Die asiatische Tigermücke existiert weiterhin, allerdings nicht in Saint-Quentin-en-Yvelines. Der kleine Ort, fünf Kilometer Luftlinie vom Schloss Versailles entfernt, zählt der aktuellen Klimaforschung nach (noch) nicht zur subtropischen Zone, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass sich dort keine kleinen, gemeingefährlichen Tiere ausbreiten können, die Golfspieler ausdrücklich nicht mögen. Acht Jahre ist es her, dass eine Mücke und das Zika-Virus, das sie transportiert, in Brasilien auch unter den besten Golfern der Welt Angst und Schrecken ausgelöst hatten.
Als der Golfsport 2016 in Rio de Janeiro sein Olympia-Comeback nach 112 Jahren Abstinenz gab (nur 1900 in Paris und 1904 in St. Louis war Golf olympisch), reiste die Weltelite nicht etwa begeistert an die Copacabana, sondern blieb der Veranstaltung skeptisch fern. Der damals offizielle, medizinische Grund – die Mücke und das Virus – ist inzwischen als banale Ausrede verbrieft. Spieler wie der Nordire Rory McIlroy und der damalige Weltranglistenerste aus Australien, Jason Day, haben das schon zugegeben; sie bereiten sich nun voller Vorfreude im berühmten Klub namens Le Golf National auf das olympische Golfturnier der Männer vor, das am Donnerstag beginnt. Es ist etwas in Bewegung geraten.
Scottie Scheffler tourt mit seiner Familie durch die Tischtennis- und Turnhallen der Stadt
Die Teilnahme in diesem Jahr ist virologisch unbedenklich: Auf das Zika- folgte 2021 in Tokio bekanntlich das Coronavirus, was erneut viele Golfer von der Teilnahme abhielt. Diesmal sind gleich acht der besten zehn Profis der Weltrangliste am Start, bilden einen angemessenen sportlichen Rahmen und erzählen in Bildern von einer neu entdeckten Verbindung, gar Liebe zu den Spielen: Shane Lowry etwa trug stolz die Fahne Irlands auf der Seine, der Weltranglistenerste Scottie Scheffler tourte mit seiner Familie durch die Tischtennis- und Turnhallen der Stadt, der Nordire McIlroy ging in den selten getragenen grünen Nationalfarben auf die Suche nach dem Wert einer Medaille.
Wo würde eine olympische Medaille in der Hierarchie seiner beruflichen Erfolge stehen, ist McIlroy zuletzt immer wieder gefragt worden. „Es wäre wahrscheinlich einer der größten, wenn nicht sogar der größte Sieg meiner Karriere in den vergangenen zehn Jahren“, antwortete McIlroy, wohl wissend, dass ihm ein Major-Titel in der zurückliegenden Dekade verwehrt geblieben war. Olympia rangiert nun aber auf der fast gleichen Ebene wie die vier jährlich ausgespielten Major-Turniere.
In einem Sport, der sich mit so vielen historischen Referenzen schmückt, haben es selbst weltberühmte olympische Medaillen lange schwer gehabt: Die ewig lange golflose Olympiaphase hat dazu geführt, dass fast alle Vorbilder der aktuellen Golfer-Generation Major-Titel und Ryder Cups gewannen, aber eben keine Medaillen. Und da Sport immer auch die Jagd nach den Errungenschaften der eigenen Vorbilder ist, war Olympia für die meisten Golfer ausdrücklich bedeutungslos – mit wenigen Ausnahmen seit jüngerer Zeit.
Denkt der Däne Nicolai Hojgaard an Olympia, sagt er: „Ich bekomme eine Gänsehaut.“
Der Goldmedaillengewinner von Tokio etwa, der US-Amerikaner Xander Schauffele, kommt aus einer schwäbischen Leichtathletenfamilie, sein Vater und langjähriger Trainer Stefan wollte einst unbedingt selbst eine Olympiamedaille gewinnen: „Die gesamte Beziehung von meinem Vater und mir zum Golf baut auf seinen Vorstellungen vom Streben nach einer Olympiamedaille auf“, sagte Schauffele. Und die Bedeutung seiner Goldmedaille könne noch wachsen: „Vielleicht wird es in 30, 40 Jahren etwas ganz Besonderes sein.“

Für manche ist es das heute schon. Der Däne Nicolai Hojgaard, 23, ist Teil der ersten Generation, die mit der Aussicht auf den olympischen Traum aufwuchs: „Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, denn es ist ein ganz besonderes Gefühl, das Nationaltrikot anzuziehen.“ Eine Olympiamedaille ist für Spieler wie Hojgaard ein klares Ziel gewesen. Es wird Charaktere wie ihn brauchen – für Deutschland treten Matthias Schmid und Stephan Jäger in Paris an –, um dem olympischen Golf zu der Historie zu verhelfen, die es zur Anerkennung innerhalb der eigenen Branche braucht. Und es wird womöglich modernere Spielformen benötigen.
Ganz klassisch, in 72 Löchern Einzel über vier Tage, werden die sechs Medaillen ausgespielt, erst bei den Männern, in der kommenden Woche bei den Frauen. Ein hoch ehrwürdiger Modus ist das, allerdings auch einer, der für die breite Weltöffentlichkeit schwer zugänglich und kaum fernsehfähig ist. Die International Golf Federation (IGF) plädiert für einen verkürzten Mixed-Bewerb ab 2028 als zusätzliches Event.
Man muss allerdings aufpassen mit solchen Ideen, dass man nicht gleich wieder die scheuen Golfer verschreckt, die einst vor einer Mücke flüchteten und nun umgehend ihre Sorgen ausdrückten. Schauffele warnte bei aller Begeisterung umgehend vor Überlastung: „Es wäre schwierig, zwei Turniere hintereinander zu veranstalten, und das könnte dazu führen, dass man einige Leute verliert.“


