Cortinas neue BobbahnErst Ruine, dann Streitfall, jetzt Vorzeigeprojekt

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Ihr Umbau hat sich gelohnt - nicht zuletzt für Team Deutschland: Hier rast Johannes Lochner durch die Bob- und Rodelbahn von Cortina d’Ampezzo im Training für den Viererbob.
Ihr Umbau hat sich gelohnt - nicht zuletzt für Team Deutschland: Hier rast Johannes Lochner durch die Bob- und Rodelbahn von Cortina d’Ampezzo im Training für den Viererbob. Athit Perawongmetha/Reuters
  • Die neue Bob- und Rodelbahn in Cortina d'Ampezzo wurde nach nur elf Monaten Bauzeit fertiggestellt und kostete 124,8 Millionen Euro.
  • Das Leipziger Ingenieurbüro IBG entwarf die 1745 Meter lange Bahn mit 16 Kurven entlang der historischen Trasse für die Winterspiele 2026.
  • Italienische Athleten gewannen bereits zwei Goldmedaillen auf der neuen Pista Olympica Eugenio Monti, die mitten im Dolomitenstädtchen liegt.
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Die neue Bob- und Rodelbahn begeistert nicht nur die Athleten, sondern ganz Italien. Entworfen und geplant hat sie ein Leipziger Ingenieurbüro – gebaut wurde sie in Rekordzeit.

Von Barbara Klimke, Cortina d’Ampezzo

Man kann sie noch sehen, die Relikte der historischen Bahn. Oben am Berg stehen letzte Betonteilstücke im Gelände, überwuchert, teilweise zugewachsen und mit Moos bedeckt. „Die Natur hat sich das zurückgeholt“, sagt Mike Richter vom Ingenieurbüro IBG und Partner aus Leipzig. Auf einer Lichtung war vor Jahren der Kurs am Start geändert worden, erläutert sein Kollege Jörg Penseler: „Da ist viel passiert.“ Sie sind während der Planungsarbeiten im Wald auf Entdeckungstour gegangen, Hinweisen von Bekannten aus dem Bob-Club Cortina folgend.

Das Alte verstehen, um Neues zu bauen: Im Falle der Pista Olimpica Eugenio Monti, des jetzt allseits hochgelobten Eiskanals der Winterspiele 2026, war das so wichtig wie nie. Das Unternehmen IBG, von Eiskanalbau-Pionier Udo Gurgel gegründet, hat viele der heute noch genutzten künstlich unterkühlten Bob- und Rodelbahnen entworfen: von Calgary 1988 über Lillehammer, Salt Lake City, Turin, Vancouver bis Sotschi 2014. Aber entlang einer historischen Trasse eine neue zu konzipieren, das war auch eine Premiere für Richter und Penseler, die heutigen Partner der Firma.

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Darin lag allerdings nicht die größte Schwierigkeit. Bei Weitem nicht. In Cortina d’Ampezzo, schon 1956 Winterspielgastgeber, zieht sich die Bahn bis ins Wohngebiet. Sie ist Teil des Dolomitenstädtchens. Das macht ihren Charme aus im Vergleich zu anderen Olympiaausrichtern, die ihre Eiskanäle fernab des Geschehens in die Naturlandschaft frästen. Das heißt aber auch, dass nicht viel Spielraum blieb, zumal der Ferienort beständig wächst. Wo früher die Schlitten durch die unterste Kurve donnerten, steht heute eine Kletterhalle. Tennisplätze und ein Amphitheater wurden errichtet. „Da mussten wir durch, es war wenig Platz“, sagt Jörg Penseler, der Konstruktionsingenieur, „das sieht man ja alles nicht, wenn die Bahn fertig ist.“ Auch die Pfeiler der Gondelbahn, die zur Tofana schwebt, waren zu umgehen.

Das alles lässt sich berechnen. Unkalkulierbar jedoch war der Faktor Zeit.

Die Pista Olympica Eugenio Moni hat nach offiziellen Angaben 124,8 Millionen Euro gekostet

Noch immer sind die beiden Planer erstaunt, dass die neue Sportstätte mit 16 Kurven, 1745 Meter lang, nach nur elf Monaten Bauzeit fertig dastand, von den Fundamenten bis zur Bahnschale. „Es war ein sehr ambitioniertes Ziel“, sagt Entwicklungsingenieur Richter. „Ich will nicht von einem Wunder sprechen, aber die Italiener haben eine außergewöhnliche Leistung vollbracht.“

Das Leipziger Büro hatte eine Machbarkeitsstudie vorgelegt und im September 2022 die europäische Ausschreibung gewonnen mit seinen Projektpartnern ITS, Energytech und IGP Sterzing. Gemeinsam entwickelten sie bis März 2023 die Pläne für ein Vorhaben, für das sie normalerweise die doppelte Zeit benötigt hätten. Es folgte die Ausschreibung – doch bis zum Sommer fand sich keine Baufirma. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren, vermutlich lag es am Budget in Verbindung mit dem knappen Zeitfenster. Ein Fiasko für das Ausrichterland Italien, gut zweieinhalb Jahre vor Beginn der Spiele.

