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Olympia-Start der DFB-Elf gegen Brasilien:Wo Kaderplätze einfach verfallen

Olympia 2016: Serge Gnabry im Finale gegen Brasilien

Nach dem Turnier kamen die Bayern: Serge Gnabry (li.) begegnet im lympischen Finale 2016 dem Brasilianer Wallace.

(Foto: Matthew Healey/UPI/Imago)

Die Bundesliga interessiert sich kaum fürs olympische Fußballturnier - dabei zeigt die jüngere Geschichte, dass die Spiele durchaus eine Chance sind: Ohne Olympia 2016 wäre Serge Gnabry heute nicht beim FC Bayern.

Von Christof Kneer

Im Sommer 2016 gab es im deutschen Fußball einige bemerkenswerte Telefongespräche. Einmal rief ein mittelrangiger Funktionär des VfB Stuttgart bei einem Fußballreporter an und stellte im Verlaufe des Gesprächs eine ungewöhnliche Frage. Ob der Reporter vielleicht ein paar Spieler kenne, die für den VfB interessant sein könnten?

Der VfB war gerade unter chaotischen Umständen aus der Bundesliga abgestiegen und hatte vorübergehend keinen Trainer und keinen Sportdirektor. Was denn mit diesem Gnabry sei, sagte der Reporter, das sei doch ein Stuttgarter Bub, und beim FC Arsenal komme der, was man so höre, im Moment gar nicht zurecht. Stimmt, der Gnabry!, rief der Funktionär, den gibt's ja auch noch! Er werde das intern mal hinterlegen.

Wenige Wochen später rief ein hochrangiger Funktionär des FC Bayern bei der hausinternen Kaderplanungs-Abteilung an, "kennen wir eigentlich diesen Gnabry?", fragte der Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. Der Bursche gefalle ihm gut, "wäre der nicht einer für uns?" Ja, erfuhr er von der zuständigen Stelle, den Gnabry kenne man, der sei unter Beobachtung. Rummenigge hatte zum Hörer gegriffen, weil er das olympische Fußballturnier im Fernsehen sah.

Zwei Tore hatte dieser Gnabry da gerade geschossen, gegen Fidschi zwar nur, aber zuvor hatte er bereits dreimal gegen Mexiko und Südkorea getroffen. Am Ende verließ Gnabry die Spiele in Rio üppig dekoriert - unter anderem mit einer Silbermedaille, die nur deshalb nicht golden glänzte, weil die deutsche Olympia-Auswahl das Finale gegen Gastgeber Brasilien verloren hatte, im Elfmeterschießen.

Die zweite Auszeichnung, die Gnabry aus Rio mit nach Hause nahm, war keine zum Anfassen, es gibt bei Olympia keine Torjägerkanone. Gnabry muss diese Auszeichnung bis heute bei Wikipedia nachlesen. Mit sechs Treffern wurde er zum besten Schützen des Turniers, zusammen mit dem Kollegen Nils Petersen.

Fünf Jahre ist das erst her, aber offenbar hat die Branche diese Geschichte vergessen. Die Fußball-Bundesliga hat zuletzt ein neues olympisches Motto kreiert, nicht dabei sein ist alles, und Stefan Kuntz, der Trainer der DFB-Olympia-Auswahl, muss ein ziemlich stabiles Gemüt besitzen, jedenfalls ist er nicht trübsinnig geworden. Wie ein Staubsaugervertreter ist er in der Liga von Tür zu Tür gerannt, "Olympia im Angebot", rief er wieder und wieder, aber sein Produkt war offenbar nicht schick genug.

Manche Spieler wollten nicht zu Olympia, manche hätten es vielleicht gemacht, wurden aber von ihren Vereinen zur freundlichen Absage überredet - jedenfalls kam Kuntz am Ende seines verzweifelten Abzählreimes (will, will nicht, will nicht, darf nicht, will vielleicht, darf nicht ...) auf gerade mal 15 Feldspieler plus drei Torhüter. Vier Kaderplätze musste er einfach verschenken.

Hätte Kuntz was anders machen können? Vielleicht das: Vielleicht hätte er die DFB-Presseabteilung anweisen sollen, ein Filmchen über Serge Gnabrys Fußballervita zu drehen und in der Branche rumzuschicken.

2016 war Gnabry ein Versprechen - nicht mehr, aber auch nicht weniger

Die Behauptung klingt gewagt, das ist sie aber nicht: Ohne Olympia 2016 gäbe es heute keinen FC-Bayern-Spieler Serge Gnabry. "Zu 100 Prozent" sei Gnabry damals "ausschließlich" wegen Olympia verpflichtet worden, sagt Bayerns damaliger Kaderplaner Michael Reschke, und diese These wird von zwei Insidern unterstützt, die es wissen sollten, von Karl-Heinz Rummenigge und Serge Gnabry.

Die Münchner kannten den Spieler zwar schon vor den Spielen in Rio, der sehr junge Gnabry war ja mal ein großes Versprechen, aber dieses Versprechen verlor bald seine Magie. Mit 16 wechselte Gnabry vom VfB Stuttgart zum FC Arsenal, mit 17 debütierte er in Premier League und Champions League, aber dann kam er, auch verletzungsbedingt, vom Weg ab. Er wurde zu West Bromwich verliehen, rutschte vom Profi- zurück ins Nachwuchsteam, bis sie selbst dort keine Verwendung mehr für ihn hatten.

Im Januar 2016 nahm ihn der FC Arsenal gebraucht zurück und steckte ihn in die U 21. Im Sommer 2016 erinnerte sich der DFB-Olympiatrainer Horst Hrubesch an Gnabry, den er aus den Jugend-Nationalteams kannte und ohne Spielpraxis in seinen Olympiakader holte. Im August 2016 kam Olympia. Und bei Olympia saß Karl-Heinz Rummenigge vor dem Fernseher und griff dann zum Telefon.

Für Gnabry, 26, war dabei sein mehr als alles. Aus einem Spieler, dessen Existenz sie selbst bei seinem Heimatverein in Stuttgart verdrängt hatten, wurde dank Olympia ein Projekt des FC Bayern. Nach den Spielen in Brasilien wurde Gnabry offiziell von Werder Bremen verpflichtet, für sechs Millionen Euro, aber hinter diesem Transfer steckte bereits der Rekordmeister.

Die Münchner wussten, dass der Spieler sicher deutlich teurer geworden wäre, wenn sie selbst beim FC Arsenal angeklopft hätten, also durfte Gnabry ein Jahr lang die Werder-Fans glücklich machen. Inoffiziell war er aber immer ein Spieler des FC Bayern, auch später auf der Leihstation in Hoffenheim. Die Bayern haben den Spieler an beiden Standorten eng begleitet und hatten stets Zugriff auf ihn, aber sie haben ihn erst nach München geholt, als sie ihn für Bayern-tauglich hielten.

Die kleine Geschichtsstunde lehrt, dass Olympia auch für Fußballprofis ein Schaufenster sein kann, aber ob in Stefan Kuntz' abgemagertem Kader wieder ein Gnabry steckt, ist mindestens fraglich. Am Donnerstag geht's los, gegen Brasilien, ausgerechnet.

© SZ/bkl/pps/tbr
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