblemen abgesagt.

Nageotte hatte zuvor nur an einer einzigen weltweiten Freiluft-Meisterschaft teilgenommen, bei der WM 2019 in Doha war sie Siebte geworden. Topfavoritin Sidorowa hatte bis 4,85 m als einzige Springerin alle Höhen im ersten Versuch genommen, dann aber ihre Sicherheit verloren. Nach dem Wettkampf weinte die 30-Jährige bittere Tränen. Für das Team des Russischen Olympischen Komitees (ROC) war es die erste Leichtathletik-Medaille in Japan. Der russische Leichtathletik-Verband ist seit Ende 2015 wegen des Dopingskandals im Land suspendiert.

Der Weltverband World Athletics hat bis zu zehn "neutrale" Athleten aus Russland für Olympia zugelassen. Diese starten für das Team des ROC, nachdem Russland wegen der Manipulation von Doping-Daten für von der Welt-Anti-Doping-Agentur für vier Jahre von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften ausgeschlossen worden war. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte die Sperre auf zwei Jahre halbiert.

20 Kilometer Gehen: Der Potsdamer Christopher Linke hat die ersehnte Olympia-Medaille über die 20 Kilometer Gehen verpasst. Der WM-Fünfte konnte seine Aufholjagd auf den letzten Runden nicht krönen, wurde aber starker Fünfter wie schon 2016 in Rio de Janeiro. Linke erreichte das Ziel nach 1:21:50 Stunden. Gold ging an Massimo Stano aus Italien (1:21:05) vor den Japanern Ikeda Koki (+0:09) und Yamanishi Toshikazu (+0:23). Stano verbeugte sich sogar im Ziel vor seinen ankommenden Verfolgern. Der Berliner Leo Köpp kam als 22. an, Nils Brembach aus Potsdam landete auf Position 28.

"Das war eine größere Hitzeschlacht als gehofft und gedacht. Ich bin als 50. mit meiner Zeit angereist, jetzt bin ich Fünfter, da kann ich natürlich zufrieden sein", sagte Linke im ZDF. Sein Minimalziel war ein Rang unter den ersten Acht gewesen. Am Ende fehlten ihm 22 Sekunden auf Toshikazu, der Bronze gewann. "Natürlich träume ich nach wie vor immer noch von einer Medaille. Ich habe hinten raus richtig, richtig beißen können. Es war mental unglaublich hart heute." Die Geher-Medaillenkämpfe waren aus klimatischen Gründen aus Tokio nach Sapporo in den Norden Japans verlegt worden. Bei 31 Grad Außentemperatur und 63 Prozent Luftfeuchtigkeit zum Start entwickelten sich die 20 Runden dennoch zur Schweißarbeit.

Zehnkampf: Weltmeister Niklas Kaul hat sich bei seinem verletzungsbedingten Olympia-Aus in Tokio keine schwere Verletzung zugezogen. "Das Sprunggelenk wurde bei seinem Absprung über 2,11 Meter gequetscht. Es ist Gott sei Dank nichts gerissen und es gab auch keine Fraktur. Er benötigt jetzt Ruhe, und nach ein paar Wochen kann er den Fuß wieder voll belasten", sagte Verbandsarzt Andrew Lichtenthal nach einer Kernspintomographie am Donnerstag.

Medaillenmitfavorit Kaul hatte bei seinem Olympia-Debüt am Mittwoch im Rennen über 400 Meter nach der Hälfte aufgegeben. Wegen einer Fußverletzung, die sich der Mainer im Hochsprung zugezogen hatte, konnte er nicht mehr am Wettkampf teilnehmen. "Wenn du bei deiner ersten Olympia-Teilnahme nach zwei Bestleistungen in den ersten vier Disziplinen verletzungsbedingt aufgeben musst, dann ist das extrem bitter. Dass die Verletzung gerade bei einem Sprung über eine Bestleistung passiert, sorgt natürlich dabei zudem für eine Achterbahn der Gefühle", sagte Kaul. "Das muss ich jetzt erst einmal verarbeiten und meinem Körper die nötige Ruhe geben. Wenn der Fuß wieder voll belastbar ist, beginnt dann das Training für die WM in Eugene und die EM in München", sagte er weiter. "Das Ziel der Olympia-Medaille muss ich mir dann wohl noch für Paris aufsparen."

Am Donnerstagabend (Ortszeit) wollte er seinen Mehrkämpfer-Konkurrenten im Stadion die Daumen drücken. Der 23-Jährige lag nach vier Disziplinen, in denen er persönliche Bestleistungen im Weitsprung (7,36 Meter) und im Hochsprung (2,11 Meter) schaffte, aussichtsreich im Medaillenrennen.

