Süddeutsche Zeitung

Olympia:Issinbajewa droht der Sportwelt

Die Stabhochsprung-Olympiasiegerin sagt, die Welt habe sich "mit den Falschen angelegt". In Russland soll jetzt ein mutmaßlicher KGB-Agent die Ära des "sauberen Sports" prägen.

Von Thomas Kistner und Johannes Knuth

Am Donnerstag machten sich dann auch die ersten russischen Athleten auf den Weg nach Rio de Janeiro. 70 Sportler wurden vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo verabschiedet, rund 200 weitere werden ihnen in den kommenden Tagen wohl folgen. Nicht schlecht für ein Land, dem vor Kurzem de facto Staatsdoping nachgewiesen wurde.

Wie viele Sportler man letztlich nach Brasilien entsenden wird, werde man erst in ein paar Tagen wissen, sagte Alexander Schukow, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte sich ja geweigert, Russland trotz systemischer Verstöße kollektiv zu verbannen und die Fachverbände beauftragt, russische Sportler zu durchleuchten. 112 fielen bis Donnerstag durch, ein paar werden noch folgen. Der Weltverband der Gewichtheber publizierte jetzt die Namen von vier Russen, die bei Nachtests der London-Spiele 2012 gedopt waren. Damit sind alle acht männlichen Starter der russischen Heber in London überführt. Aber klar, eine Systematik stecke nicht dahinter, bekräftigte Schukow am Donnerstag: "Wir hatten niemals ein staatlich gestütztes Dopingprogramm. Wir haben Null Toleranz gegenüber Doping", sagte er. Überhaupt werde man in Rio "die sauberste Mannschaft" stellen.

"In Russland hat es nie staatliche Unterstützung für Doping gegeben und wird es nie geben."

Irgendwas muss die Sportgemeinde in den vergangenen Monaten falsch verstanden haben. Doping? In Russland? Ach was. Korruption? Nie! Betrug, abgeschirmt vom Staat? Nicht doch. Gut, die Daily Mail hatte schon 2013 Artikel zum Systembetrug angefertigt und dem IOC vorgelegt (folgenlos). Die Welt-Anti-Doping-Agentur legte 2015 drei Berichte nach, voller Ferkeleien und Intrigen. In Bezug auf beteiligte Funktionäre fiel Ermittlungschef Dick Pound dazu die Beschreibung "Drecksäcke" ein. Im vorerst letzten Bericht schilderte nun der kanadische Jurist Richard McLaren, wie Russland hinter der glitzernden Bilderwand des Sports ein massives Dopingnest versteckt hatte, bei den Winterspielen 2014 und überhaupt, operiert auch von Schukows nationalem Komitee (ROC).

Auch im Wettstreit um die sauberste Abordnung in Rio dürfte es für Russlands Sportler eng werden. Bei anderen Branchenführern wuchert zwar ebenfalls der Verdacht, von Jamaika über Kenia bis in die USA. Nur: Für die Sauberkeit in Russland war bis vor einem Jahr die nationale, nachweislich hochkorrupte Anti-Doping-Agentur zuständig. Als sie suspendiert wurde, übernahmen internationale Tester die Kontrollen, die viele Sportler gar nicht auffanden: Sie hatten sich in Militärzonen verschanzt. Aber gut, das wird die funkelnagelneue russische Anti-Doping-Kommission schon aufarbeiten. Die soll, wenn es nach Staatschef Wladimir Putin geht, "einen Plan für den Kampf gegen Doping überwachen und umsetzen." Der Chef dieses Gremiums, Wladimir Smirnow, 81, langjähriger IOC-Vizepräsident, ließ am Donnerstag bei seiner Antrittsrede wissen: "In Russland gab es nie staatliche Unterstützung für Doping und die wird es nie geben."

Die Aufklärungen dieser als unabhängig etikettierten Gruppe braucht man eher nicht abzuwarten. Smirnow hat den detaillierten McLaren-Report ja nun an seinem ersten Arbeitstag als Märchen entlarvt. Während Russlands Sportler also Richtung Zukunft (und Rio) aufbrechen, bleibt im Olymp alles beim Alten. Smirnow hat einen eindrucksvollen Lebenslauf, er war als linientreuer Funktionär Cheforganisator der Spiele 1980 in Moskau, zudem arbeitete er federführend am sowjetischen bzw. russischen Sportsystem mit. In der Affäre um gekaufte Stimmen vor den Winterspielen 2002 in Salt Lake City erhielt er (von den IOC-Kollegen) eine "ernste Verwarnung". Smirnow soll nach Darlegung russischer Historiker und Aussagen eines Ex- Führungsoffiziers für den KGB gewirkt haben; ähnliches wurde zu Juan Antonio Samaranch publiziert. Der war Moskau-Botschafter Spaniens, als er dort 1980 an die Spitze des Ringe-Clans gehievt wurde. 2001 gab Samaranch das Amt an Jacques Rogge (Belgien) ab - er bestand darauf, es erneut in Moskau zu tun. Zugleich ließ er seine Kameraden noch rasch Peking als Olympiastadt 2008 küren. Chinas Märkte lockten, Themen wie Menschenrechte wurden nicht in den Vertrag eingearbeitet.

Putin poltert, das IOC schweigt und gibt Briefmarken raus

Das alte System ist halt nicht totzukriegen. Samaranch drehte auch bei späteren Städte-Vergaben mit, für Sotschi 2014 etwa: Am Tag vor der Entscheidung im Juli 2007 nach Guatemala eingeflogen, soll er Putins Bewerbern einige Voten bei alten IOC-Kostgängern besorgt haben - so beklagten es später Mitbewerber. Am Ende lagen sich Samaranch und Smirnow in den Armen. Wie 27 Jahre zuvor in Moskau.

Noch ein Beispiel gefällig? Als sich Moskau, damals Kandidatenstadt für 2012, vor elf Jahren in Berlin präsentierte, gab Bürgermeister Juri Luschkow Auskünfte. Befragt nach Smirnow drehte er dem Interviewer den Rücken zu. Immerhin versprach er, eingedenk der schon damals bekannten Dopingmentalität im russischen Sport: "Wir werden ein supermodernes Dopinglabor in Moskau einrichten." Wie supermodern diese sind, weiß man nun dank des Ex-Laborchefs Grigori Rodschenkow: Ausgestattet mit einem Kühlschrank, in dem der russische Geheimdienst Urin aufbewahrt, um positive Proben in negative zu verwandeln, wie 2014 in Sotschi.

Alles Lug und Trug, "eine zielgerichtete Kampagne gegen unsere Sportler", polterte Putin, als er Russlands Sportler jüngst im Kreml verabschiedete. Jelena Issinbajewa, wie alle russischen Leichtathleten kollektiv aus Rio verbannt, gab dort die Haltung für die Rio-Wochen vor: "Sollen all die pseudo-sauberen ausländischen Sportler sehen, dass sie sich mit den Falschen angelegt haben!" Issinbajewa will sich in Rio übrigens um einen Sitz in der Athletenkommission des Ringe-Clans bewerben. Müsste das alles einen IOC-Patron, der unbefangen von Russland sein will und "härteste Sanktionen" versprochen hat, nicht zur Gegenrede animieren? Bislang drang dazu aus dem IOC: nichts.

Man ist vermutlich mit Wichtigerem beschäftigt. Am Mittwoch tat das IOC kund, gemeinsam mit den Vereinten Nationen eine neue Briefmarkenserie aufzulegen. Motto: Die Rolle des Sports für den Frieden.

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SZ vom 29.07.2016/schm
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