Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Japan grübelt offiziell wegen Olympia

  • Die Olympiamacher erwägen erstmals öffentlich eine Verlegung der Spiele - und grübeln über Optionen.
  • Es sind keine einfachen Überlegungen, weil der Terminkalender im Sport sehr voll ist.
  • Die Entscheidung muss aber bald kommen, um die zusätzlichen Kosten möglichst niedrig zu halten.

Hakuho fehlten die Leute. Zumindest am ersten Tag fühlte es sich nicht richtig an für ihn, dass das traditionelle Frühlingsbasho der Sumoringer in Osaka wegen der Coronavirus-Lage vor leeren Rängen stattfand. Das Herz eines Kämpfers schlägt nun mal nicht so hoch, wenn er die Anteilnahme der Menschen nicht spürt. "Es war komisch, ich hatte Schwierigkeiten, mich zu motivieren." Aber Hakuho, vor 35 Jahren als Davaajargal Mönkhbat in der Mongolei geboren, wäre kein Yokozuna, kein Sumoringer des höchsten Ranges, wenn er sich nicht beherrschen könnte.

Er absolvierte Kampf um Kampf im 15-tägigen Turnier, gewöhnte sich an die Stille und stand am Ende als Gesamtsieger da. Welche Ehre: Hakuho geht in die Sumo-Geschichte ein als erster Gewinner eines großen Bashos, das trotz ausverkaufter Tickets vor null Zuschauern stattfand.

In diesen Zeiten muss man für jeden Augenblick dankbar sein, den man draußen verbringen darf. Insofern wird der Sumo-Profi Hakuho nicht nur wegen seines Erfolgs froh gewesen sein darüber, dass das Turnier nicht ausfiel. Und wer weiß: Vielleicht werden sich noch ganz andere Leute an leere Arenen gewöhnen müssen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat am Sonntagabend erklärt, es werde in den nächsten vier Wochen Szenarien für Olympia in Tokio durchspielen, um eine Lösung für die Coronavirus-Gefahr zu finden. Und die Spiele ohne Zuschauer ist eine der Ideen, die laut Japan Times schon jetzt aus den Hinterzimmern des Organisationskomitees nach draußen sickern. Fraglich, ob das dem Gastgeberland Japan finanziell helfen würde, wenn zwar die Spiele kommen, aber keine zahlenden Zuseher. Für die zahlenden Fernsehsender wäre es wohl in Ordnung. Die brauchen Publikum auf der Couch, nicht zwingend im Stadion.

Die Debatte um die Sommerspiele im Jahr der Pandemie ist also nun auch beim Inhaber und Gastgeber offiziell eröffnet. Ende vergangener Woche hatte erstmals ein Vorstandsmitglied des japanischen Olympischen Komitees in der Finanzzeitung Nikkei für eine Verlegung plädiert. Kaori Yamaguchi, Bronze-Gewinnerin im Judo von 1988, sagte: "So weit ich das den Nachrichten aus den USA und Europa entnehme, können die Athleten gerade nicht weitertrainieren." Auch Premierminister Shinzo Abe zog am Montag erstmals eine Verschiebung in Betracht. Der Präsident des Organisationskomitees, Yoshiro Mori, äußerte sich drastischer. "Wir sind nicht so blöd, die Olympischen Spiele wie geplant auszutragen." Die Japan Times zitiert einen Funktionär aus dem Organisationskomitee: "Wir machen Alternativpläne, Plan B, C, D, und schauen dabei auf verschiedene Zeitrahmen einer Verlegung."

Corona-Sorgen? In Sendai schauen sich 50 000 Menschen das Olympische Feuer an

Es sind keine ganz einfachen Überlegungen. Die Spiele nur um ein, zwei Monate zu verschieben, bringt wohl nichts bei einer Pandemie, die in manchen Weltregionen noch gar nicht richtig angekommen ist. 2021 würde Olympia mit Großveranstaltungen wie Schwimm- oder Leichtathletik-WM kollidieren. Und 2022 ist schon ziemlich voll mit Winter-Olympia in Peking sowie der Fußball-WM in Katar.

In Japan ist auf den ersten Blick noch nichts zu sehen von solchen Grübeleien. In Tokio und Umgebung laufen die letzten Bauarbeiten an den Sportstätten. In Sendai kamen am Samstag 50 000 Menschen, um das olympische Feuer in einem goldenen Kessel zu betrachten, das ab 26. März von Fukushima aus durchs Land getragen werden soll. Und Japans Regierung weicht offiziell nicht davon ab, dass die Olympia-Eröffnung wie geplant am 24. Juli stattfindet, die der Paralympics am 25. August.

Trotzdem: Die Entscheidung muss bald kommen. 12,6 Milliarden US-Dollar haben die Vorbereitungen nach offiziellen Angaben bisher gekostet - verzögerte Spiele werden nicht billiger. Je eher Plan B, C oder D da ist, desto besser dürften die Chancen stehen, die zusätzlichen Kosten im Rahmen zu halten.

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SZ vom 23.03.2020/tbr
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