Judo bei Olympia:Botschafterin eines neuen Bewusstseins

Judo - Women's 78kg - Bronze medal match

Bestätigung für ihre "supergroße" Überzeugung: Weltmeisterin Anna-Maria Wagner besiegt im Kampf um Platz drei die Kubanerin Kaliema Antomarchi und gewinnt die Bronzemedaille.

(Foto: Annegret Hilse/Reuters)

Die Bronzemedaille für Anna-Maria Wagner im Halbschwergewicht ist ein weiterer Beleg dafür, dass der deutsche Verband eine intakte Mannschaft in die Judo-Hauptstadt Tokio geschickt hat. Das soll sich auch im Team-Wettbewerb auszahlen.

Von Thomas Hahn, Tokio

Anna-Maria Wagner schrie, denn sie musste ihren Arm vergessen. Das Halbfinale im olympischen Judo-Turnier der Klasse bis 78 Kilo war nicht ganz nach Plan verlaufen. Wagner hatte Shori Hamada eigentlich gut im Stand gehalten, wie geplant. Aber dann war sie doch in die Bodenlage geraten gegen die Japanerin, und Hamada hatte ihren linken Arm ohne Gnade durchgedrückt. Mit Schmerzen stapfte Wagner von der Matte. Der Arm musste getapt werden, und sie musste vor ihrem Kampf um Bronze gegen die Kubanerin Kaliema Antomarchi irgendwie ausblenden, dass sie angeschlagen war.

Also schrie sie sich besonders laut an, als sie wieder auf der Tatami des Nippon Budokan stand. Sie kehrte zurück in diesen Tunnel, in dem es keine Schmerzen gibt und keine Schwierigkeiten, nur das große Ziel, das man erreichen will. Dann kämpfte sie und gewann mit einer kleinen Wertung in regulärer Kampfzeit.

Es sind gute Tage für den Deutschen Judo-Bund (DJB) bei den Olympischen Spielen in der Judo-Hauptstadt Tokio. Nach den Spielen von 2016 in Rio scheint diesmal eine andere, selbstbewusstere deutsche Mannschaft unter den Ringen zu kämpfen. Es klappt nicht alles in jeder Gewichtsklasse, aber doch einiges. Zwei fünfte Platze stehen schon zu Buche: Einer durch Dominic Ressel aus Kiel (bis 81 Kilo), der knapp im Halbfinale verloren hatte. Und einer durch Giovanna Scoccimarro aus Vorsfelde (bis 70 Kilo), die Bronze erst nach großem Kampf verpasste. Am Mittwoch überraschte der Rüsselsheimer 90-Kilo-Kämpfer Eduard Trippel, 24, mit dem Silber-Gewinn.

Wagner ist kein Mensch für wachsweiche Bekenntnisse. Sie will immer besser sein als andere

Und am Donnerstag war also der Anna-Maria-Wagner-Tag, den sich die interessierte deutsche Sportpresse eigens vorgemerkt hatte. Denn Wagner, 25, Sportsoldatin aus Ravensburg, kam ja nicht als irgendjemand nach Tokio. Sondern als aktuelle Weltmeisterin und zweimalige Grand-Slam-Gewinnerin dieses Jahres. Wagner war die potenzielle Gold-Gewinnerin, das machte ihre Mission nicht einfacher. Aber sie blieb unbeeindruckt. Ihr Bronze-Gewinn zeigt, dass sie die ersehnte Botschafterin einer neuen Stärke im deutschen Judo-Team sein kann. Karl-Richard Frey, selbst guter Siebter in der Klasse bis 100 Kilo, bilanzierte: "Wir haben sehr viel Potenzial. Das wurde bei diesen Olympischen Spielen einfach mal mehr gezeigt."

Es gehört eine Menge Mut dazu, von sich selbst das Beste zu erwarten. Zurückhaltung ist einfacher, denn man fällt nicht so tief, wenn man verliert. Aber Anna-Maria Wagner ist einfach kein Mensch für wachsweiche Bekenntnisse. Sie will immer besser sein als andere. Sie steht dazu. Auch nach Tokio war sie ausdrücklich nicht gekommen, um einfach nur irgendwie dabei zu sein. "Die Überzeugung war supergroß", sagte sie, als sie es geschafft hatte. Ihr WM-Erfolg im Juni passte zu diesem Anspruch, aber eigentlich hatte sie den Sieg von Budapest schon wieder vergessen.

