Süddeutsche Zeitung

Olympia:Das ist Johannes Hintze: 17 Jahre, 1,94 Meter, Rekordschwimmer

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Der Teenager aus Potsdam ist der jüngste deutsche Schwimmer bei Olympia. Die Qualifikation ist für ihn nur ein Zwischenziel.

Von Saskia Aleythe, Rio de Janeiro

Besondere Anstrengungen brauchen besondere Motivationen. Was ihn antreibt, merkt man bei Johannes Hintze recht schnell, und das ist ja auch eine wichtige Frage: Schließlich schraubt sich der Schüler täglich stundenlang durchs Becken in der Sportschule in Potsdam, vor dem Unterricht, nach dem Unterricht und dazwischen sind die Gedanken auch nicht weit vom Wasser entfernt. Warum also macht man das? "Was mich am meisten motiviert, ist, meine Ziele zu erreichen", sagt Hintze, "man hat ein großes, dann hat man kleine Zwischenziele wie jetzt die Olympiaqualifikation".

Olympia als kleines Zwischenziel, mit gerade mal 17 Jahren? Da hat jemand noch einiges vor.

Junge deutsche Frauen bei Olympia kennt man, auch dieses Jahr wird mit Staffel-Kraulerin Leonie Kullmann eine 16-Jährige in Rio starten. Bei den Männern sind Teenager eine Seltenheit: Seit rund 40 Jahren gab es im deutschen Schwimm-Team keinen so jungen Olympioniken wie Johannes Hintze. Was ihn zum Ausnahmeathleten macht, sind seine Zeiten: Statistiker haben irgendwo bei dem 50. deutschen Altersklassenrekord aufgehört zu zählen. In Rio wird Hintze über die 400 Meter Lagen antreten und wenn er seine Bestzeit von 4:14,72 Minuten noch einmal um 73 Hundertstelsekunden steigern könnte, hätte er die nächste Bestmarke geknackt: Das wäre Junioren-Weltrekord.

Hintze soll behutsam aufgebaut werden

In Potsdam wird Hintze von einem betreut, der sich mit jungen ambitionierten Schwimmern auskennt: Norbert Warnatzsch leitet zusammen mit Thomas Luckau sein Training. Warnatzsch hatte schon Britta Steffen und Franziska van Almsick zu Weltmeisterinnen und Olympia-Medaillengewinnerinnen geformt, nun schwärmt der 69-Jährige von Hintze: "Er hat gute körperliche Voraussetzungen, mit 1,94 Meter auch lange Hebel, ist technisch sehr gut ausgebildet. Er ist trainierbar, leicht zu lenken, ehrgeizig. Er kann Trainingsmethoden sauber verarbeiten, ist effektiv und effizient." Eines ist ihm wichtig: den jungen Schwimmer behutsam aufzubauen.

Da gab es ja schon die Vergleiche mit Michael Phelps, weil Hintze bei den deutschen Meisterschaften Anfang Mai in Berlin die letzten 50 Meter so schnell gekrault war wie es selbst die Superathleten aus den USA seit dem Verbot der Hightech-Anzüge nicht mehr hinbekommen hatten. "Solche Vergleiche lasst mal schön sein", sagt Warnatzsch dazu und formuliert zumindest in Nuancen vorsichtiger: "Ich bin optimistisch, dass das schon ein Großer werden kann."

Mit 12 Jahren kam der junge Schwimmer ans Internat in Potsdam, die Trennung von den Eltern empfand er als unproblematisch. "Ich habe den Vorteil, dass meine Eltern nur eine Stunde von Potsdam weg wohnen. Wenn wir uns mal sehen wollen, ist das gar kein Problem", sagt er. Heute sehen sie sich zwei bis drei Mal im Monat, und wenn nicht gerade Olympiavorbereitung auf dem Plan steht, "schraube ich zu Hause mit meinem Papa am Motorrad rum". Ohnehin hat er viele Interessen, Laufen und Radfahren zum Beispiel, Klavier-Spielen auch, nur eines mag er nicht: Fußball.

13 Schwimmer über 400 Meter Lagen sind zurzeit schneller

Seine Vielseitigkeit macht Hintze auch als Schwimmer aus. Wer Lagen schwimmt, muss schließlich Brustschwimmen, Kraulen, Rückenschwimmen und Schmetterling beherrschen. Einen Lieblingsstil hat er nicht. Zudem ist er mit seinen 17 Jahren körperlich schon sehr weit, auch wenn das Krafttraining ihn manches Mal Überwindung kostet. "Wir machen sehr viel Stabilisationsübungen mit dem eigenen Körpergewicht", erklärt Warnatzsch, "da sind aber Reserven, die wir uns bewusst aufheben". Für die Zukunft kann das nur Gutes bedeuten.

Mit seiner Zeit über 400 Meter Lagen liegt Hintze von allen in Rio startenden Athleten auf Rang 14, Team-Kollege Jacob Heidtmann hat mit der neuntbesten Zeit Finalchancen. "Ich will versuchen, bei Olympia so viel wie möglich für mich selber mitzunehmen", sagt Hintze. Die Abläufe anschauen, wie so eine Veranstaltung aufgebaut ist: mit Einschwimmen, Vorläufen, Ausschwimmen. "Ich werde mir alle Schwimmwettkämpfe anschauen und andere Wettbewerbe auch, sofern es möglich ist. Ich will einfach das olympische Feeling kennenlernen."

Natürlich kann er das mit dem Zwischenziel Olympia nicht so stehen lassen, das sei schon ein großes Ziel gewesen, sagt Hintze, aber: "Letztendlich ist mein Traum, noch weiter zu kommen, als nur die Qualifikation zu schaffen." Es muss kein Traum bleiben.

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Quelle:
SZ vom 31.07.2016/schm
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