Leichtathletik bei Olympia:In Tokio folgte die kalte Dusche

Olympia 2021: Stabhochspringer Oleg Zernikel aus Deutschland

Platz neun: Stabhochspringer Oleg Zernikel fliegt an seinen eigenen Ansprüchen vorbei.

(Foto: Cameron Spencer/Getty)

Das schwache Abschneiden der Leichtathleten steht auch für ein grundsätzliches Problem im deutschen Sport: Die eigenen Grenzen spielen bei der Fehleranalyse oft nur eine untergeordnete Rolle.

Kommentar von Johannes Knuth

Was hatten sie nicht alles probiert im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), um ihre Abordnung für die Olympischen Pandemiespiele in Wallung zu versetzen. Sie hatten im Trainingscamp Motivationsreden gehalten. Idriss Gonschinska, der Vorstandsvorsitzende, hatte Muhammad Ali zitiert ("Wenn mein Kopf es ausdenken kann, wenn mein Herz daran glauben kann, dann kann ich es auch erreichen"). Japanische Trommler sollten "positive Energie auf dem Weg nach Tokio" herbeitrommeln. Der Stabhochspringer Oleg Zernikel berichtete später, dass ihn der Rhythmus wirklich inspiriert habe, bis zu seinem Wettkampf waren die Vibrationen aber offenkundig wieder verpufft. Zernikel sprang nicht schlecht, aber 5,70 Meter und Platz neun, das wurde weder seinem Saisonbestwert noch seinen Ansprüchen gerecht. Und das traf das deutsche Stimmungsbild in Tokio schon recht gut.

Sie hatten sich die Latte im DLV, mit 90 Athleten und 50 Betreuern die größte Abordnung im deutschen Tokio-Team, nicht gerade unmenschlich hoch aufgelegt. Mehr Medaillen als die drei von Rio 2016, zwei Mal Gold und einmal Bronze, sollten es schon sein, doch selbst diese Vorgabe war in Tokio unerfüllt, mit einem Olympiasieg und zwei Silber-Beiträgen. Auch das zweite Minimalziel, die Saisonbestleistung beim Saisonhöhepunkt, schaffte nur jeder fünfte deutsche Einzelstarter, die Langstreckenläufer ausgeklammert, denen die japanische Sommerhitze schwer zu schaffen machte. Dabei sei das Potenzial eigentlich da gewesen, nur die Chancenverwertung habe nicht gestimmt, bilanzierte die Cheftrainerin Anett Stein, das gelte es jetzt zu analysieren.

Das erstaunte insofern, als dass viele Baustellen schon vor Tokio offensichtlich waren: Stammkräfte im ständigen Krankenstand, Athleten aus der zweiten Reihe, die sich abstrampelten, um die Zulassungskriterien zu schaffen und ermattet zum Jahreshöhepunkt kamen. Die Trainerin Gertrud Schäfer, die einst die Siebenkämpferin Sabine Braun zu zwei WM- und EM-Titeln sowie Olympia-Bronze führte und noch immer tief in der Szene vernetzt ist, hatte kurz vor den Spielen eine lange Mängelliste vorgelegt: Zu viel Zentralisierung statt individueller Lösungen, veraltetes und falsches Training, Bundestrainer, die Vorgesetzten nach dem Mund redeten. Ob das auch in die Verbandsanalyse einfließen wird?

Das Potenzial ist vorhanden, aber es verliert sich in den Strukturen

Allzu große Hoffnungen sollte man nicht hegen, wenn man im Archiv studiert, wie sich die Analysen seit Jahren ähneln. "Die Leichtathletik entwickelt sich extrem global", erklärte Annett Stein auch in Tokio - ein altes Lied, das verhüllt, dass die deutsche Leichtathletik sich eben schon lange nicht mehr extrem entwickelt, zumindest in der Breite.

Das oft zitierte Potenzial ist zweifellos da, es verdampft nur oft seit Jahren verlässlich in den Strukturen zwischen Nachwuchs- und Erwachsenenklasse. Bei der EM der U23 vor zwei Jahren, dem unmittelbaren Unterbau also, gewann der DLV 21 Medaillen, darunter neun goldene, Platz eins im Medaillenspiegel. Ein "Goldregen", jubelte der Verband, wobei schon damals viele Disziplinen dürftig besetzt waren. In Tokio folgte die kalte Dusche: Von den 21 Medailleninhabern hatten es nur elf überhaupt ins Aufgebot geschafft. Und Fachleute, die zuletzt auf die Starterfelder bei deutschen Nachwuchsmeisterschaften blickten, wird in diesem Licht auch nicht gerade wärmer ums Herz.

Es ist eine Malaise, die sich durch viele deutsche Verbände zu ziehen scheint, bei den Schwimmern, auch im zerstrittenen Dachverband DOSB: Wenn es nicht läuft, scheinen die eigenen Grenzen nicht immer die größte Rolle zu spielen, zumindest nicht in der öffentlichen Debatte. Ob das mal ein lohnenswerter Ansatz wäre - jenseits vom Trommelwirbel?

© SZ/bkl/cch/lein/and
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