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Deutsche Sportler und Olympia:Verschiebung - oder Boykott

Hartung bei der Fecht-WM

Will auf die Spiele verzichten, falls sie im Sommer stattfinden: Athletensprecher und Fechter Max Hartung.

(Foto: dpa)
  • Athletensprecher Max Hartung verzichtet auf die Tokio-Spiele, wenn sie diesen Sommer stattfinden - ausgerechnet die deutschen Sportler wenden sich vom deutschen IOC-Chef Thomas Bach ab.
  • Nun plant der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eine Umfrage. Man will eruieren, welches Modell den Athleten mit Blick auf die Sommerspiele am liebsten wäre.
  • Noch nicht klar ist, welche Bedeutung das Ergebnis für die weitere Positionierung des DOSB haben wird.

Der Säbelfechter Max Hartung, 30, ist so etwas wie der Mannschaftskapitän der deutschen Olympiasportler. Seit 2017 ist er ihr oberster Athletenvertreter, und entsprechend bedeutsam war der Schritt, den er am Samstagabend im ZDF-Sportstudio verkündete. Da gab Hartung bekannt, dass er wegen der Corona-Pandemie im Sommer nicht an den Olympischen Spielen in Tokio teilnehmen wird - auch wenn es ihm natürlich das Herz breche.

Das war eine ungewöhnliche Wortmeldung, aber Hartung dürfte nicht der einzige bleiben, der sich so entscheidet. Es steht sogar ein Kollektiv-Boykott der deutschen Mannschaft im Raum, sollten die Spiele nicht verschoben werden. In den nächsten Tagen will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) unter den deutschen Athleten eine Umfrage dazu durchführen, erklärte er am Sonntagnachmittag. Ein Olympia-Boykott durch Athleten - das wäre ein weitreichender Schritt. Und das erst recht, wenn es sich um Athleten aus Deutschland handelt; also jene aus dem Heimatland von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Bach und sein IOC geraten immer stärker unter Druck. Bisher hielt das IOC an der Strategie fest, auf reguläre Spiele in Tokio zu hoffen, vom 24. Juli bis 9. August. Allen globalen Entwicklungen rund um das Coronavirus zum Trotz. Am Sonntag tagte dann erneut das IOC-Exekutivkomitee - und danach war immerhin das erste Mal davon die Rede, dass man über eine Verlegung unter Umständen nachdenken müsse. Innerhalb der nächsten vier Wochen solle eine Entscheidung fallen, teilte das IOC in einem offenen Brief an die Athleten mit, womit jetzt auch erstmals eine Frist definiert ist. Eine Absage sei ausgeschlossen, zugleich müsse man allerdings den "dramatischen Anstieg der Fälle und neuen Ausbrüche von COVID-19" auf verschiedenen Kontinenten berücksichtigen.

Vier weitere Wochen Unsicherheit also, vier Wochen, in denen Athleten von ihren Regierungen aufgefordert werden, zu Hause zu bleiben, und von den Olympia-Machern ermuntert, sich weiter auf die Spiele vorzubereiten. Das Unverständnis über Bachs IOC auf der einen Seite und die Japaner auf der anderen, kommt längst nicht mehr nur von außen, sondern auch von innen.

Die internationale Athletenvereinigung "Globale Athlete" fordert ebenso eine Verschiebung wie die nationalen Sportlervertretungen in Kanada und den USA. Am Wochenende plädierten auch die ersten nationalen olympischen Komitees - Brasilien und Norwegen - für ein neues Spiele-Datum. Vom DOSB hieß es zuletzt, man habe "noch einige Wochen Zeit" bis zu einer Entscheidung. Aber nach einem Wochenende voller Krisendebatten und Präsidiums-Schalten soll es nun zeitnah zu der Umfrage unter den Athleten kommen.

Man wolle, so wandte sich der DOSB-Präsident Alfons Hörmann an die Sportler, ein Stimmungsbild einfangen und die Position zu zentralen Fragen rund um die Spiele einholen. "Insbesondere geht es auch darum zu klären, wer von Euch ggf zum geplanten oder zu einem alternativen Zeitpunkt an den Olympischen Spielen teilnehmen möchte", hieß es in einer Mitteilung.

Punkte zur Umfrage sind noch offen

Es geht also im Kern darum, zu eruieren, welches Modell den Athleten mit Blick auf die Sommerspiele am liebsten wäre. Erstens: komplett absagen. Zweitens: auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Drittens: durchführen im jetzt geplanten Zeitraum, aber ohne Zuschauer. Oder viertens, die IOC-Variante: alle Planungen erst einmal so lassen, wie sie sind.

Antworten sollen die Sportler, die schon qualifiziert sind oder noch eine theoretische Chance haben; das dürften also einige Hundert sein. Allerdings sind noch Punkte zur Umfrage offen. Noch nicht einmal die genauen Fragen stehen bisher fest. Das wird wohl erst nach der nächsten Schalte des DOSB-Präsidiums am Montag der Fall sein. Und schon gar nicht ist klar, was genau der DOSB mit den Ergebnissen der Umfrage macht.

Nach einer Videokonferenz mit 200 Sportlern am Samstagabend hoffte mancher Athlet darauf, dass die Umfrage der entscheidende Faktor wird. Im DOSB-Statement klang das deutlich anders. Da betonte der Dachverband, dass auch ein Austausch mit den Spitzenverbänden stattfinde und er den Dialog mit der Bundesregierung intensiviere. "Nach dem Vorliegen der verschiedenen Positionierungen wird es uns gelingen, eine klare und ganzheitlich ausgewogene Position des DOSB zu formulieren und diese gegenüber dem IOC zu vertreten", sagte Hörmann.

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