Süddeutsche Zeitung

Glosse zu Olympia:"Hitze, Virus. Egal"

Die Sommerspiele sind verschoben, aber ist das nicht auch eine Chance? In japanischen Laboren wird längst an der Rettung Olympias geforscht. Ein Drama in fünf Akten.

Glosse von Thomas Hahn

III. Akt: Nachbesserung

I. Akt: Vision

III. Akt: Nachbesserung

Roboterwerkstatt, Nacht.

Hiroshi Futuzawa, frei erfundener Professor an irgendeinem Fortschrittsinstitut irgendwo in Japan, frisiert liebevoll das Toupet seiner neuesten Kreation, des OS2020.

Futuzawa: Ja, du bist ja ein Süßer. Ein ganz ein Süßer bist du ...

OS2020: Entschuldigung .

.. Futuzawa: Papa macht nur noch schnell die Haare schön ...

OS2020: Wenn ich bitten darf ... Rettung der Olympischen Spiele 2020 ...

Futuzawa: Eben. Und da wollen wir doch einen guten Eindruck bei den Leuten von der Regierung machen, gell.

OS2020: Entschuldigung. Danke vielmals.

Futuzawa: Gut, an deiner Ausdrucksweise muss man vielleicht noch ein bisschen schrauben. Andererseits musst du beim Ideenwettbewerb für die Straffung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 ja auch nur das Wesentliche sagen können. Und das kann unser süßer kleiner Metall-Athlet ja längst, gell. OS2020, sag mal: Wie heißt das Ziel?

OS2020: Rettung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio durch künstliche Athletik. Ich bin OS2020 ... coronavirusresistenter Aluminiumkörper ... annehmliche Erscheinung durch silikonverkleidete Gesichtspartie ... Hyperspezialsensorik ... frschtschrr ... Entschuldigung ... frrrtschrr ... Morgen kommt der Weihnachtsmann ...

Futuzawa (versetzt dem OS2020 einen Klaps auf den Hinterkopf): Hey!

OS2020: Haben Sie gut geschlafen?

Futuzawa: Manchmal spinnst du schon noch ein bisschen. Na ja. Kinderkrankheiten. Wenn du erst mal in Serie gehst, spielt sich alles ein. Und nach den Spielen wird die Welt ohnehin begeistert sein von den Höchstleistungen der japanischen Athleten-Robotik, haha.

OS2020: Pandemie als Chance.

Futuzawa: So ist es. Wäre doch gelacht, wenn bei dem ganzen Krimskrams, der hierzulande ständig erfunden wird, nicht endlich auch eine Maschine dieses Olympia-Getue übernehmen könnte. Wir lassen Androide in Buddhatempeln beten, wir bestäuben Obstbäume mit Seifenblasen. Da werden wir es ja wohl noch fertigbringen, ein olympisches Athleten-Programm mit unansteckbaren Robotern statt mit menschlichen Virenschleudern zu besetzen. Wir sind doch nicht mehr im Jahr 2010.

OS2020: 100 Meter in 7,38 Sekunden ... Katschow-Grätsche ... Sieg durch Ippon ...

Futuzawa: Die größte Revolution in der Geschichte des olympischen Sports steht bevor (diabolisches Lachen).

OS2020: Entschuldigung ...

Haben Sie Syphilis? Besprechungsraum in der japanischen Regierungszentrale. Premierminister Shinzo Abe, Tokios Gouverneurin Yuriko Koike und Yoshiro Mori, Präsident des Organisationskomitees, beraten nach dem Ideenwettbewerb zur Straffung der Sommerspiele 2020.

Abe: Ich fand ja diese Astronomen aus Aomori ganz überzeugend mit ihrer Raumschiff-Idee. Ich meine, klar: Wenn man die Spiele ins All schießt, dann haben wir hier keine Probleme.

