Olympia: Eisschnelllauf:0,05 Sekunden

Lesezeit: 3 min

Favoritin Jenny Wolf verpasst die Goldmedaille im Eisschnelllauf denkbar knapp - in Tränen will sie deshalb nicht ausbrechen.

Michael Neudecker, Whistler

Gold, das war das Ziel von Jenny Wolf, sie hatte das vor den Olympischen Spielen stets selbstverständlich formuliert, "etwas anderes nimmt mir auch keiner ab", hatte sie gesagt. In der Tat: Jenny Wolf ist auf der 500-Meter-Strecke 2007, 2008 und 2009 Weltmeisterin geworden, sie hat 34 Weltcupsiege errungen und die vergangenen Jahre auf dieser Distanz die Konkurrenz beherrscht. Sie war natürlich die Favoritin, am Spätnachmittag des vierten Wettkampftages im Olympic Oval in Richmond.

Fünf Hundertstelsekunden schneller: Lee Sang-Hwa gewinnt Gold vor Jenny Wolf. (Foto: Foto:)

Aber dann, um kurz nach vier Uhr Ortszeit, stand sie in den Katakomben des Eisstadions und sagte: "Ich bin enttäuscht", und: "Es tut mir leid, dass ich das Gold nicht holen konnte." Silber war es geworden, aber Jenny Wolf bemühte sich wirklich, sich auch darüber zu freuen. "Meine Familie wird stolz auf mich sein", sagte sie, "also freue ich mich."

Das Rennen hatte die 31-Jährige im ersten Durchgang verloren. Es war ein schwieriges Rennen gewesen für sie, ein Rennen, vor dem sie von verschiedenen Vorfällen beeinflusst wurde - oder sich beeinflussen ließ, das ist Ansichtssache.

Zuerst hatte die Chinesin Wang Beixing einen eher mäßigen Lauf absolviert, und weil Wang bislang als die Einzige galt, die mit Wolf auf dieser Strecke mithalten kann, muss die Berlinerin sich schon sicher gefühlt haben, zu sicher. Dann stürzte die Niederländerin Annette Gerritsen - ausgerechnet kurz vor Wolfs Duell mit der Südkoreanerin Lee Sang-Hwa.

Das Eis musste repariert werden, und Wolf und Lee mussten minutelang am Start ausharren. Als die beiden schließlich dran waren, leistete sich Lee einen Fehlstart - wäre ihr das noch ein zweites Mal passiert, wäre sie disqualifiziert worden und Wolf hätte alleine laufen müssen. All das war in der Summe wohl zu viel, Jenny Wolf verlor ihre Konzentration. Offenbar sei das zu viel gewesen, sagte sie später.

Als der erste Lauf zu Ende war, hatte Jenny Wolf einen Rückstand von sechs Hundertstel auf Lee. Doch Wolf hatte ja hier, in Richmond, schon einmal einen Rückstand auf Lee: Bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr lag sie 0,25 Sekunden nach dem ersten Lauf zurück. Damals gelang ihr im zweiten Lauf die Wende. Diesmal nicht.

Im zweiten Lauf war Wolf zwar schneller als Lee, aber nur um eine Hunderstelsekunde. "Als ich heute aufgestanden bin, habe ich gedacht, heute ist der Tag, an dem es klappen könnte", sagte Wolf danach. Es klappte nicht, weshalb ihr Trainer Thomas Schubert etwas ernüchtert feststellte, dass "ein guter Lauf heutzutage nicht mehr reicht", weil die Weltspitze enger zusammen ist als noch vor ein paar Jahren. Eine "unerwartet schlechte Leistung" von Wolf sei der erste Lauf gewesen, analysierte Schubert.

Allzu negativ aber wollte Jenny Wolf die Sache dann doch nicht sehen. Die Spiele von Vancouver sind schließlich ihre dritten Olympischen Spiele, aus Salt Lake City und Turin war sie jeweils ohne Medaille nach Hause gefahren. Nun hat sie, das wenigstens, die erste olympische Medaille ihrer Karriere gewonnen. Als sie also nach ihrem Gemütszustand gefragt wurde, sagte sie: "In Tränen bin ich noch nicht ausgebrochen." Und das wird wohl auch nicht mehr passieren.

Und die Spiele sind ja für sie noch nicht vorbei, über die 1000 Meter am Donnerstag will sie auf jeden Fall auch starten, wenngleich ihre Siegchancen da eher gering sind. Aber die Stimmung im Olympic Oval - am Dienstagnachmittag waren 7000 Zuschauer gekommen, die den spannenden Wettkampf frenetisch bejubelten - will sie unbedingt noch einmal erleben. "Ich wäre schön blöd, wenn ich das nicht machen würde", findet sie.

Zumal die Probleme mit der Eisaufbereitung behoben scheinen. Am Montag noch hatten zeitweise alle drei Eismaschinen versagt, am Dienstag aber war das Eis tadellos. Und zur Sicherheit hatten die Organisatoren vorgesorgt: Sie hatten eigens eine Ersatz-Eismaschine aus Calgary bringen lassen, über Nacht. Calgary ist rund 1000 Kilometer von Vancouver entfernt.

Im Video: Die Biathletin Neuner holte eine Goldmedaille, ebenso wie die Rodlerin Hüfner. Die Rodlerin Geisenberger gewann eine Bronzemedaille.

Weitere Videos finden Sie hier

© sueddeutsche.de - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Vancouver 2010
:Das Lachen der Sieger, Teil 1

Österreich feiert "Gold-Fischi", Südkorea dominiert die Shorttrack-Wettbewerbe und Simon Ammann ist der Skispringer der Stunde. Alle Sieger

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: