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Olympia:Hambüchen lebt das Klan-Prinzip

Artistic Gymnastics - Men's Qualification - Subdivisions

August, Rio de Janeiro: Turner Fabian Hambüchen wird am Reck Olympiasieger.

(Foto: Mike Blake/Reuters)

Die einmalige Karriere des besten deutschen Turners endet mit dem Reckfinale in Rio - seine letzte Übung spiegelt sein Leben als Sportler wider.

Die Spiele sind eine Zäsur in der Karriere, oft stehen sie am Anfang und auch am Ende. Bei seinem ersten Olympia-Auftritt 2004 in Athen startete die Zeit von Turner Fabian Hambüchen als öffentlicher Athlet. Zwölf Jahre später wird sie an diesem Dienstag mit dem Reckfinale in Rio (im SZ-Liveticker ab 20.30 MESZ) enden. Danach wird er vielleicht noch ein bisschen Bundesliga turnen, vielleicht auch nicht. Das Reck war neben Betreuern und Teamkollegen immer sein Begleiter, es erzählt viele Geschichten. Vor seinem letzten Auftritt sollte man ihn also die Übung schon mal turnen lassen.

Aufschwung

Bei diesem letzten Mal wird wieder Hambüchens Vater Wolfgang hinter ihm stehen, ihn an der Hüfte packen und hinaufheben. "Es ist beruhigend, dass mein Vater mich betreuen wird", sagt Hambüchen. Das war nicht selbstverständlich, aber diesmal hat Wolfgang Hambüchen eine Sondererlaubnis als Personal Coach bekommen. Es geht dabei weniger ums letzte Coachen oder Reden, es geht mehr um die Anwesenheit eines Vertrauten. Der Vater steht für etwas, das in anderen Ländern selbstverständlich ist, im deutschen Sport aber eine Besonderheit - das Klan-Prinzip. Das hat manchmal zu Konflikten mit dem Verband geführt, Hambüchen aber unabhängig und stark gemacht. Der Klan bestand aus der Mutter als Terminplanerin, dem Onkel als Mentaltrainer, dem Vater als Ex-Turner und Trainer, einem Freund, Mauno Nissinen, als Video-Coach und dem Bruder als Bruder. Sie alle haben ihn gewissermaßen hinaufgehoben.

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Cassina

Hambüchen sagt, am Dienstag gebe es nicht viel zu taktieren. Er startet als Erster von acht Finalisten, das hat den Vorteil, dass er noch relativ warm aus der Einturnhalle kommt. Im Gerätefinale selbst gibt es kein kurzes Warmturnen mehr. Er kann die anderen unter Druck setzen, er weiß aber auch nicht, was die zeigen. Er sagt: "Hauptsache durchkommen." Voraussetzung dafür ist der Cassina, benannt nach seinem italienischen Erfinder, es ist sein schweres Flugelement, zu dem er nach zwei Riesenfelgen abheben wird: zwei Salti gestreckt mit ganzer Drehung. Turner sehen da aus wie in die Luft geschnipste und wieder gefangene Bleistifte. "Es geht darum, das Feeling aufzunehmen, die Stange einzuschätzen", sagt Hambüchen, und nicht mehr: "Es ist der größte Fehler, wenn man versucht, etwas ganz besonders toll zu machen." Dem Cassina folgt gleich der Kolman - dasselbe, nur gehockt - und man kann an dieser Kombination schon erkennen, wie sich die Reckszene in neun Jahren verändert hat. 2007 wurde Hambüchen mit einer deutlich leichteren Auftakt-Flugshow Weltmeister, den Cassina turnte kaum einer, heute zählt er bei den Besten zum Standard.

