Claudia Pechstein bei Olympia:Noch ein Bauchplatscher, noch eine Verbeugung

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Nächste Karriere im Eiskunstlauf? Claudia Pechstein zelebriert ihren Abschied aus Peking. (Foto: Laci Perenyi/Imago)

Claudia Pechstein wird zum Abschluss Neunte im Massenstart und feiert danach ausgiebiger als die Olympiasieger. Ob es die letzten Spiele für die 49-Jährige waren? Das lässt sie offen. 

Von Saskia Aleythe, Peking

Wer schon immer mal eine 49-Jährige auf dem Bauch übers Eis rutschen sehen wollte, der musste im National Speed Skating Oval in Peking dabei sein. Viele Zuschauer dürfen gerade nicht hin, es ist ein geladenes Publikum - aber wer dann in der Halle saß am Samstag, der kam an Claudia Pechstein nicht vorbei. Sie verbeugte sich vor den Banden Richtung Tribüne und zelebrierte den Bauchplatscher, sie kostete diese ganzen Momente jetzt aus. Viele Fans habe sie hier, sagte sie nach dem Massenstart-Finale. Als sie am ersten Tag in die Halle gekommen sei, habe die Begrüßung über zehn Minuten angedauert, "das war Wahnsinn", sagte sie. Und jetzt wollte sie sich bedanken, "das habe ich sehr, sehr gerne gemacht, und auch von Herzen".

Die Medaillen hatten andere abgeräumt an diesem Tag, aber Claudia Pechstein zeigte beim Feiern die größte Ausdauer. Sie war Neunte geworden im Massenstart-Finale am Samstag, "das war einfach genial", fand sie, und danach wollte sie sich gar nicht mehr vom Eis trennen. Ob das jetzt ihr letztes Olympia-Rennen überhaupt gewesen ist? "Ich habe heute die Abschiedsrunde bei den achten Spielen in Peking gemacht", sagte sie, aber eine Prognose, wo man sie 2026 sehen wird, wenn die nächsten Spiele anstehen, gab sie nicht ab. Aber eines, das sagte sie schon: "Ich schließe nichts aus."

Die Gewinner an diesem Tag - Bart Swings holte für Belgien den ersten Olympiasieg bei Winterspielen seit 74 Jahren, die Niederländerin Irene Schouten gar ihr drittes Gold in Peking - waren schon mit allem fertig, sie hatten ihre Siegerehrung gehabt und Interviews gegeben, da war Pechstein noch mit anderen Dingen beschäftigt. Unter anderem hielt sie neun Medaillen vor die Kameras: Es waren symbolische Plaketten für ihre Olympia-Eroberungen, die sie in ihrem Leben als Sportlerin eingesammelt hatte. Dirk Schimmelpfennig, der deutsche Chef de Mission, hängte sie ihr um auf dem Eis in China. "Die sind richtig schwer", sagte Pechstein und man konnte sie jetzt wirklich mit einer verwechseln, die an diesem Tag Gold gewonnen hatte.

Ein Schnappschuss für die Erinnerung: Claudia Pechstein posiert im Spagat in den Olympischen Ringen mit ihren symbolischen Medaillen. (Foto: Ding Xu/Xinhua/Imago)

Zum dritten Mal nach 2014 und 2018 ist die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG) bei Olympia ohne Medaille geblieben, also musste man etwas anderes feiern. Pechstein hatte es als einzige Deutsche in den finalen Massenstart der Frauen geschafft, Michelle Uhrig war im Halbfinale nach einem Sturz ausgeschieden. "Ich habe gezeigt, dass ich in meinem Alter noch leistungsfähig bin", sagte Pechstein, "das haben mir wenige zugetraut, ich bin da sehr, sehr stolz auf mich."

Am Dienstag wird Pechstein 50 Jahre alt

Um die Siege mitkämpfen kann Pechstein nicht mehr, über 3000 Meter wurde sie Letzte, sie feierte da auch schon. Aber so ein Massenstart hat ja auch noch andere Verlockungen, als als Erste ins Ziel zu kommen. "Im Finale dachte ich mir: Eigentlich kannst du nochmal gucken, ob du einen Sprint irgendwie schaffst", sagte Pechstein. Sie guckte, sie hämmerte die Kufen noch einmal ins Eis und dann gab es tatsächlich Punkte im letzten Zwischensprint. Sie presste die Zähne zusammen, natürlich tut so was weh mittlerweile gegen die deutlich jüngere Konkurrenz.

Ein siebter Platz von Patrick Beckert über 10 000 Meter war das beste Ergebnis der Deutschen in China gewesen, am Samstag versuchte sich noch Felix Rijhnen an einem Einzug ins Massenstart-Finale. Der 31-Jährige, zweimaliger Weltmeister im Inline-Speedskating, war für diese Spiele von den Rollen auf Kufen gewechselt. Das Eis hatte es ihm auch immer angetan, er war zwischenzeitlich aber aussortiert worden, man attestierte ihm eine fehlende Perspektive. Nun klappte es doch noch mit Olympia, nach einem 13. Platz über 5000 Meter war im Massenstart aber im Halbfinale Schluss.

Am Sonntag geht es für Claudia Pechstein Richtung Heimat, sie will pünktlich zurück sein zu ihrem Geburtstag: Am Dienstag wird sie 50 Jahre alt. "Eine große Party wird es sicher nicht geben", sagte sie, in Corona-Zeiten ist das schwierig. Vorgefeiert hatte sie in Peking immerhin schon reichlich. Es gäbe Sportler, die es nie zu Olympia schaffen würden, sagte Pechstein noch, "ich bin seit 30 Jahren auf Olympia-Level". Das hatte am Ende des Tages wohl jeder im National Speed Skating Oval verstanden.

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