Hochsprung: Die EM-Dritte Marie-Laurence Jungfleisch aus Tübingen ist ins olympische Hochsprung-Finale eingezogen. Die 30-Jährige sprang die zur direkten Qualifikation für die Entscheidung am Samstag (12.35 Uhr MESZ) geforderten 1,95 m im zweiten Versuch. Jungfleisch war in diesem Jahr bislang nicht über 1,90 hinausgekommen. Die deutsche Meisterin Imke Onnen (Hannover) hingegen ist mit 1,86 m ausgeschieden.

Sprintstaffel: Die deutschen Sprinterinnen erreichten souverän das Finale über 4x100 m und dürfen sogar leise auf die erste Medaille für eine deutsche Staffel seit 33 Jahren hoffen. Rebekka Haase (Wetzlar), Alexandra Burghardt (Burghausen), Tatjana Pinto (Paderborn) und Gina Lückenkemper (Berlin) gewannen am Donnerstagmorgen ihren Vorlauf in 42,00 Sekunden und erzielten die insgesamt drittbeste Zeit. "Bei den Wechseln ist noch eine Menge Luft, ansonsten war es ein optimaler Start", sagte Pinto im ZDF nach dem Rennen bei brüllender Hitze am Vormittag. "Ich dachte im Block, dass meine Hände verbrennen", meinte Startläuferin Haase.

Als Schnellste in den Endlauf am Freitag (15.30 Uhr MESZ) zog Großbritannien (41,55) als Sieger im ersten Vorlauf vor den USA (41,90) ein. Jamaika, das Tokios Doppel-Olympiasieger Elaine Thompson-Herah und die 100-m-Zweite Shelly-Ann Fraser-Pryce schonte, schaffte es nach einigen Problemen beim Wechsel als Dritter im ersten Vorlauf (42,15) ins Finale Die bislang letzte deutsche Medaille hatte die Staffel der DDR mit Silber 1988 in Seoul gewonnen.

Auch die deutsche Männer-Staffel erreichte das Finale am Freitag (15.50 Uhr MESZ). Julian Reus (Erfurt), Joshua Hartmann (Köln) Deniz Almas (Wolfsburg) und Lucas Ansah-Preprah (Hamburg) kamen zwar im zweiten Vorlauf in 38,06 Sekunden nur auf Platz vier, rutschten aber als eine von zwei weiteren zeitbesten Mannschaften in den Endlauf.

Kugelstoßen: Weltrekordler Ryan Crouser aus den USA hat in Tokio wie schon 2016 in Rio Olympia-Gold im Kugelstoßen geholt und dabei eine denkwürdige Machtdemonstration dargeboten. Der 28-Jährige setzte sich am Donnerstag mit gewaltigen 23,30 m und einer geradezu unglaublichen Serie durch. Mit jedem seiner sechs Stöße übertraf er den Olympischen Rekord, den er selbst vor fünf Jahren mit 22,52 m aufgestellt hatte. Seinen eigenen Weltrekord verpasste Crouser im letzten Durchgang nur um sieben Zentimeter. Seine Stöße bis dahin: 22,83 - 22,93 - 22,86 - 22,74 - 22,54. Silber holte Weltmeister Joe Kovacs, der damit wie in Rio den US-Doppelsieg perfekt machte.

Mit seinen 22,65 m hätte er bei sämtlichen vergangenen Sommerspielen Gold geholt. Bronze in einem absolut hochklassigen Wettkampf ging an den Neuseeländer Tomas Walsh (22,47). Crouser hatte Ende Juni bei den US-Ausscheidungen mit 23,37 m den fast drei Jahrzehnte alten Rekord seines Landsmanns Randy Barnes um gleich 25 Zentimeter verbessert. Ein deutscher Kugelstoßer war in Tokio nicht am Start. Der zweimalige Weltmeister David Storl hat in dieser Saison wegen Verletzungsproblemen keinen Wettkampf bestritten.

Hürden: Der Jamaikaner Hansle Parchment hat überraschend Olympia-Gold über die 110 Meter Hürden gewonnen. Der 31-Jährige setzte sich am Donnerstag auf den letzten Metern in 13,04 Sekunden vor Weltmeister Grant Holloway aus den USA durch (13,09). Parchments Landsmann Ronald Levy holte in 13,10 Sekunden Bronze. Vor fünf Jahren in Rio de Janeiro hatte der Jamaikaner Omar McLeod Gold gewonnen. Parchment wiederum war 2012 in London zu Bronze gesprintet. Der EM-Vierte Georg Traber aus Tübingen war in Tokio im Vorlauf ausgeschieden.

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