Olympia-Gastgeber:Zehn Milliarden Euro plus versteckte Kosten

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Den Sportfunktionären sollte besonders zu denken geben, dass Brasilien in dieser Zeit auch die Geburtsstunde einer kritischen Öffentlichkeit gegenüber solchen Mega-Events erlebt hat. Im Jahr vor der WM 2014 (der teuersten jemals) demonstrierten Millionen mit Sprüchen wie: "Wir wollen Schulen und Krankenhäuser nach Fifa-Standard". Verglichen mit heute war Brasilien damals noch ein Boomland. Man muss sich deshalb fast wundern, dass es noch recht ruhig ist auf den Straßen von Rio und São Paulo. Der Bundesstaat Rio de Janeiro hat vor wenigen Wochen unter weltweitem Aufsehen den finanziellen Notstand erklärt, einer aktuellen Studie zufolge sind jedoch fast alle brasilianischen Kommunen heillos überschuldet.

Für die Spiele von Rio sind nach offiziellen Angaben knapp zehn Milliarden Euro eingepreist. Nicht mitgerechnet sind da allerdings die versteckten Kosten, etwa die unausweichliche Steuerbefreiung für das IOC und das lokale Organisationskomitee sowie von ihnen beschäftigte Unternehmen. Nach Angaben der Heinrich-Böll-Stiftung in Rio de Janeiro entgeht dem brasilianischen Fiskus damit knapp eine Milliarde Euro. Auch die Armee aus 38 000 Soldaten, die von der Bundesregierung in Brasília nach Rio beordert wurde, um die Stadt in den kommenden drei Wochen in eine Hochsicherheitszone zu verwandeln, patrouilliert nicht umsonst. Rios Bürgermeister Paes hat für die Zeit der Spiele außerdem vier Zusatz-Feiertage erlassen, um das drohende Verkehrschaos zu entschärfen. Die Schüler und Arbeiter jubeln, der Volkswirtschaft entgehen so weitere Milliönchen.

Es liegt längst nicht nur an Brasilien, dass die olympische Fackel am Freitag bei allgemeiner Krisenstimmung entzündet wird. Es liegt vor allem auch an diesen Spielen, die schlichtweg so groß und maßlos geworden sind, dass sie jeden Austragungsort der Welt vor unüberbrückbare Widersprüche stellen würden. Vielleicht sind sie im ohnehin sehr widersprüchlichen Rio de Janeiro bloß besonders offensichtlich. In einer Stadt, in der knapp 1,5 Millionen Menschen in Favelas leben, hat es schon etwas Obszönes, dass mal eben 3600 Apartments aus dem öffentlichen Grund und Boden gestampft werden - für Sportler, die drei Wochen bleiben.

Rio 2016 - Olympische Spiele

Rios Bürgermeister Eduardo Paes, hier am Mittwoch mit olympischer Fackel, verspricht die "besten Spiele aller Zeiten". Das sagt sich so leicht.

(Foto: Antonio Lacerda/dpa)

77 000 Menschen wurden umgesiedelt

Die Milliardeninvestitionen in Rios Infrastruktur werden von Eduardo Paes und Thomas Bach als das "olympische Vermächtnis" angepriesen. Ganz falsch ist das nicht. Es kann aber auch nicht unterschlagen werden, dass für diese Art von Vermächtnis mindestens 77 000 Menschen umgesiedelt wurden. Manche gingen freiwillig aus ihren Häuser und Hütten, aber längst nicht alle.

In der Vila Autódromo etwa, jener Favela, die bis vor Kurzem an den Olympiapark in Barra da Tijuca grenzte, schickte die Stadtverwaltung letztlich ein paar Bulldozer vorbei. Die machten aus der Siedlung von 600 Familien einen Parkplatz für Olympiaberichterstatter. Von Maria da Penha, der inzwischen berühmten Widerstandskämpferin der Vila Autódromo, stammt der Satz: "Was hat der Sport für einen Sinn, wenn er nicht dem Volk dient?"

Gute Frage. Am Ende kann man sie wohl nur so beantworten: Der Sport dient seiner selbst. In seinen besten Momenten lenkt er von dem ganzen Wahnsinn ab, den er nebenbei so produziert. Kann schon sein, dass sich die Brasilianer in den kommenden Tagen ein wenig ablenken lassen, wenn es die ersten Medaillen gibt. Aber auch in diesem Bereich sind die Prognosen allenfalls verhalten optimistisch. Brasilien ist eine Sportnation, aber keine Olympiasportnation. Neben der olympischen Randsportart Fußball gehören hier Formel 1 und Mixed-Martial-Arts zu den größten Zuschauermagneten. Beides ist aus guten Gründen nicht im IOC-Programm.

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