Hin und wieder huscht ein Schatten über den Boden, er stammt von diesen großen schwarzen, am Himmel kreisenden Vögeln. Die Luft ist trocken und das Licht grell im Hinterland von Rio. An der Haltestelle wartet ein Mann in der Mittagssonne auf den Bus, nur wenige Menschen stehen da draußen, drinnen herrscht Konzentration. Barbara Engleder liegt auf der Matte, versunken in ihrer Welt zwischen Diopter, Korn und Ziel, und schießt eine Kugel nach der anderen aus der Halle hinaus auf die schwarze Scheibe.
Das Wichtigste zu Olympia 2016 in Rio
Das letzte Training umgibt in allen Sportarten eine besondere Stimmung, in der sich Vorfreude und heimliche Anspannung mischen, aber auf der einsamen Olympia-Schießanlage, 40 Kilometer entfernt vom Hauptpressezentrum, ist diese besonders ausgeprägt. Keine Ablenkung, kein Trubel, keine Cafés gibt es dort, nur Schützen, die zielen und letzte Vorbereitungen treffen, während draußen der trockene Wind durchs Gras streicht. Eine ganz leichte Prise von High Noon ist da schon zu spüren, am Donnerstag vor der Eröffnung der Spiele. Am Samstag wird die erste Medaille vergeben, das ist für alle Schützen ein wichtiger Termin und ein besonderes Thema für die Deutschen.
Sie begegnen diesem Thema betont sachlich. Claus-Dieter Roth, der Bundestrainer Gewehr, sagt: "Das Thema Sonja Pfeilschifter ist abgehakt, dies hier ist eine andere Mannschaft, und die muss sich beweisen." Und Barbara Engleder erklärt, Pfeilschifter, die überragende deutsche Sportschützin der vergangenen Jahre, sei für sie ein Vorbild, "aber das hat nix mit der Person Barbara Engleder zu tun". Sie sagt das noch einmal: "Ich bin ich, und ich bin selber hier."
Bei der WM 2010 gewann Barbara Engleder den Titel
Engleder wird am Samstag die Erste sein, die eine Medaille für die deutsche Olympiagesandtschaft holen kann. Pfeilschifter war das trotz ihrer Fähigkeiten nie gelungen. Die siebenmalige Weltmeisterin war bei fünf Olympia-Teilnahmen am Eröffnungssamstag stets an ihren Nerven gescheitert, womit immer die absurde Warterei begann auf die erste deutsche Medaille, die alle Kollegen anspornen sollte. Aber Engleder ist ja Engleder und nicht Pfeilschifter.
Und sie ist nicht allein, die beiden sind zu zweit, und Selina Gschwandter ist auch Selina Gschwandtner. Engleder, 33, aus Eggenfelden, war schon Weltmeisterin und Europameisterin, Gschwandtner, 22, aus Reischach, war Junioren-Team-Weltmeisterin und Zweite im Einzel. Beide sind offener und suchen mehr den Kontakt zur Außenwelt, als dies Pfeilschifter getan hatte. Sie haben zwar eine Medaillenchance, aber sie sind keine Goldkandidaten.