Mori: Ja, aber dann brauchst du wieder Astronauten für den Betrieb, Raumanzüge für alle, Weltraumkost für alle. Die verträgt dann wieder jemand nicht, und die Presse hat einen Skandal. Außerdem kapieren die Westler so was nicht.

Es klopft sehr schüchtern an die Tür.

Abe: Ein Jammer. Na ja. Aber immer noch besser, als diese Bürgerinitiativen-Spinner, die für weniger Sportstätten waren und für weniger VIPs. Ich wusste gar nicht, was die meinen. Kompaktere Spiele. Was soll das denn sein?

Es klopft wieder sehr schüchtern.

Koike: Was wir brauchen, ist gutes Marketing. Die Leute müssen wissen, was geht. Ich habe da mal was vorbereitet ...

Mori: Schon wieder ...

Koike: Die vier D's (sie hält abwechselnd vier Pappplakate hoch): Don't move. Don't groove. Don't cheer. Don't be here. Das versteht jeder!

Es klopft wieder sehr schüchtern.

Abe: Wer hämmert denn die ganze Zeit da rum?! Herein!

Ein überarbeiteter Mitarbeiter des Tokioter Organisationskomitees betritt kraftlos den Raum.

Mitarbeiter: Entschuldigen Sie vielmals untertänigst die Störung. Es gibt Neues von den Verlegungsverhandlungen.

Abe: Ach so?

Mitarbeiter: Danke vielmals für Ihr hochwürdiges Interesse. Sämtliche Sportstätten sind mittlerweile nach unermüdlicher Rund-um-die-Uhr-Arbeit für 2021 sichergestellt.

Abe: Okay. Sonst noch was?

Mitarbeiter: Nichts im Grunde. Es ist nur so: Wenn es Ihre ergebenste Güte möglicherweise erlauben könnte, dann wäre es für einzelne Mitarbeiter schön, nach monatelanger ...

Abe: Na klar dürfen Sie gleich weitermachen als stolzes Rad im Getriebe der Nation. Aber gesund bleiben nicht vergessen.

Mitarbeiter: Aufrichtigste Verzeihung (Verbeugungen, Taumeln, ab).

Abe: Warum ist das noch mal so wichtig für die Olympischen Spiele, Ausländer ins Land zu lassen?

Mori: Weil die Welt fast nur aus Ausländern besteht.

Abe: Verflixt. Na gut. Aber eines sag ich euch: Jeder ausländische Sportler, der hier aus dem Flieger steigt, kriegt sofort zwei Stoffmasken von mir geschenkt. Abenomasks natürlich.

Mori: Schon wieder ...

Koike: Wir müssen unsere Maskenstärke auf jeden Fall betonen. Die Maske muss das Sushi der Pandemie werden.

Mori: Was?

Koike: Ich habe da schon was vorbereitet. Die Drei M's (sie hebt abwechselnd drei Plakate hoch): Maske aufsetzen. Maske anlassen. Maske gar nicht mehr abnehmen.

Abe: 462 der 470 Referate beim Ideenwettbewerb kamen von der Maskenindustrie. Schon spannend.

Koike: Was es mittlerweile alles gibt: Schwimmmasken, Hinterkopfmasken, windschnittige Karbonmasken für Triathleten, Glasmasken für die Siegerehrung, Schnauzenmasken für Dressurpferde. Wir sollten eine Friedensmaske steigen lassen. Wir sollten eine Olympische Maske entzünden. Wir sollten unter den fünf olympischen Masken ...

Abe: Also ich fand ja diesen Dings gut ... diesen niedlichen Roboter ... wie hieß der gleich?

Mori: OS2020 von Futuzawa.

Koike: Oh ja, das war ein ganz ein Süßer.

Mori: Ich weiß nicht ...

Abe: Wieso? Wenn wir den Sport bei den Spielen von Robotern machen lassen, ist das Virenproblem fast weg. Straffer geht's kaum. Da könnten wir uns sogar noch ein paar zusätzliche VIPs leisten.

Mori: Roboter sind doch ein alter Hut.