Judo - Olympics: Day 6

Die WM als Vorbereitungsturnier: Am Samstag kann Anna-Maria Wagner im Mixed-Team-Wettbewerb eine weitere Medaille gewinnen.

(Foto: Chris Graythen/Getty Images)

"Für mich war diese WM ja auch nie eine WM, in meinem Kopf war sie ein kleines Vorbereitungsturnier." Als sie dort gewonnen hatte, machte sie eine Woche Pause und einen Schnitt in ihren Gedanken. Sie hatte jetzt die Bestätigung, dass sie alle schlagen kann, aber war noch nicht am Ziel. Also weiterarbeiten und die Olympia-Chance ergreifen. In Tokio begann alles wieder von vorne: "Ein neues Turnier, neue Karten. Ich hatte gar nicht im Kopf, dass ich Weltmeisterin bin."

Mit Erfolgen muss man umgehen können, gerade im globalen Judo-Sport, in dem man vom einen Erfolg nie auf den nächsten schließen kann. Der Frankfurter Alexander Wieczerzak, Weltmeister von 2017 in der Klasse bis 81 Kilo, dieses Jahr die deutsche Nummer zwei hinter Dominic Ressel, kann davon erzählen. Und auch Wagner weiß, dass sich ihre Geschichte wieder wenden kann. Sie gehört zu denen im Nationalteam, die eine starke nationale Konkurrentin hat. Luise Malzahn aus Halle machte ihre die Olympiaqualifikation nicht leicht. Vielleicht ist der Antrieb durch die starke Rivalin sogar einer der Gründe für Wagners Erfolg.

Wagner wirkt nicht wie eine Weltmeisterin, die sich auf Platz drei verdrängt sieht. Er bedeutet ihr viel

Nach dem Turnier stand Wagner jedenfalls tief gerührt vor den Reportern und sah nicht aus wie eine Weltmeisterin, die sich auf Platz drei verdrängt sieht. "Diese Medaille bedeutet so viel", sagte sie und dachte an die harte Olympia-Qualifikation, die sich letztlich über drei Jahre hinzog, die Verschiebung der Spiele, die Einschränkungen wegen des Coronavirus, die Kampfsportler besonders hart traf.

Judo mit Abstandsregeln ist wie Radfahren ohne Rad, das geht eigentlich nicht. Man braucht einen festen Sparringspartner. Alle im Nationalteam mussten für sich Lösungen finden. Karl-Richard Frey hatte zum Beispiel seinen Bruder Johannes, der an diesem Freitag im Turnier der Schwergewichtler antritt. Und Wagner hatte ihre gute Freundin Maike Ziech, eine begabte Kämpferin, deren Karriere das Verletzungspech bremste.

"Wir haben gesagt, wir kapseln uns vom Rest der Leute ab, aber wir bleiben zusammen, so dass wir zusammen trainieren können", sagt Wagner. Ziech wurde ihr Halt und ihre Prüfung: "Jeder würde lügen, wenn er sagen würde, dieses Jahr war super, ich habe die ganze Zeit trainiert und hatte gute Laune. Es war eine Achterbahnfahrt. Wenn ich nicht so gut drauf war, dann hat sie mich mitgezogen, wenn sie nicht so gut drauf war, habe ich sie mitgezogen." Teamarbeit im Einzelsport: Ohne Ziech wäre Wagner jetzt wahrscheinlich keine Weltmeisterin und Olympia-Dritte.

Die Olympia-Reisenden des DJB präsentierten sich insgesamt als intakte Mannschaft. Sie saßen auf der Tribüne im leeren Nippon Budokan, um jene anzufeuern, die ihren Einsatz hatten. Sie litten und sie jubelten. Als Wagner ihren Bronze-Kampf gewonnen hatte, verschwand sie in einer Traube begeisterter Kaderkolleginnen und Kollegen. Umso wichtiger war Wagner der Hinweis darauf, dass es noch eine Chance gibt, das Kollektiv zu belohnen. Am Samstag ist der Mixed-Team-Wettbewerb im Nippon Budokan. Eine Medaille ist das Ziel, was sonst. Anna-Maria Wagner will ihren Teil dazu beitragen. Und der Arm? Wird halten. Da soll die Konkurrenz sich keine Hoffnung machen.

© SZ/sjo/jkn/and/cat
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