Weltrekord im Hürdenlauf:Das beste Rennen der Geschichte seit ... gestern?

Weltrekord im Hürdenlauf: Vor der siebten Hürde beginnt so ein Rennen eh nicht: Sydney McLaughlin (Mitte) zieht am Ende an ihren Konkurrentinnen vorbei, Femke Bol (li.) wird am Ende Dritte.

Vor der siebten Hürde beginnt so ein Rennen eh nicht: Sydney McLaughlin (Mitte) zieht am Ende an ihren Konkurrentinnen vorbei, Femke Bol (li.) wird am Ende Dritte.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Erst das Weltrekord-Spektakel der Männer über 400 Meter Hürden, dann legen die Frauen nach. Sie laufen drei der vier bis heute schnellsten Zeiten. "Alles harte Arbeit", sagt Siegerin Sydney McLaughlin. Was auch sonst?

Von Saskia Aleythe, Tokio

Der Mann, der die Pressekonferenzen der Leichtathletik leitet, hat viel zu tun. Neben ihm sitzen die Medaillengewinner und -gewinnerinnen, er muss sie vorstellen und das kann dauern. Statistiken hat er immer frische beisammen, wenn er loslegt, diesmal zu den 400 Meter Hürden der Frauen: Femke Bol auf dem Bronze-Rang, "mit Europarekord". Silber-Gewinnerin Dalilah Muhammad "als Erste, die Silber und Gold in der Geschichte des Events gewonnen hat, in einer Zeit unter dem alten Weltrekord". Und schließlich Olympiasiegerin Sydney McLaughlin: "Mit der 1000. Olympia-Goldmedaille der Leichtathletik, sie hat ihren eigenen Weltrekord gebrochen - und ist die jüngste Olympiasiegerin in diesem Event mit 21 Jahren und 362 Tagen." Uff.

Geschichte, Geschichte, Weltrekorde: Wer die Bahn im Leichtathletik-Stadion von Tokio verlässt, ohne mindestens einen kurzen Eintrag in den Annalen zu erlaufen, kann in die Riege der Großen nicht aufgenommen werden - diesen Eindruck musste man bekommen in den vergangenen Tagen. Europarekord für 100-Meter-Sieger Marcell Jacobs, Olympia-Rekord für Sprinterin Elaine Thompson-Herah über die gleiche Distanz. Und dann diese Hürdenläufe.

Am Vortag gab es ein Weltrekord-Spektakel der Männer; Silber-Gewinner Rai Benjamin nannte es das größte Rennen der olympischen Geschichte, größer als die Läufe von Usain Bolt also. Und dann sah man am Mittwoch zur Mittagszeit die Frauen und fragte sich: War das das größte Rennen der Geschichte seit ... gestern?

Die US-Amerikanerin McLaughlin überspurtete auf den letzten Metern ihre Teamkollegin Muhammad in 51,46 Sekunden und knackte die von ihr selbst erst im Juni erzielte Bestmarke (51,90) fast um eine halbe Sekunde. Auch Muhammad hätte diese mit ihrem Lauf in Tokio unterboten (51,58), Bronze-Gewinnerin Bol aus den Niederlanden wäre einigermaßen knapp daran gescheitert (52,03). Es war Mittagszeit in Tokio, als das passierte, "schön warm für Sprinter", wie Bol fand. Auch sie ist 21 Jahre alt, schulte vor zwei Jahren erst vom 400-Meter-Lauf auf die Hürden um. Und jetzt: nah dran am Weltrekord. Vor sechs Wochen wäre jener neben ihrer Zeit aus Tokio aufgeleuchtet, bis dann McLaughlin ihre Bestzeit aufstellte ... die seit Mittwoch schon wieder veraltet ist.

Beim Finale waren alle Augen auf McLaughlin und Muhammad gerichtet, die beiden hatten bereits bei der vergangenen Weltmeisterschaft in Doha den Sieg unter sich ausgemacht: Damals noch mit besserem Ausgang für Muhammad, in 52,16 Sekunden, auch das: ein Weltrekord-Rennen. In Tokio nun schoss sie engagiert aus dem Startblock, lag früh an der Spitze. "Ich dachte: Vielleicht kann ich einen Karsten schaffen und vom Start bis zum Ende führen", sagte die 31-Jährige später halb im Scherz. Einen Karsten machen, das ist für manchen nun die Referenz, nachdem Karsten Warholm am Dienstag seinen Weltrekord um 76 Hundertstelsekunden unterboten hatte und im Überschwang sein Trikot zerriss.

McLaughlin aber machte nur einen halben Karsten. "Nach der neunten Hürde dachte ich, dass ich gewinne", sagte Muhammad, doch dann zog die jüngere Kontrahentin an ihr vorbei. Vor der siebten Hürde beginne so ein Rennen eh nicht, sagte McLaughlin, und die finalen 40 Meter studiere sie mit ihrem Trainer intensiv, "das war keine ungewohnte Situation für mich. Ich wusste, ich muss jetzt nach vorne gehen und alles geben, was ich habe." Ihr Jubel war ein erstaunlicher Kontrast zu jenem des Norwegers Warholm: Sie setzte sich auf die Bahn und machte die Sache mit sich aus, kein Schreien, kein Hüpfen, keine Ekstase. "Ich bin ein ruhiger Typ", sagte sie, und überhaupt: Sie müsse das jetzt erst verarbeiten.

Die Bahn in Tokio sei sehr schnell, sagte McLaughlin, man merke den Unterschied zu anderen. "Sie gibt die Energie zurück, die man reinpackt", das verschaffe einem extra Antrieb. An den Schuhen lägen die Rekorde eher nicht. Harte Arbeit stecke dahinter. Was denn sonst?

McLaughlin sammelte schon Jugend-Weltrekorde

McLaughlin gilt schon lange als großes Talent in ihrem Sport, sie sammelte Jugend-Weltrekorde und wurde mit 16 Jahren U-18-Weltmeisterin. Ein Jahr später schaffte sie es bis ins Halbfinale bei den Olympischen Spielen in Rio. Nun hörte sie sich so an, als wolle sie Erklärungen abgeben, warum es damals mit dem Finale nicht klappte. "Da habe ich den Fehler gemacht, mich von der Atmosphäre zu sehr beeindrucken zu lassen", sagte sie noch. Was wohl jede andere 17-Jährige genauso empfunden hätte.

Drei der vier schnellsten Läufe der Geschichte über 400 Meter Hürden hat man nun in diesem Finale in Tokio gesehen. "Ich bin stolz, ein Teil dieser Geschichte zu sein", sagte Muhammad noch. Sie kenne noch die Zeiten, als die 400 Meter Hürden keinen interessiert hätten, "jetzt wollen das alle sehen". In der Flut der Weltrekorde kann man allerdings auch schnell wieder untergehen.

© SZ/kast
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