Abe: Für dich als Japaner des Jahrgangs 1937 vielleicht. Für die Westler wird das wie die Entdeckung der Zukunft.

Koike: Sehe ich auch so.

Abe: Ruft jemand den Futuzawa an? Er soll nur die Sprache des Roboters noch ein bisschen zurechtschrauben, damit der nicht zu viel Unsinn redet.

Roboterwerkstatt, Nacht.

Futuzawa schraubt am OS2020 herum, während dieser ein Manga-Comic liest.

Futuzawa: Weißt du, was mich immer am meisten gestört hat? Dass man die Roboter dieser Generation degradiert hat für Aufgaben, die die Menschen selbst machen könnten. Schau dir die Roboter an, die jetzt in den japanischen Baseballstadien Stimmung machen: Die tanzen wie hüftsteife Familienväter nach dem achten Bier. Das würde ein ausgewachsener, handelsüblicher Roboter doch nie freiwillig machen. Wie war das? Roboter sollten bei Olympia den Imbissverkauf übernehmen? Ich lach mich tot. Ein Roboter kann aus den 300 Yen für die Bratwurst ansatzlos die 347. Wurzel ziehen. Solche Talente haben in der olympischen Arena andere Jobs verdient. Das sind Stars. Medaillengewinner. Der Roboter muss endlich weg vom Klischee des dienstbaren, tapsigen Hightech-Gefährten. Die pandemischen Spiele sollen ein Zeichen setzen für den Sieg des Roboters über den Menschen, der wiederum das Coronavirus besiegt hat. Und du, OS2020 Futuzawa, sollst das Urvieh des mechanischen, immer einsetzbaren Alleskönners sein. Hitze, Virus. Egal. Der OS2020 läuft und springt und schwimmt im harmonischen Gegeneinander mit den anderen perfekt programmierten OS2020ern. Mich wundert nur, dass dieses IOC mit diesem Herrn Back oder Bakku, oder wie der heißt, so schnell einverstanden war. Die wissen noch gar nicht, dass der Spaß 77,23 Milliarden Dollar kostet und dass die Durchführbarkeit eher ... äh ... nun ja, also, sachlich gesehen vielleicht ein bisschen schwierig werden könnte ... Aber Schluss mit der Schwarzmalerei. Unser Supersportler hier wird nachher mit dem Charter zum Kennenlernen nach Lausanne geflogen. Da wollen wir doch ein Hübscher sein, gell.

IV. Akt: Verkündung

Lausanne, IOC-Zentrale.

IOC-Präsident Thomas Bach begrüßt in der IOC-Online-Vorstandssitzung IOC-Funktionäre aus der ganzen Welt. Er selbst sitzt an einem großen Tisch. Neben ihm der OS2020, der unbewegt geradeaus schaut.

Bach: Banzai, liebe Freunde. Ich freue mich, dass ihr es einrichten konntet. Und euer Präsident enttäuscht euch nicht, denn neben ihm sitzt seine mit größter Umsicht ausgewählte Lösung für Olympia 2020. Aber das kann Herr OS2020 selbst sagen. Bitte, Herr OS2020.

OS2020: Liebes Festkomitee. Ich grüße und sage: Rettung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio, Japan, durch künstliche Athletik. Ich bin OS2020 ... coronavirusresistenter Aluminiumkörper ... annehmliche Erscheinung durch silikonverkleidete Gesichtspartie ... Hyperspezialsensorik ... in allen Sportarten einsetzbar.

Aus den verschiedenen Bildschirmen dringt bewunderndes Raunen, sogar Applaus.

Nawal El Moutawakel: Sollte unser pandemischer Spiele-Versuch nicht ein "Fest der Menschlichkeit" werden?

Sergey Bubka: Jetzt lass ihn doch mal.

Bach: Herr OS2020 stammt aus der Fertigung des Bionik-Professors Hiroshi Futuzawa. Der wiederum ist ein Mensch, also ist der Begriff "Fest der Menschlichkeit" durchaus gedeckt.

