Niederlage der deutschen Handballer:"Jetzt kommen sie vor Lachen nicht in den Schlaf"

Niederlage der deutschen Handballer: Ein verzweifelter Blick: Johannes Bitter scheint den Pfiff des Schiedsrichters nicht zu verstehen.

Ein verzweifelter Blick: Johannes Bitter scheint den Pfiff des Schiedsrichters nicht zu verstehen.

(Foto: Sergei Grits/AP)

Die deutschen Handballer verlieren ihr Auftaktmatch gegen Spanien knapp mit 27:28 und fühlen sich danach ungerecht behandelt - von den Schiedsrichtern und den Gegnern.

Von Saskia Aleythe, Tokio

Das Tor hinter Johannes Bitter musste kurz fürchten, dass es dem deutschen Handballer zum Opfer fällt. Natürlich kommt der Torhüter nicht grundlos nach Tokio und zerstört gleich mal die Einrichtung des Olympia-Gastgebers, aber nun wackelte es eben, nachdem er es kräftig gestoßen hatte. Ein Siebenmeter von Spaniens Aleix Gómez war knapp an Bitters Bein vorbeigerauscht, impulsiver Ärger machte sich breit. Der war allerdings schneller verflogen als die Wut 20 Minuten später, nach der Schlusssirene: Da brodelte es in dem 38-Jährigen so richtig.

Derart knapp zu verlieren wie die Handballer am Samstagnachmittag, das tut immer weh. Noch schlimmer pochen die Schmerzen, wenn es beim Olympia-Auftakt passiert - und gegen Europameister Spanien. Das 27:28 (13:12) auf der Anzeigetafel im Yoyogi Nationalstadion wurmte alle deutschen Spieler, aber Bitter hatte noch weitere Gründe. Er meinte, eine Manipulation des Balles mitbekommen zu haben. "Das sind Sachen, die man im Handball nicht sehen möchte", sagte er im ZDF, der Ball sei von einem Spanier mit Absicht nass gemacht worden, "damit wir einen Nachteil haben und einen technischen Fehler machen". Was natürlich ungeheuerlich wäre, belegen lässt sich das derzeit nicht.

Der deutsche Angriff präsentiert sich besonders variabel

Potential für Aufregung gab es eine Menge in dieser Partie: Es ging auf, es ging ab, wie eine Fahrt auf Tokios Stadtautobahn. Mit 10:7 lag das Team von Alfred Gislason nach 20 Minuten in Front, dann wurde es kniffliger und schließlich erhitzten zwei Pfiffe der Schiedsrichter am Ende die Gemüter. Eineinhalb Minuten vor dem Ende, beim Stand von 27:27, wurde erst bei Linksaußen Marcel Schiller ein Stürmerfoul geahndet, wenig später auch bei Rückraumspieler Steffen Weinhold. Beide hatten sich nichts Grobes zuschulden kommen lassen. "Ich muss es nochmal auf Video sehen, aber ich glaube, dass keines ein Stürmerfoul war", sagte Gislason. Drastischer drückte es Philipp Weber mit Bezug auf die Spanier aus: "Jetzt kommen sie vor Lachen nicht in den Schlaf, weil sie gewonnen haben."

Tokio 2020 - Handball

Immer im Getümmel: Steffen Weinhold geht gerne energisch - und erfolgreich - in die gegnerische Abwehr (im Bild). In einer der letzten Szenen des Spiels bekommt er aber ein Stürmerfoul gegen sich gepfiffen.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Das DHB-Team hatte sich eigentlich zurückholen wollen, was es im Januar bei der WM in Ägypten vergessen hatte: den Sieg gegen diese Spanier, die sie schon damals am Rande einer Niederlage hatten. Aber dann war ihnen selber die Partie entglitten, diesmal fühlten sie sich "ein bisschen verarscht", meinte Weber, der vorher noch angekündigt hatte, seine Gefühle erstmal sortieren zu müssen, er ergänzte noch: "Wir hätten vielleicht einfach vorher den Sack zumachen müssen." Der berühmte Sack also, in dem tatsächlich viel Wertvolles steckte, wenn man in der Halbzeitpause mal hineinspähte.

Bitter wehrte die Wurfgeschosse ab und die Abwehr um Hendrik Pekeler nahm immer mehr Fährte auf, was gefährliche Angriffe anging. Besonders variabel präsentierte sich der Angriff: Mal fielen die Tore über Rechtsaußen Timo Kastening, mal flutschte Paul Drux mit erstaunlicher Eleganz durch die dichte Abwehr der Spanier hindurch, das Zusammenspiel mit den Kreisläufern Pekeler und Johannes Golla funktionierte wunderbar. Das war eine ganze Kreativ-Abteilung, die Gislason da gegründet hatte. "Wir haben vieles von dem, was wir uns vorgenommen haben, auch umgesetzt", befand Weinhold.

Und dann passierte etwas, was den Deutschen oft geschieht und vielleicht ein Zeichen von besonders viel Empathie ist: Wenn einer ins Straucheln gerät, schwankt bald die ganze Truppe. Immer mehr technische Fehler schlichen sich ein, schlecht platzierte Würfe aufs Tor von Gonzalo Perez de Vargas; Fehlpässe, sogar von Bitter. "Wir haben zwischendurch vielleicht ein, zwei Kleinigkeiten, die wir noch nicht gut genug gemacht haben", sagte Weinhold, "wo wir es gar nicht dazu kommen lassen dürfen, dass die letzte Situation des Spiels entscheidet." Dass das Team die zweite Halbzeit dann in doppelter Unterzahl begann, war nicht die beste Voraussetzung, um sich vom Halbzeitstand von 13:12 aus wieder eine deutlichere Führung zu erarbeiten.

"Wir hätten es verdient, zu gewinnen", sagt Bundestrainer Gislason

Während es im Angriff immer kniffliger für das deutsche Team wurde - Spanien deckte nun offensiver - zog Gislason auch noch die 3:2:1-Abwehr mit Finn Lemke aus der Taktik-Kiste. Und der 2,10 Meter große Defensivspezialist jubelte nach jedem Block so adrenalingetränkt, dass er sein Team gleich mitriss. "Nach der Umstellung kommen wir immer besser ins Spiel und spielen dann die letzten 20 Minuten insgesamt sehr gut", fand der Bundestrainer, wobei sich die Fehleranfälligkeit im Angriff immer noch durch die Partie zog. Und die schnellen und einfachen Tore fehlen ihnen immer noch - aber daran sind sie diesmal nicht gescheitert.

Schon am Montag müssen die deutschen Handballer gegen Argentinien antreten, am Vormittag um 11 Uhr. Gislason fiel es in der Halle noch schwer, schon darauf vorauszublicken, zu tief saß der Frust über die verpasste Gelegenheit, mit zwei Punkten ins Turnier zu starten. "Es ist schon ein enttäuschender Start", sagte er, "wir hätten es verdient, zu gewinnen."

© SZ/tbr/and
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