Adler

Als Zuschauer könnte man nach dieser frühen Phase der Überschläge glauben, der Rest sei einfach, tatsächlich ist der Rest, wie auch im Leben immer, tückisch. Wenn man mit 19 Weltmeister wird, glaubt man, die Karriere liege einem zu Füßen. Im Jahr danach galt Hambüchen als der große Kandidat auf Olympia-Gold. Er hatte an seiner Weltmeister-Übung weiter gefeilt, hatte einen Rekord-Schwierigkeitswert geschaffen, und er stand - das Turnen ist da etwas ungerecht - in Peking schon kurz vor dem Höhepunkt seiner Belastbarkeit. "Was ich da geturnt habe, das war der Wahnsinn", sagte Hambüchen nun in Rio. Doch er war zwar körperlich auf dem Höhepunkt, aber noch nicht mental. Zum Verhängnis wurde ihm 2008 der Adler mit ganzer Drehung, den er weiter im Programm hat. Man schwingt in gebückter Haltung unter der Stange durch nach oben in den Handstand, streckt die Beine, vollführt eine ganze Drehung und muss dann wie im Senkel auf der Stange stehen. Man kann das Gleichgewicht verlieren, oder die zweite Hand kriegt die Stange nicht zu fassen. Dann wirken Kräfte, denen der stärkste Mensch nicht standhält. Er sackt nach unten, wie Hambüchen in Peking.

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Griffe und Kombinationen

Er hatte sich 2008 gerade noch gefangen, einen Sturz vermieden und Bronze geholt. Danach visierte er die nächste Olympiachance an und erkannte, dass mit Gold in diesem Sport nicht zu rechnen ist. Vom Athleten, der alles wollte, zum Athleten, der seine Grenzen und seinen Stil fand, entwickelte er sich in der kommenden olympischen Periode. Nach einem Bänderriss und später einem Achillessehnenriss reduzierte Hambüchen sein Programm. Er verzichtete auf den Mehrkampf und konzentrierte sich auf die Geräte Ringe, Barren und Reck. Und er turnte immer mehr das, "was mir wirklich entspricht", wie er in Rio sagte. Zum Beispiel keine spektakulären Flugteile am Reck, sondern eine Übung, die im zweiten Teil durch Griffwechsel, Drehungen und deren direkte Kombination, also ohne Riesenfelgenschwung dazwischen, hochwertig wird. Die Kunst besteht dann nicht in der Akrobatik, sondern in der eleganten, präzisen Ausführung. In London gewann er Silber.

Tsukahara

Kommt er gut durch diesen technischen Teil, dann dreht er da oben nur noch zwei Riesenfelgen. Bei der zweiten geht es darum, die Reckstange durch eine Art Flossenschlag mit den Beinen im Abschwung herunterzuziehen. Sie wird zu einer Art Bogensehne, die ihn mit einem leichten Schnarren in die Luft katapultiert. Die Technik beherrscht Hambüchen seit den Zeiten, als er als 15-Jähriger dem deutschen Team die Teilnahme für Athen sicherte. 2004 trat er im Olympia-Finale wegen verlorener Kontaktlinsen mit Brille auf, seitdem haftete an ihm der Spitzname "Turn-Professor". Aus dem Professor wurde dann ein durchaus streitbarer Turner, der sich mit dem Verband anlegte, wenn der ihn zu sehr in den Trainingsalltag des Nationalteams eingliedern wollte. Am Ende war man sich einig, dass die Renaissance des Turnens hierzulande nicht nur mit Hambüchen zusammenhing, sondern auch mit dessen Training zu Hause, mit dem Klan-Prinzip.

Landung

Hambüchen wird Sportwissenschaften zu Ende studieren und vielleicht sogar Trainer werden. Vorher muss er aber noch seine letzte große Übung zu Ende turnen, die ihm vielleicht eine dritte Olympiamedaille bringt: Die Stange wird ihn hinauswerfen, und dann wird er auf seiner Flugbahn einen letzten Tsukahara vorführen, einen Doppelsalto gestreckt mit doppelter Schraube. Wenn möglich, exakt in den Stand.

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