EiskunstlaufBlut, Fleiß und Tränen

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Hand in Hand bei der EM in Sheffield: „Ich bin einfach nur glücklich, dass wir wieder laufen können“, sagt Annika Hocke nach dem Unfall ihres Partners Robert Kunkel im Juli 2025.
Hand in Hand bei der EM in Sheffield: „Ich bin einfach nur glücklich, dass wir wieder laufen können“, sagt Annika Hocke nach dem Unfall ihres Partners Robert Kunkel im Juli 2025. Yuan Tian/NurPhoto/Imago

Ein Trainingsunfall hätte die Olympiateilnahme der Paarläufer Annika Hocke und Robert Kunkel fast verhindert. In den Medaillenkampf mit Minerva Hase und Nikita Volodin werden sie wohl nicht eingreifen können. Aber was macht das schon?

Von Johannes Schnitzler, Mailand

Wenn Eiskunstläufer auf Glatteis ausrutschen, was ist das dann? Ironie des Schicksals? Oder einfach nur blöd gelaufen?

Annika Hocke und Robert Kunkel, neben Minerva Hase und Nikita Volodin eines von zwei deutschen Duos im olympischen Paarlauf-Wettbewerb, hatten sich nach der Europameisterschaft im Januar in ihre Heimat Berlin zurückgezogen, um sich konzentriert auf die Winterspiele vorzubereiten. In Bergamo, wo sie seit vier Jahren leben und trainieren, war plötzlich kein Platz mehr: Das US-amerikanische Team hatte das komplette Eiszentrum angemietet, angeblich für mehrere Hunderttausend Euro. „Wir haben uns dann bewusst für Berlin entschieden und das Beste daraus gemacht“, sagt Kunkel.

Am Olympiastützpunkt standen ihnen Ärzte, Physiotherapeuten und alle Trainingszeiten zur Verfügung, die sie haben wollten. „Alles optimal“, sagt Kunkel. Bis auf die äußeren Umstände: „Es war ultrakalt. Minus acht, minus zehn Grad teilweise. Und spiegelglatt.“ Und schon war es passiert: „Ich habe mich so auf die Fresse gelegt, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich hätte mir fast das Steißbein gebrochen“, erzählt Kunkel. Das müsse man sich mal vorstellen, sagt Annika Hocke: Wenn sie Olympia verpasst hätten wegen dieses Ausrutschers ...

Kunkels Missgeschick blieb ohne böse Folgen, längst kann der 26-Jährige darüber lachen. Er hat sehr viel Schlimmeres hinter sich.

Bei einem Trainingsunfall im vergangenen Juli schlitzten die Kufen seiner Partnerin ihm beide Hände auf, das Aus für die Olympia-Saison drohte. Tiefe Wunden mussten vernäht und Haut verpflanzt werden, eine Sehne am Mittelfinger war fast durchtrennt. Sehr viel Blut und einige Tränen flossen in dieser Zeit. Aber entgegen den ersten Prognosen stand Kunkel einen Monat später wieder auf dem Eis. „Als wir nach vier Wochen wieder angefangen haben, sind wir die Programme komplett ohne Elemente gelaufen“, sagt er. „Die eine Hand war noch verschient, um die andere war ein Riesenverband. Dann fing es an mit ,Hold my hand’, wir geben uns die Hand – und es ging nicht. Katastrophe. Ich konnte ja nicht mal alleine duschen, ich konnte gar nichts machen.“

Die Stunden bis Sonntag fasst Kunkel so zusammen: „Training. Physio. Kaffee.“

Dazu muss man wissen: Für ihr Kurzprogramm haben die beiden den Song „Hold My Hand“ von Lady Gaga ausgewählt, ausgerechnet, ein emotionssattes Stück aus dem Soundtrack zu „Top Gun: Maverick“. Mit Verlaub: Wie kommt man nach so einem Unfall auf diesen Titel? „Die Musik war zuerst da“, sagt Annika Hocke, „wir mussten selber drüber lachen.“ Kunkel ergänzt: „Es wäre auch schön gewesen, wenn es bei der Musik geblieben wäre und nicht so eine lustige Eselsbrücke dazugekommen wäre.“ Das Wort lustig spricht er mit imaginären Anführungszeichen.

Am Mittwoch sind Hocke/Kunkel ins olympische Dorf gezogen, am Donnerstag gingen sie erstmals in der Ice Skating Arena von Assago, einer kleinen Gemeinde einige Kilometer außerhalb von Mailand, aufs Eis. Das dortige Eislaufzentrum, ein megalomaner Klotz aus Gigatonnen Glas und Stahlbeton an der A7, einer Ausfallstraße in Richtung Genua, lässt von außen nicht vermuten, wie anmutig es in seinem Inneren zugeht. Am Donnerstag waren zum Training der Paare etwa 2000 Zuschauer da. „Das war schön“, sagt Annika Hocke.

Im Kreis der Medaillenfavoriten: Die WM- und EM-Zweiten  Minerva Hase und Nikita Volodin.
Im Kreis der Medaillenfavoriten: Die WM- und EM-Zweiten  Minerva Hase und Nikita Volodin. Mike Egerton/PA Wire/dpa

Das Eis in der 11 000 Zuschauer fassenden Halle finde sie „super“. Wobei dieses Empfinden sehr individuell sei. Die Georgier Anastassia Metelkina und Luka Berulawa, die in Sheffield Europameister geworden waren, bezeichneten das Eis in Assago in einem Interview als extrem schlecht. Minerva Hase und Nikita Volodin hatten die Gegebenheiten bereits vergangene Woche inspiziert und sich dann in die Schweiz zum Training zurückgezogen. Sie hinterließen die Botschaft, sie hätten alles zu ihrer Zufriedenheit vorgefunden. Zum Kurzprogramm am Sonntag (19.45 Uhr) werden sie zurückerwartet, das Kürfinale findet am Montag statt.

Die Stunden bis Sonntag fasst Kunkel so zusammen: „Training. Physio. Kaffee.“ Während Minerva Hase und Nikita Volodin als WM-Zweite von 2025 und EM-Zweite von Sheffield zum Kreis der Medaillenfavoriten gehören, dürften Annika Hocke und Robert Kunkel, die 2023 einmal EM-Dritte waren, mit den Medaillen wenig zu tun haben. Bei der EM, quasi der Generalprobe für Olympia, liefen sie eine temperamentvolle Kür, landeten aber auf dem vierten Platz. „Nachdem wir bei der EM zwei Superprogramme gezeigt haben und super Feedback bekommen haben, war die Platzierung ein bisschen komisch“, sagt Kunkel. „Das kann man nicht beeinflussen.“ Für Mailand haben sie sich deshalb kein konkretes Ziel gesetzt. Unter die ersten zehn, das kann man heraushören, würden sie aber schon gern laufen, so viel Arbeit, so viel Fleiß steckt in ihren Programmen. Andererseits: Was sind schon Platzierungen? „Diese Saison hat uns noch mal mehr gelehrt, wie glücklich wir uns schätzen dürfen, dass wir das machen können, dass wir auf olympischem Eis stehen und das genießen können“, sagt Annika Hocke.

Für die 25-Jährige sind es die zweiten Spiele nach 2018, damals trat sie noch mit Ruben Blommaert an. Im Schatten der strahlenden Olympiasieger Aljona Savchenko/Bruno Massot wurden sie Sechzehnte. Seit 2019 läuft Hocke mit Kunkel – und strahlt bei jedem Lauf, jeder Hebefigur, jedem Wurf von innen. Sie sagt: „Ich bin einfach nur glücklich, dass wir wieder laufen können.“ Hand in Hand.

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