Bobfahrerin Alexandra Burghardt:Fremdgehen im Eiskanal

Lesezeit: 3 min

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Sprinterin im Hauptberuf: Alexandra Burghardt verpasste bei den Olympischen Sommerspielen 2021 in Tokio nur knapp das Finale über 100 Meter.

(Foto: Gladys Chai von der Laage/Imago)

Leichtathletin Alexandra Burghardt plant zweigleisig: In Peking könnte sie als Bob-Anschieberin ihre erste Olympiamedaille gewinnen - und auch als Sprinterin von der Symbiose profitieren.

Von Ewald Walker

Wenn die Leichtathletin Alexandra Burghardt an den kommenden Sommer denkt, kann sie über Langeweile nicht klagen. Bei der WM in Eugene/USA im Juli würde Burghardt gerne am Finale über 100 Meter mitwirken, mit der Sprintstaffel außerdem eine Medaille gewinnen. Der emotionale Höhepunkt sollen die Europameisterschaften werden, die Ende August im Münchener Olympiastadion steigen. Wenn alles ganz prächtig läuft, wird die 27-Jährige der Konkurrenz bis dahin eine weitere emotionale Erfahrung voraus haben: die Olympiateilnahme im Bobsport, bei den Winterspielen in Peking im kommenden Februar - sechs Monate, nachdem Burghardt bei der Sommer-Ausgabe in Tokio über 100 Meter knapp das Finale verpasst hatte.

Sprinter im Bobsport sind keine Seltenheit: Der frühere Zehnkampf-Weltrekordler Guido Kratschmer aus Mainz hat es versucht, der Potsdamer Kevin Kuske avancierte mit vier Olympiasiegen zum bislang erfolgreichsten Anschieber weltweit. Sogar Tyson Gay, der einst schnellste 100-Meter-Sprinter der Welt (9,69 Sekunden), suchte nach seiner Dopingsperre mit 34 sein Glück als Anschieber.

Und was zieht nun Burghardt, im vergangenen Sommer die schnellste Deutsche über 100 Meter, in den Bob? "Es ist die neue Herausforderung, die Geschwindigkeit und natürlich die Chance auf eine olympische Medaille", sagt sie. In Tokio hatte sie das Podium mit der Staffel wieder einmal knapp verfehlt, als Fünfte.

Nach Anschubtests in Oberhof und nur drei Testfahrten im Eiskanal gab sie beim Weltcup in Innsbruck vor Kurzem ihr Debüt: als Anschieberin im Zweierbob von Olympiasiegerin Mariama Jamanka, eine ehemalige Leichtathletin übrigens, deren einstige Anschieberin Lisa Buckwitz mittlerweile selbst Pilotin ist. "Ein guter Einstand, auch wenn noch nicht alles optimal lief", sagt Burghardt. Bis Weihnachten stehen an: eine Trainingsphase in Winterberg, dann die Weltcups in Winterberg und Altenberg. Nach Innsbruck war aber erst mal wieder Sprinttraining angesagt, denn Burghardt plant weiterhin zweigleisig. Beziehungsweise: zweikufig.

"Am Ende profitieren beide Sportarten von dieser Symbiose", glaubt der Bundestrainer

Bei aller Reiserei im Zeichen des Sports: Heimat ist Alexandra Burghardt wichtig geworden. Nach Ausflügen in Mannheim, St. Pölten sowie Linz kehrte sie vor der Corona-Pandemie zu ihrem Heimatverein SV Wacker Burghausen zurück. Als das Coronavirus auch den Leichtathletik-Betrieb in den Stillstand zwang, sah Burghardt das als Chance, ihre langwierigen Verletzungssorgen abzuschütteln: "Ich bin sechs Monate nicht gelaufen, habe körperlich sowie mental einen kompletten Neuaufbau begonnen", erinnert sie sich.

Den Anstoß gab vor allem Patrick Saile, 34, ein ehemaliger Sprinter aus dem schwäbischen Pliezhausen, der zuvor Trainer beim bayrischen Leichtathletikverband war - und im Bobsport-Verband in München. In knapp zwei Jahren steigerte sich Burghardt unter ihrem neuen Coach von 11,32 auf 11,01 Sekunden. Im vergangenen Sommer gewann sie beide nationalen Sprint-Titel, über 100 und 200 Meter. Mit ihrer Bestzeit über 100 Meter war sie zuletzt die Nummer vier in Europa, das schürt auch für die EM in München Hoffnungen: "Als schnellste Deutsche und Lokalmatadorin dort eine Medaille zu gewinnen, wäre schon der Hammer", sagt sie. Alle zwei Wochen fährt sie derzeit zu Saile nach Zürich und trainiert dort im Letzigrund, weil ihr Trainer mittlerweile hauptamtlich die Schweizer Leichtathletik-Sprinter betreut.

BMW IBSF World Cup Innsbruck - Day 3

Im Winter nun etwas wärmer verpackt: Burghardt zwischen den Zweierbob-Weltcupläufen bei ihrem Debüt in Innsbruck.

(Foto: Jan Hetfleisch/Getty Images)

Für Saile, der auch die zweimalige WM-Bronzegewinnerin Laura Nolte trainiert, hat Burghardts Winterreise auch pragmatische Gründe: Der explosive Start im Eiskanal, aus der Hocke heraus, sei durchaus mit dem Start aus dem Sprint-Block vergleichbar, sagt er; auch deshalb habe er Burghardt schon früher mit Übungen aus dem Bobsport geschult. Burghardt schätzt auch die Vorteile für den Kopf, wenn man sich ab und zu aus dem Alltagstrott löst. "Bobfahren ist die Kirsche aufs Sahnehäubchen", sagt sie. Die Kräfte, wenn das Gefährt durch die Steilkurven jage, seien gewaltig, "da drückt dich eine unsichtbare Hand gegen den Schlittenboden". Angst habe sie aber keine.

Auch Ronald Stein, der Bundestrainer für das Ressort Sprint im Deutschen Leichtathletik-Verband, hat keine Einwände gegen das Fremdgehen. Burghardt verfüge über eine hohe Grundschnelligkeit, beschleunige äußerst schnell, was auf den rund 40 Meter langen Startrampen des Bobsports essenziell ist. Mit 72 Kilogramm habe sie zudem ein Idealgewicht, um den 170 Kilo schweren Bob anzuschieben. "Am Ende profitieren beide Sportarten von dieser Symbiose", glaubt Stein, einst Junioren-Weltmeister im Bobfahren übrigens. Wann ist der olympische Sommer-Kernsport schon mal derart im Winter präsent?

Nach ihrer Eiszeit bis zu den Weihnachtsfeiertagen wird sich Burghardt wieder in eine Leichtathletin verwandeln, mit einem zehntägigen Trainingslager in Teneriffa. Dann übernimmt Kira Lipperheide, ebenfalls Sprinterin, als Jamankas Anschieberin. Sollte Burghardt für Peking den Vorzug erhalten, könnte sie nach dem Zweierbob-Finale am 18. Februar zurückfliegen und eine Woche später bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig im 60 Meter-Finale im Startblock stehen. Vielleicht ja mit einer olympischen Medaille im Gepäck.

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