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Olympia:Gold durch Hecht

Shaunae Miller springt ins Ziel.

(Foto: AP)

Shaunae Miller verliert im Finale des 400-Meter-Laufes auf der Zielgerade immer mehr Meter an ihre Konkurrentin Allyson Felix. Dann springt sie plötzlich ins Ziel.

Es gibt Sportarten, in denen das durchaus üblich ist, was Shaunae Miller da im Olympiastadion von Rio de Janeiro präsentierte. Von Handballern kennt man das, wenn sie in den Kreis springen, von Volleyballern beim Abwehrversuch, auch von Turnern, wenn sie mit nach vorne gestreckten Armen quer in der Luft liegen. Doch von einer Sprinterin auf der Tartanbahn, in einem Finale über 400 Meter? Shaunae Miller warf sich per Hechtsprung über die Ziellinie. Es war ihr Hechtsprung ins Glück.

Mit letzter Kraft um den Sieg kämpfen, es gab selten ein Bild, das besser zu diesem Zustand passte. Miller hatte das Rennen angeführt, als es auf die letzten 100 Meter ging, doch von hinten kam Allyson Felix angerauscht. Und die Amerikanerin ist ja die erfolgreichste Leichtathletin bei Olympischen Spielen, die schon etliche Konkurrentinnen im Endspurt bezwungen hatte. Felix holte auf, Miller wurde langsamer, der Abstand immer kleiner. Auf dem letzten Meter hob die Frau von den Bahamas plötzlich ab und warf sich ins Ziel. Und da blieb sie erstmal liegen.

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Es war so knapp am Ende, dass erst die Stadionanzeige Aufklärung brachte: Shaunae Miller war tatsächlich zum Olympiasieg gehechtet, sie gewann in 49,44 Sekunden mit der Winzigkeit von sieben Hundertstelsekunden Vorsprung, Bronze holte sich die Jamaikanerin Shericka Jackson in 49,85 Sekunden. "Das habe ich noch nie gemacht", sagte Miller später, "ich weiß auch gar nicht mehr, wie es passiert ist. Ich dachte nur: Ich will diese Goldmedaille."

Minutenlang blieb die 22-Jährige am Boden liegen, schlug sich immer wieder die Hände ungläubig vors Gesicht und ihr Sprung lief in Dauerschleife über die Videowand. Er wurde dadurch fast noch besser.

Allyson Felix hat vier Goldmedaillen bei Olympia gewonnen, eine 2012 in London über 200 Meter, zwei Mal mit der Staffel über 400 Meter, einmal mit der 100-Meter-Staffel. Sie hätte nun Geschichte schreiben können in diesem Rennen, fünf Goldmedaillen bei Olympia hat noch keine Leichtathletin vor ihr geholt. "Heute wäre Gold drin gewesen", sagte die 30-Jährige später, sie war sichtlich enttäuscht. "Gerade tut es ziemlich weh", sagte sie. Doch sofort war Felix zum Gratulieren zu Miller gegangen, als das Ergebnis aufflackerte. Die Frau mit den blauen Haarspitzen lag da noch immer am Boden, hievte sich kurz von der Bahn und ließ sich dann wieder nieder. Das war nicht nur körperliche Erschöpfung.

Kurz vor diesem denkwürdigen 400-Meter-Finale hatte es schon ein anderes kurioses Finish gegeben, allerdings nicht im Kampf um Medaillen. Hürdensprinter Joao de Oliveira kam an der letzten Hürde ins Straucheln, auf der regennassen Bahn rutschte der Brasilianer dann auf dem Bauch ins Ziel. Mit einer Zeit, die ihm noch fürs Halbfinale reichte.

Mit der 4x400-Meter-Staffel kann Felix in Rio noch um ihre historische fünfte Medaille kämpfen. Für sie muss sich dieses Olympia-Finale am Montagabend ein bisschen angefühlt haben wie ihr Ausscheidungsrennen bei den US-Trials Anfang Juli: Damals hätte sie über 200 Meter, ihre Paradedisziplin, unter den besten drei Läuferinnen liegen müssen, um sich für diese Strecke für Olympia zu qualifizieren. Felix war durch eine Knöchelverletzung angeschlagen ins Rennen gegangen, doch sie präsentierte sich stark. Dann schnappte ihr Jenna Prandini doch noch Rang drei weg - durch einen Sprung ins Ziel.

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