Fußball bei OlympiaDas Ende der Dominanz

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Megan Rapinoe fand erneut deutliche Worte für die Zustände im US-Fußball.
Megan Rapinoe fand erneut deutliche Worte für die Zustände im US-Fußball. (Foto: Edgar Su/Reuters)

Die Mannschaft zu alt? Die Gesten zu politisch? In Tokio treten die US-Fußballerinnen überraschend unsicher auf. Erst beim Spiel um Platz drei wirken sie befreit - und geben die Antwort auf anhaltende Kritik.

Von Anna Dreher

Megan Rapinoe schaute verunsichert gen Himmel, als ob dort die Antwort geschrieben stehen könnte, wie dieses Fußballspiel der USA gegen Australien denn nun wohl enden würde und vor allem wann. Diese Spannung am Ende, dieses Zittern in den letzten Minuten, das war nichts für eine wie sie, die am liebsten früh klare Verhältnisse schafft. Die Erlösung kam dann von irdischer Seite in Form des Schlusspfiffes, die nach einer Stunde ausgewechselte Rapinoe schrie ihre Freude heraus, rannte aufs Feld und umarmte jede Mitspielerin, die sie fassen konnte. Ein kollektives Gefühl der Erleichterung war deutlich zu spüren.

Bronze, immerhin. Alles andere wäre für den viermaligen Olympiasieger eine Katastrophe gewesen. Australien war nach Toren von Sam Kerr (17. Minute), Caitlin Foord (54.) und Emily Gielnik (90.) am Ende einer von Fehlern geprägten Partie noch so nah dran am Ausgleich, dass aus einem lange sichergeglaubten Sieg noch ein Thriller wurde, der dann aber mit 4:3 (3:1) zu Gunsten des eigentlichen Gold-Favoriten USA endete.

Diese Partie um Platz drei passte ganz gut zum überraschend unsicheren Gesamtauftritt der Weltmeisterinnen in Tokio. In diesem Turnier war das hochveranlagte Ensemble ja längst nicht so selbstbewusst aufgetreten, wie es die Fußballwelt sonst gewohnt ist. Gehemmt wirkten selbst Spielerinnen wie Rapinoe, Alex Morgan oder Julie Ertz, denen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sonst schon anzumerken ist, wenn sie sich die Schuhe binden.

Wohin ist die Dominanz verschwunden? Wieso all diese Schwierigkeiten?

Einem demütigenden 0:3 gegen Schweden zum Auftakt - die erste Niederlage nach 44 ungeschlagenen Partien - folgte ein 6:1 gegen Neuseeland, das abschließende Gruppenspiel gegen Australien endete torlos. Dann das Viertelfinale gegen Europameister Niederlande, die Wiederauflage des Endspiels der WM 2019, eine intensive Begegnung, bei der die Amerikanerinnen im Elfmeterschießen vom Nervenflattern der Gegnerinnen profitierten.

Der Glaube an Gold wurde wieder stärker, aber die Realität beendete jegliche Hoffnung bald. 20 Jahre lang hatten die USA nicht gegen Kanada verloren, nun endete auch diese Serie durch einen Foulelfmeter. Zum zweiten Mal nacheinander verpassten sie damit das olympische Finale, das am Freitag Schweden und Kanada bestreiten werden. Und die Enttäuschung darüber war enorm, auch, weil Olympia im Frauenfußball seit der Premiere 1996 in Atlanta einen hohen Stellenwert hat.

Wohin sind Dominanz und Perfektion verschwunden? Wieso all diese Schwierigkeiten, wieso so viele Fehler und Unsicherheiten? "Ich weiß es nicht", sagte Carli Lloyd nach dem Viertelfinale, nachdem sie lange fassungslos auf dem Rasen verblieben war. "Ich weiß es gerade nicht. Aber so etwas kann passieren, du kannst sie nicht alle gewinnen." Bitter war das Verpassen des Finals auch deshalb, weil die US-Frauen zusätzlichen Antrieb erhalten hatten durch die Kritik, die in ihrer Heimat laut geworden war.

Zeichen setzen: US-Fußballnationalspielerin Megan Rapinoe kniet vor dem Spiel um Bronze gegen Australien, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu protestieren.
Zeichen setzen: US-Fußballnationalspielerin Megan Rapinoe kniet vor dem Spiel um Bronze gegen Australien, um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu protestieren. (Foto: Masatoshi Okauchi/Shutterstock/imago)

Die Mehrzahl der Spielerinnen kniete bisweilen vor den Partien als Zeichen gegen Polizeigewalt und Rassismus, das gefällt vor allem den Rechtskonservativen und Nationalisten nicht. Ex-Präsident Donald Trump befand, die Niederlage gegen Schweden sei auf diese Geste zurückzuführen, ihre gesellschaftspolitische Einstellung habe die Spielerinnen zu Verliererinnen gemacht.

Schon vor dem Turnier und abseits von politisch motivierter Kritik kam die Frage auf, ob Vlatko Andonovski der richtige Trainer sei. Ein zuvor eher unbekannter Mann, der nach dem WM-Titel 2019 die Nachfolge der erfolgreichen Jill Ellis antrat. Die klare Vorgabe: erst Gold gewinnen, dann den Generationenwechsel einleiten. Denn, auch ein großes Thema, ist dieses Team nicht ohnehin zu alt - im Angriff beispielsweise mit den 32 Jahre alten Christen Press und Morgan, Rapinoe, 36, sowie Lloyd, 39? Schon bei den Weltmeisterschaften 2015 und 2019 stellten die USA den ältesten Kader, beide Male holten sie den Titel. Und auch nun, zum olympischen Abschluss, gaben die Betroffenen die Antwort selbst.

Rapinoe verwandelte in der achten Minute eine Ecke direkt und traumhaft ins Tor, in der 21. Minute donnerte sie den Ball nach einem von zahlreichen schlechten Klärungsversuchen der Australierinnen erneut eindrucksvoll volley ins Netz. Und Lloyd schien all ihren Unmut über Kritik in den Schuss zum 3:1 zu legen (45.+1), nach dem sie Tränen in den Augen hatte: Seht her, ich kann es noch! In der 51. Minute tunnelte sie die Torfrau zum 4:1.

Lloyd hat nun mit zehn Treffern bei vier Teilnahmen so viele bei Olympia erzielt wie sonst keine US-Fußballerin. Sie liegt vor Abby Wambach (9) und Morgan (6). Mit 312 Einsätzen ist Lloyd hinter Kristine Lilly (354) diejenige mit den meisten Länderspielen. Nach Tokio, hatte sie zuvor gesagt, wolle sie bald ihre Karriere beenden. Auch Rapinoes Zukunft als Fußballerin ist ungewiss. Das Team steht vor Veränderungen, aber vielleicht denken die beiden noch mal darüber nach. Kritik und unbefriedigende Ergebnisse haben das US-Frauenteam seit jeher umso mehr angetrieben.

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