Bahnruine: Die alte Kunstbahn von Cortina d’Ampezzo, durch die auch James Bond gerauscht war, wurde 2008 stillgelegt und 2022 abgetragen.
Bahnruine: Die alte Kunstbahn von Cortina d’Ampezzo, durch die auch James Bond gerauscht war, wurde 2008 stillgelegt und 2022 abgetragen. Alamy Stock Photos / TRFilm/mauritius images

Es war die Phase wilder Spekulationen über Notfallszenarien. Die Wettbewerbe im Eiskanal – Rodeln, Skeleton, Bob – sind als Teil des Olympiaprogramms unverhandelbar. Sollte in Igls in Österreich gerodelt werden? Die Bahn in Lake Placid in den USA stünde eventuell zur Verfügung, hieß es, als Überseestandort. In Cortina und Umgebung flackerten die ohnehin teilweise starken Vorbehalte gegen den Neubau wieder auf. Es war dann ein „Basta“ aus Rom von Italiens Infrastrukturminister Matteo Salvini, das die Debatten beendete. Der starke Mann im Kabinett von Ministerpräsidentin Meloni machte das Projekt zur Chefsache und setzte es durch, gegen Widerstände sogar aus dem IOC.

Das Leipziger Büro ging mit seinen Projektpartnern also noch einmal ans Planen. Sie legten ein „Light-Projekt, eine abgespeckte Version“ vor, wie Richter sagt. Die Sportanlage wurde auf ihren für den Wettkampf essenziellen Kern reduziert – mit dem Ziel, Baukosten und Bauzeit zu sparen. Die Trasse, die Kurven, die Sicherheitsvorkehrungen seien unverändert geblieben, dafür wurden Abstriche am Raumkonzept, an der Optik, an teuren Außenverkleidungen gemacht. Das war im Oktober 2023. Daraufhin, so Richter, hat man für die zweite Ausschreibung, für das Light-Projekt, Anfang 2024 die Firma Pizzarotti gefunden, den zweitgrößten Baukonzern in Italien: „Und die legten sofort los.“

Die große Eisschlange vor Cortina.
Die große Eisschlange vor Cortina. Simone Padovani/Getty Images

Mit dem Abbruch der Bahnruine, durch die in den 1980er-Jahren sogar Roger Moore alias James Bond im Film „In tödlicher Mission“ gekurvt war, hatte man schon vorher begonnen. Sie wäre nicht mehr zu retten gewesen, heißt es unisono von den Ingenieuren und Mitgliedern der Bahnkommission der internationalen Fachverbände. Die alte „Pista Eugenio Monti“, benannt nach Italiens berühmtestem Bobfahrer, war schon seit 2008 aus Kostengründen ungenutzt. Sie erfüllte die Sicherheitsanforderungen nicht mehr. Und die Kältetechnik war defekt.

Belvedere: Schöne Aussicht heißt eine Kurve, aber das könnte auch für die gesamte 1700 Meter lange Anlage mit Dolomitenblick gelten.
Belvedere: Schöne Aussicht heißt eine Kurve, aber das könnte auch für die gesamte 1700 Meter lange Anlage mit Dolomitenblick gelten. Carmen Mandato/Getty

Zunächst baute die Firma Pizzarotti ein Testmodell: das Teilstück einer Kurve, exakt nach planerischen Vorgaben, in Originalgröße im Verhältnis 1:1. Für dieses 15 Meter lange sogenannte Mock-up, „mit Kühlung, mit allem Drum und Dran“, wurde eine freie Fläche am Ortsrand genutzt, sagt Richter. „Eine Bobbahn wird ja selten gebaut. Und es ist schwierig: Das ist eine mehrfach gekrümmte Schale im Gebirge mit 114 Metern Höhendifferenz, in beengten Verhältnissen, mitten im Ort.“ Es sei sinnvoll, das vorher mal zu üben.

Denn auch die Kühlung ist eine Besonderheit: Anders als bei Eisbahnen zuletzt üblich, wird Cortinas innerstädtischer Eiskanal nicht mit Ammoniak, sondern mit Glykol gekühlt. Die kalte Flüssigkeit wird durch die Bahnschale gepumpt. Ein solches Verfahren, sagt Richter, wurde schon 1998 in Nagano genutzt.

Zwei Goldmedaillen haben Italiens Athleten in der neuen Bahn errodelt

Dass der komplette Bahnbau schließlich in nur elf Monaten fertig werden konnte, lag auch am fortschrittlichen planerischen Design, einer Modellierung. Alle Fachplaner speisten ihre Informationen ein – „bis zur letzten Schraubenmutter“, sagen die Ingenieure von IBG. So ließen sich etwa exakte Mengenangaben für die Baustelle abfragen oder Elemente leichter vorproduzieren. Ein solches Verfahren sei auf Großbaustellen üblich – für eine Bob- und Rodelbahn aber war es Neuland. Im März 2025 fand die Vor-Homologierung statt, Testläufe von Athleten samt Abnahme durch die Weltverbände.

Und so liegt sie nun da, die Pista Olympica Eugenio Moni, die nach offiziellen Angaben Salvinis vom Januar 124,8 Millionen Euro teuer war. Stolz der Ampezzani und von tutto Italia. Zwei Goldmedaillen haben die Italiener hier errodelt. Und weil sie zu Fuß zu erreichen ist, hofft man, dass auch Kinder hier den Schlittensport wieder lernen. Der Start für die Bobs liegt ungefähr an der früheren Position, aber der Kurs wurde neu berechnet, modernisiert und zum Teil entschärft. Die Namen der Kurven – Verzi, Sento, Bandion, Antelao, Cristallo – wurden übernommen. Und es soll auch ein Museum an der Bahn geben, sagen die Ingenieure Mike Richter und Jörg Penseler. Irgendwann nach den Spielen. Dafür war die Zeit tatsächlich zu kurz.

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