Glosse:Was spuckst du?!

210723 A person spits saliva into a test tube for covid-19 testing during day 0 of the Tokyo 2020 Olympic Games, Olympi

Olympische Krampfsportart: Wenn man Speichel für den Covid-Test herbringen soll, auf Befehl, wird einem der Mund trocken. Es ist wirklich wie verhext.

(Foto: Carl Sandin/Bildbyran/Imago)

Der Olympiareporter muss zwar nicht zur Dopingkontrolle, dafür regelmäßig zum Corona-Test - und hat so endlich die Gelegenheit, sich dem Athleten nahe zu fühlen. Alle Tücken inklusive.

Von Holger Gertz, Tokio

Wasserlassen, wenn man auf Befehl Wasser lassen soll, kann eine sensible Angelegenheit sein, das wissen Sportler, die nach einem Event zur Dopingprobe müssen. Da läuft's dann manchmal gar nicht, und das herumstehende medizinische Personal trägt kaum dazu bei, dass es besser läuft. Man ist halt gern lieber unter sich, bei bestimmten Verrichtungen.

Bei Olympia verschmelzen nun sämtliche Anwesende zu einer olympic family, also hat auch der Olympiareporter endlich mal die Gelegenheit, sich dem Athleten nahe zu fühlen. Er muss zwar nicht zur Dopingkontrolle, dafür regelmäßig zum Corona-Test, der oben in einem der Festsäle des Pressezentrums zelebriert wird. In Japan fuhrwerken sie einem nicht mit dem Stab in der Nase rum, sondern nehmen Speichelproben. Also, man kriegt ein Röhrchen, da sind ein paar Messstriche draufgedruckt, das Röhrchen muss man dann in einem separaten Kabuff mit Speichel füllen, verschließen und an der Kontrollstation abgeben. Die Verständigung über die erforderliche Füllmenge verläuft im Vagen, vieles ist ein sprachliches Problem, und das Ganze wird entscheidend verkompliziert durch eine körperliche Besonderheit, die der Olympiareporter mit Leidensgenossen und auch -genossinnen teilt: Wenn man Speichel herbringen soll, auf Befehl, wird einem der Mund trocken. Es ist wirklich wie verhext.

Ein befreundeter Rhodesian Ridgeback fällt einem da ein, dem man eine Bockwurst aus großer Entfernung nur zeigen muss, schon stürzt dem Hund das Wasser rechts und links aus dem Maul raus. "Es gibt Tage, da wünscht ich, ich wär mein Hund", hat Reinhard Mey gesungen, wie recht er hatte, merkt man im Kabuff in Tokio beim Versuch, den Anforderungen des Spucktests zu genügen. Da kann man an Bockwürste denken, wie man will, wenn der Mund trocken ist, macht ihn nichts wässrig. Und trinken soll man ja nicht, das verfälscht das Ergebnis.

So ist alles bei Olympia ein Kampf, und endlich und nach allerlei Verrenkungen ist das Röhrchen dann doch befüllt, aber nur bis exakt zum alleruntersten Strich der Maßeinheit. Reicht das denn, Lady? Die Frau an der Kontrollstation schaut sich's an und wertschätzt diese Präzisionsarbeit sogleich über alle Maßen: "Mister! You are very, very good!" Ach, die Freundlichkeit hier treibt einem wirklich fast das Wasser in die Augen.

© SZ/jkn/lib
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