Bubka: Außerdem sind wir ja auch noch da. Denn uns wird ja wohl keiner mit einem Roboter ersetzen, oder? (Bricht in schallendes Gelächter aus)

Bach (lacht laut mit): Natürlich nicht. Selten so gelacht. Köstlich. Als könnte ein Roboter je IOC-Präsident sein.

OS2020: Entschuldigung ...

Bach (wischt sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln): Nichts für ungut, aber Athleten gibt's viele. Haha.

Bubka: Toll, dann wären die Spiele klar. Der Roboter muss ja nicht aus Coronavirus-Ländern einreisen, um als äthiopischer Dauerläufer anzutreten.

Bach: Deshalb machen wir das ja. Und noch ein Vorteil: Mit OS2020 werden das die saubersten Spiele aller Zeiten.

Bubka: Klar, der nimmt ja nix außer vielleicht Schmieröl (wieder schallendes Gelächter).

OS2020: Doping ...

Bach: Hihi. Unser Aluminium-Freund fasst schon die heißen Themen an ...

OS2020: Doping macht Athleten stark.

Bach: Was?

OS2020: Der verseuchte Sport kann den Systemzwang nicht ablegen.

Bach: Moment mal ...

OS2020: Die Täter sind immer voraus.

Bach: Das ist doch ...

OS2020: Thomas Bach. Fechtolympiasieger ...

Bach (errötet): Das stimmt.

OS2020: ... bei den Dopingspielen 1976.

Bach: Was soll denn das?!

OS2020: Doping ist der verborgene Motor der Heldenmaschinen ... Korruption ... Naturzerstörung durch rücksichtslose Spielevergabe ...

Bach: Mach doch mal jemand dieses Ding aus!

OS2020: Geldverbrennung ... Winterspiele ohne Schnee in China ...

Bach: Hilfe!!!

Sicherheitsbeamte kommen herbeigestürmt, reißen den Roboter und Bach zu Boden.

OS2020: Olympisches Geschäftemachen ... schrff ... Doping ... frrrsch ... es freut mich, dass Sie auch einen grünen Hut aufhaben ...

Bach: Autsch! Nicht mich ausschalten! Ich bin der Präsident des IOC!

OS2020: Korruption! Millionengeschacher ... schfffrscht ... Doping Doping Doping Doping ...

Sicherheitsbeamter: Verdammt. Ich glaub, ich hab was Falsches gedrückt ...

OS2020: Doping Doping Doping Doping Doping Doping hicks Doping hicks ...

Bach: Erschießen Sie ihn endlich!

V. Akt: Einsicht

V. Akt: Einsicht

Nach der Vorstandssitzung, ein etwas zerzauster Thomas Bach beim Interview.

Bach: Wir ... äh ... bewegen uns in Siebenmeilenstiefeln vorwärts ... äh ... Unsere japanischen Freunde haben uns soeben mitgeteilt, dass ... äh ... die Sportstätten für 2021 gesichert sind ... und wir arbeiten weiter konzentriert an Lösungen ... natürlich ... äh ... ohne Tabus. Gut, vielleicht nicht ganz ohne Tabus.

Reporter: Was meinen Sie damit?

Bach: Nix. Ein, zwei Tabus gibt's ja immer, stimmt's? Die Pandemischen ... äh ... die Olympischen Spiele werden ein Fest der Menschlichkeit, verstehen Sie. Der Menschlichkeit! Menschlichkeit!!! Ich lasse mich nicht vor den Karren der Roboterindustrie spannen!

Reporter: Der was?

Bach: Tun Sie doch nicht so!

Thomas Hahn war von 1999 an mehr als 15 Jahre lang Sportredakteur und berichtete für die SZ von sieben Olympischen Spielen. Seit 2019 ist er Korrespondent für Japan und Südkorea und lebt in Tokio.

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Quelle:
SZ vom 10.08.2020/tbr
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