Kanu bei Olympia:Verschworene Hoffnungsträger

Sebastian Brendel / Tim Hecker (ger) - Men s Canoe double 1000m CANOE : Jeux Olympiques - Tokyo 2020 - 03/08/2021 JBAuti

Sie sitzen erst seit etwa eineinhalb Jahren in einem Boot: Sebastian Brendel (links) und Tim Hecker im Zweier-Canadier.

(Foto: JB Autissier/PanoramiC/imago)

Sebastian Brendel und Tim Hecker gewinnen in Tokio Bronze, die Bilanz des Deutschen Kanu-Verbands glänzt damit bisher nicht so, wie erhofft. Aber Brendels Mission ist noch nicht zu Ende.

Von Thomas Hahn, Tokio

Im ersten Augenblick muss er enttäuscht gewesen sein. Denn der beste Platz war weg, und das ist ein Umstand, den der Kanute Sebastian Brendel eigentlich nicht so gerne mag. Dreimal war er schon Olympiasieger, zehnmal Weltmeister, zwölfmal Europameister. Gold ist ein Anspruch, über den er nicht spricht, aber den er im Grunde immer erhebt, wenn er irgendwo halbwegs fit an den Start geht. Und später musste er zugeben, dass Tim Hecker und er auch vor dem Finale der Zweier-Canadier bei den Spielen von Tokio mit dem ersten Platz "geliebäugelt" hätten und dass sie es "verarbeiten" mussten, als es anders gekommen war.

Die Chinesen enteilten früh, die Kubaner zeigten etwas mehr Ausdauer bei der Aufholjagd. Sebastian Brendel, 33, und Tim Hecker, 23, kämpften bei Hitze, starkem Wind und Wellen auf dem Sea Forest Waterway um jeden Meter. Am Ende war es sehr knapp. Bronze war der Lohn, und die beiden sagten: "Wir sind zufrieden."

Dieser erste Finaltag der Rennkanuten in Tokio war nicht ganz einfach für den Deutschen Kanu-Verband (DKV). Die Bilanz war zu gut, um etwas zu beklagensein, aber sie glänzte auch nicht so, wie man sich das vielleicht erhofft hatte. Hart traf es den jungen Potsdamer Jacob Schopf, der im Einzel-Kajak eine starke Finalvorstellung ablieferte, aber am Ende um ein paar Sekundenbruchteile einen Podestplatz verfehlte. Vierter. Schopf dachte erst, er wäre vor dem erfahrenen Portugiesen Fernando Pimenta ins Ziel gekommen. Er ballte jubelnd die Faust. Dann kam die Ernüchterung. Zu den Reportern kam er nicht mehr.

Danach wurden Tina Dietze und Sabrina Hering-Pradler im Zweierkajak der Frauen Achte. Und dann waren da eben Brendel und Hecker, die den Tag retteten, ohne ihn zum ganz großen Erfolgserlebnis zu machen. "So ist halt der Sport", sagte Brendel.

Die Abteilung Kanuslalom hat in Tokio verlässlich Medaillen geliefert

"Sea Forest Waterway" ist ein etwas irreführender Name für die Ruder- und Paddel-Regattastrecke der Tokioter Spiele. Sie liegt im Bezirk Koto an der Waterfront der großen Stadt. Im Hintergrund rauscht der Verkehr über die Tokyo Gate Bridge. Immer wieder dröhnt ein Flugzeug in relativ niedriger Höhe vom nahen Airport Haneda über die Köpfe. Die Veranstalter vom Organisationskomitee Tocog hatten vor den Spielen Probleme mit der Strecke, weil Fische aus dem Wasser sprangen und zu viele Muscheln wucherten.

Aber bei den Spielen gibt es keine lauten Beschwerden. Den Tribünen und Bootshäusern sieht man an, dass sie neu sind. Und der japanische Ordnungssinn wacht über der Szene. Ein freiwilliger Tocog-Helfer steht am Eingang zur Uferzone mit einem Schild, auf dem steht: "Radfahren ihm Bootsbereich verboten." Und wenn man im Pressezentrum zwischen Trennwänden mit Kaffee am Computer sitzt, hält einem bald eine Volunteer-Frau ein Schild unter die Nase, auf dem steht: "Maske tragen."

Es ist eine ungewohnte, pandemisch-urbane Atmosphäre, aber natürlich keine, die das DKV-Team von seiner Bestimmung ablenken muss. Mit über 120 000 Mitgliedern ist der DKV der größte Verband seiner Art auf der ganzen Welt. Seine Nationalteams sind traditionell Goldbanken des deutschen Sports, wie der DKV selbst stolz auf seiner Homepage aufführt: "Kanuten gewannen bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro 4 von 17, 2012 in London 3 von 11, 2008 in Peking 3 von 16, 2004 in Athen 4 der 6 deutschen Goldmedaillen."

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Goldene Fahrt: Ricarda Funk hat im Einer-Kajak die begehrteste Medaille gewonnen.

(Foto: Laci Perenyi/imago)

In Tokio geht es so weiter, die Abteilung Kanuslalom hat verlässlich geliefert: Gold durch Ricarda Funk im Einer-Kajak. Die Rennkanuten sollen nachlegen. Brendel, in Rio zweifacher Olympiasieger in Zweier- und Einer-Canadier, ist dabei ein wichtiger Hoffnungsträger. Aber natürlich gibt es keine Erfolgsgarantien.

Damit müssen die Besten leben, und das Team Brendel/Hecker hat am Dienstag gezeigt, wie man das machen kann. Sie sitzen noch nicht sehr lange in einem Boot, seit etwa eineinhalb Jahren erst. Das mag gerade beim hohen Wellengang in der Tokioter Bucht ein Nachteil gewesen sein in ihrer besonders wackligen Bootsklasse gegenüber den kubanischen Tagessiegern Serguey Torres Madrigal und Fernando Dayan Jorge Enriquez, die seit 2015 ein Canadier-Paar sind; die Silber-Gewinner Liu Hao und Zheng Pengfei waren schon 2019 zusammen Weltmeister.

Trotzdem sind Brendel und Hecker in Tokio ein verschworenes Duo. Keine Vorhaltungen, kein Hadern. Sie standen Arm in Arm beim Fernsehinterview. Der eine ordnete nach der Siegerehrung das Medaillenband am Kragen des anderen und umgekehrt. Und sie machten sich Komplimente. "Er hat das Boot toll gehalten, immer geschoben von hinten", sagte Brendel über Hecker. Der wiederum lobte den prominenten Schlagmann: "Basti gibt den Ton vor, das hat er auch wahnsinnig gut gemacht." Man verstand sich, man mochte demonstrativ die gemeinsame Bronzemedaille. Es war das Beste, was sie an diesem Tag tun konnten.

Denn Brendels Mission ist noch nicht zu Ende. Er startet auch im Einer, wie schon in Rio. Am Donnerstag sind die Vorläufe, das Finale findet am Freitag statt. Da kann Brendel es gerade nicht gebrauchen, Bronze-Plätze kritisch zu hinterfragen. Im Gegenteil, er muss das Erlebnis vom Dienstag in positive Energie verwandeln. "So eine Medaille gibt schon viel Selbstvertrauen", sagte Sebastian Brendel deshalb. Er würde am Freitag gerne zum vierten Mal Olympiasieger werden. Er spricht nicht davon, aber man darf davon ausgehen. Er sagt: "Ich hab' Bock, auf jeden Fall." Und Tim Hecker ergänzt: "Das macht er schon." Deutsche Kanuten haben keine Angst vor höchsten Zielen.

© SZ/and/pps/lib
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